Gedankensplitter zu Jazz Baltica 2014

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Nils Landgren: „Und begrüßen Sie die Band so, wie es nur hier in Niendorf üblich ist! Für mich ist es das Himmelreich, nun, noch ein bisschen besser, denn hier in Niendorf gibt es auch Bier!“, beantwortete Nils Landgren, Mastermind und Macher der JazzBaltica die selbstgestellte Frage, ob wir, das Publikum wüssten, wie es für ihn sei, da oben auf der Bühne zu stehen und eine interessante Formation nach der anderen vorzustellen (und ab und zu sogar selber noch mitspielen zu dürfen).

Gemessen an den langen Schlangen vor den Eintrittstoren, der entspannten Atmosphäre und dem Jubel nach den Darbietungen schien das Publikum Landgrens Einschätzung zu teilen. Und mit dem Posaunisten, der von Anfang an bei JazzBaltica mitmischte und vor drei Jahren die Regie übernahm, sind wir bei der Hauptperson, die sich diesen Titel selber nicht geben würde: Nils Landgren, ein charismatischer Festivalleiter, der mit seiner Natürlichkeit beindruckt, der überall zugleich zu sein scheint, teilweise mit Hilfe eines Fahrrads von Bühne zu Bühne eilt und sein Red Horn stets in Griffweite hat. Als beispielsweise geduldig in der Schlange wartende HörerInnen Landgren aufforderten, doch mit seiner Posaune etwas gegen die Langeweile zu tun, war er tatsächlich fünf Minuten später vor Ort und gab eine kleine Improvisation zum Besten! Er ist präsent, unprätentiös und steckt mit seiner Vitalität und guten Laune einfach an.

Da vergibt man auch mal so etwas wie die Wahl des diesjährigen JazzBaltica Förderpreises an: »Me And My BoomBox«, die angeblich Einflüsse von HipHop, Electro, Funk und Pop zu einem modernen Soundcocktail verquirlen. Warum die siebenköpfige Band um den Hamburger Posaunisten Matti Wagemann den Preis abgreifen konnte, bleibt mir ein Rätsel. Hatten sich so wenige Bands beworben? Seichter Teeniepop mit einem bisschen HipHop und befindlichkeitstriefenden Texten sollen die Zukunft des Jazz sein? Da hilft auch nicht das eine oder andere gute Posaunensolo. Ich sehne mich nach früheren Zeiten, als virtuous aufspielende Bands wie FIROMANUM den Förderpreis erhielten.
 
 
Ganz in Tradition „alter Zeiten“ hingegen war das JazzBaltica Ensemble 2014, das unter dem Motto „Youngsters & Oldies - vital & variantenreich“ am Freitag den Start in der Evershalle machte. So vielfältig wie die Herkunft der Mitglieder waren auch die einzelnen Stücke: Hildegunn Øiseth (tp, cowh), Janning Trumann (tb), Raivo Tafenau (sax), Katharina Thomsen (bs), Sandra Hempel (g), Eva Kruse (b), Anders Kjellberg (dr) und Lisbeth Diers (perc), alle aus dem baltischen Raum, trugen über vielfältige Arrangements wie Soli zu einem äußerst gelungenen Auftakt bei. Mal verspielt, mal treibend fließend, dann beinahe aufbrausend präsentierte das für Jazzverhältnisse ungewöhnlich mit mehr Frauen als Männern bestückte Ensemble fast alle Spielarten des Jazz. Und immer wieder mal durfte auch Meister Landgren zum Gelingen beitragen, sei es als Verstärkung der Bläser, sei es mit einem gelungenen Solo, gerade zum Schluss, als es so richtig funky wurde.
 
