Anastasiya (Nastja) Volokitina, Foto: (c) Peng!

Live CV
Nehmt keine Drogen – hört lieber auf die „Nachtfarben“!

Von

Ende der 70er – die Beatles reisten nach Indien zu Maharishi Mahesh Jogi, Timothy Leary proklamierte „Turn On – Tune In – Drop Out“ und warf sich eine ordentliche Dosis LSD25 in den Kopf, Stanislav Grof entwickelte die holotrope Atemtechnik, und John C. Lilly experimentierte mit Vitamin K (Ketamin).

Das alles fand statt, um ein erweitertes Bewusstsein zu erreichen. Dies schlug sich auch in der Musik nieder, die immer psychedelischer wurde und zum Träumen, mit oder ohne Drogen, einlud. Und heute? Okay, Drogen sind immer noch in vieler Leute Hirn, und viele junge Menschen feiern Helene Fischer und die zunehmende Rückkehr des deutschen Schlagers, ein deutliches Zeichen massenindividueller Eskapismusversuche – die Flucht in eine pseudoromantische Welt, um anschließend die Erlebnisse per Massenkommunikationsmittel in die Welt zu tragen.

Und im internationalen Musikkonsum scheint es da auch nicht anders zu sein – vielleicht bis auf einige Ausnahmen. Anders im Jazz und den Jazz-übergreifenden Musikbereichen, in denen es immer wieder große Überraschungen gibt, da die Künstler sich nicht in erster Linie um den Massengeschmack kümmern, sondern ihre musikalischen Visionen umsetzen wollen. Die Konzerte der „Foursonics“ und „Luca Sisera´s ROOFER“ im Monat November gehörten eindeutig mit dazu.

Nachtfarben, Foto: (c) Peng!Nachtfarben, Foto: (c) Peng!

Aber Musik, die zum inneren Abheben taugt und neue Räume entstehen lässt, wird leider immer seltener. Wir können sie jedoch in der Musik der Band „Nachtfarben“ wiederfinden. Sie erzählt uns von Träumen, Mondseen, den verborgenen Dingen in einer Truhe oder auch den Nordwinden in melodischen, aber dennoch komplexen musikalischen Strukturen, die oftmals aus den Anfangs-Rhythmen der Stücke entstehen. Das feine, hintergründige Gitarrenspiel von Markus Rom, das sich langsam in den Vordergrund traut und dadurch dem Gesamtklang eine besondere Note verleiht. Dieser Musik, den Hörsinn geschärft, aufmerksam zu lauschen, erweitert das Bewusstsein.

Doch nun zu den Anfängen der Band, deren Musiker aus Leipzig, Weimar und Berlin zu diesem interessanten Ensemble zusammengefunden haben. Schon mit ihrer ersten CD, die schlicht und einfach hieß wie die Band, die sie produzierte, „Nachtfarben“, erreichten sie einiges Aufsehen. Die Sängerin Anastasiya (Nastja) Volokitina wurde für ihren Gesang gelobt und mit Julie Driscoll verglichen, und die Presse schrieb: „... eine der spannendsten neuen Jazz-Formationen des deutschen Sprachraums. [...] Das Timbre der Stimme von Sängerin 'Nastja' integriert sich in der vorwiegend „instrumentartigen“ Verwendung unglaublich gut in den Ensembleklang. Diese Band besitzt großes Potential ...“

Anastasiya (Nastja) Volokitina, Foto: (c) Peng!Anastasiya (Nastja) Volokitina, Foto: (c) Peng!Auch das damalige Konzert und die Vorstellung der ersten CD am 19. Mai 2017 im Live-CV wurden vom Publikum gefeiert. Eben eine ausnehmend gute Band mit toller Musik!! Was aber ist in den letzten 1,5 Jahren geschehen? Zum Glück aller besteht die Band noch immer. Allerdings ist die hochgelobte Sängerin nicht mehr dabei, da ihre eigenen Projekte ihr die Zeit nehmen.

Die Ansage zu der Vorstellung der zweiten CD „AIRA“, die sie präsentierten: „... und alle, die das erste Konzert von Nachtfarben gehört haben – Eure Erwartung wird nicht erfüllt ! – (ein lautes 'Oh' war zu hören) – denn sie wird bei weitem übertroffen!“ Und das wurde wahr! Die neue Sängerin Ganna Gryniva mit ihrer präzisen Altstimme ist eine wahre Bereicherung für das Ensemble. Nicht nur improvisierend dabei, sang sie viele Stücke vom Blatt, was beim Zuschauen unglaublich erschien, da ihre Mimik so präsent und vielfältig war, dass sie kaum Zeit hatte, die Noten abzulesen.

Mastermind Martin Bosch, am selten auf einer Jazz-Veranstaltung zu sehenden Fender Precision Bass, komponierte alle Stücke im Alleingang. So fein auf die Musiker abgestimmt, dass ein jeder seine Stärken auf vielfältige Weise zum Ausdruck bringen konnte. Schlagzeuger Clemens Litschko erschuf durch sein feinfühliges Spiel eine besondere Spannung, die zusammen mit dem Bass immer wieder mal in den Hintergrund trat, um der Gitarre und den Keys Raum zu lassen.

Martin Bosch, Foto: (c) Peng!Martin Bosch, Foto: (c) Peng!

Auffallend war auch das Spiel des Pianisten Jonas Timm, der im Februar mit seinem Trio seine empfindsamen Kompositionen vorstellte, die durch in Myanmar (gleichnamiges Album) gesammelte Eindrücke entstanden waren, und damit einen tiefen Einblick in seine Klang- und Empfindungswelt gab. Da standen 5 großartige Solisten auf der Bühne, die sich aber dem Gesamtklang unterordneten und so eine homogene Einheit ergaben, ohne ihr jeweiliges Können zu verleugnen. Und genau das war es, was die Gäste zu Begeisterungsstürmen hinriss.

Auf der neuen CD „Der Schall des Alls der freie Fall im Hall der Knall im All, lautlos überall – AIRA“ wurde die Band auf einigen Aufnahmen durch einen DJ unterstützt. Auf der Bühne fehlend, wurden seine Parts von der wunderbaren Ganna (die Notiz auf der Setlist: „Vocals machen DJ Sounds Ų ausprobieren“) improvisiert. „Nachtfarben“ machen wunderbar psychedelisch anmutende Musik, die durch verschiedene Genres beeinflusst wird. Sie klingen nicht wie diese oder jene Band – sie klingen ganz einfach nur wie „Nachtfarben“.

Nachtfarben, Foto: (c) Peng!Nachtfarben, Foto: (c) Peng!

„AIRA“ – das ist pulsierende Musik unserer Zeit, die weit über den Jazz hinausgeht. Alles klingt und schwingt gegen die irdische Geometrie, und während nur eines Augenaufschlags entsteht und vergeht ein mikroskopisch zirkelnder Kosmos. (Zitat)

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Fotos: (c) Peng!

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