Mit der Wahl des zweiten Teils ging der Festivalleiter ein Wagnis ein. Die Ale Möller Band, Wanderer zwischen musikalischen Welten begann sehr folklastig. Würde das hier ankommen? Als der Schwede Möller im dritten Stück seine Flöten, die glücklicherweise, wie er scherzte, da ohne Löcher sehr leicht zu spielen waren, aus dem Ständer nahm, ging die Post ab. Seine bald 60 Jahre sind diesem empathischen Energiebündel (mandola, fl, acc, shawm) nicht anzumerken. Mit einer ungeheuren Spiel- wie Lebensfreude riss er die anderen Mitglieder ebenso wie das Publikum mit und war nicht mehr aufzuhalten, wenn er sich mit Landsmann Magnus Stinnerbom instrumentelle Duelle lieferte. Dann sprang er hüpfballgleich über die Bühne und freute sich wie ein in die Jahre gekommener Lausbub, dem eben wieder etwas ganz Fantastisches gelungen war.
 
 
Begeisternd auch Mats Öberg, ebenfalls aus Schweden, der nicht nur sein Keyboard sondern parallel die Mundharmonika bespielte. Wie er immer wieder nach letzterer tastete, ließ erkennen, dass er die Instrumente im wahrsten Sinne des Wortes blind beherrschte. Ich bin kein großer Fan des Synthesizers, aber wenn jemand das Instrument so spielt wie Öberg und dann noch so gekonnt dazu scattet, könnte ich gerne mehr davon haben! Dann der Kanadier Sebastian Dubé, der nicht nur mit einem fünfseitigen Bass, sondern auch mit gewaltigem Bart und ekstatischem Tanz beindrucken konnte. Dem standen auch die Griechin Maria Stellas (voc, finger, cymbals, dance) und der Senegalese Mamadou Sene (voc, dance, riti) in Nichts nach. Bleibt nur noch der Mexikaner Rafael Huizar Sida (dr, perc) zu erwähnen, der allen ein klares wie gefühlvolles rhythmisches Rückgrat gab. Alle zusammen lieferten Musik mit enorm viel Energie, Seele und Tiefe - variantenreich und immer wieder wunderschön improvisiert, was das Wagnis gelingen ließ.
 
Ein letzter Gedankensplitter: Magnus Lindgren + Friends: Der Funk Unit-Saxophonist mit seiner neuen Band begann mit einer ausgiebigen Interpretation des alten Police-Klassikers „Wrapped around your Finger“ gut und verflachte dann zunehmend. Trotz des großen Potentials des Multiinstrumentalisten Lindgren (reeds, flute, keys) und seiner MitstreiterInnen: Margareta Bengtsson (harp, voc), Torsten Goods (g, voc), Concord Nkabinde (b, voc) und Robert Ikiz (dr) blieben die Stücke immer wieder etwas zu seicht. Es war deutlich zu erkennen, dass alle auf der Bühne ihre Instrumente beherrschen, doch verloren sich die fünf immer wieder in allzu gefällige Klangspiele und sangen - es gibt Instrumentalisten, die haben gute ausdrucksstarke Stimmen, selbst wenn sie nicht unbedingt singen können. Aber die Freunde von Magnus Lindgren sollten das Singen vielleicht doch besser SängerInnen überlassen. O.K., das ist vielleicht Jammern auf hohem Niveau, und dem Applaus nach zu urteilen kam's an. Doch spätestens, als sich Nils Landgren auf der Bühne mit seinem früheren Mitstreiter der Funk Unit instrumentell verbündete, zeigte sich mir, dass die Truppe, wenn sie mal freier improvisiert, auf ein ganz anderes Level kommen kann.
 
 
Und dann waren da ja noch Ida Sand & The Gospel Truth, Trilok Gurtu, Viktoria Tolstoy & Jacob Karlzon, die Jazzkantine und ein paar (Altbekannte) mehr, die zusammen mit Landgren und den oben beschriebenen Rahmenbedingen dafür sorgten, dass wir uns alle trotz des frühherbstlichen Wetters, das um die Zeit zur Gewohnheit zu werden scheint, auf ein JazzBaltica 2015 freuen werden.
 

Fotos: Nicolaus Fischer-Brüggemann
 
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