Joseph Joachim, ca. 1870

Ein ungewöhnliches Digitalisierungsprojekt am Brahms-Institut
„Joseph Joachim in die Post geschaut“

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Das Brahms-Institut am Jerusalemsberg hat sein Angebot um einen spannenden Bereich erweitert. Seit 2002 bemüht man sich dort, Forschung und Interesse an Johannes Brahms zu erleichtern, indem ein Teil der reichhaltigen Bestände im Internet über digitale Archive zugänglich gemacht wird.

Das begann mit der reizvollen Sammlung privater Fotos aus Johannes Brahms Nachlass, Erst- und Frühdrucke folgten bis hin zu Persönlichem wie sein Adressenbuch. Auch was nicht direkt zum Brahms-Erbe zählt, kann inzwischen eingesehen werden, darunter ihm gewidmete Kompositionen, Manuskripte anderer Musiker aus seinem Umfeld sowie ein Teil des Nachlasses des über Jahrzehnte mit Brahms befreundeten Theodor Kirchner, Komponist, Dirigent und Pianist wie er. Ein besonderes Feld und von hohem kulturhistorischen Reiz sind die Erst- und Frühdrucke der Werke Robert Schumanns, des väterlichen Freundes, der zusammen mit seiner Frau Clara für den jungen Hamburger so wichtig geworden ist.

Was jetzt hinzukam und seit dem 21. März 2018 „freigeschaltet“ ist, wie es mediengerecht heißt, ist ein anderer Schatz aus dem umfangreichen Archiv des Institutes. Es ist der Teilnachlass des Geigers Joseph Joachim (1831–1907), auch er Freund und Weggefährte von Brahms. Unter www.brahms-institut.de ist er für jeden im Internet aufzurufen. Auch diese Dokumente stammen zum größten Teil aus einem Bestand, den das seit Jahren in Lübeck lebende Ehepaar Renate und Kurt Hofmann, Ehrenprofessoren des Landes Schleswig-Holstein, mit Leidenschaft und Sachkunde zusammengetragen hat. Es leitete von 1990 bis 1999 ehrenamtlich das Brahms-Institut, nachdem es der Musikhochschule Lübeck seine Sammlung als Fundus für wissenschaftliche Arbeiten überlassen hatte. Seit 1999 ist der Musikwissenschaftler Prof. Dr. Wolfgang Sandberger hauptamtlich Institutsleiter und verwaltet, erforscht und vermehrt mit seinen Mitarbeitern den bedeutsamen Besitz. Dabei ist ihm die Digitalisierung der Sammlung ein besonderes Anliegen.

Prof. Dr. Wolfgang Sandberger, Foto: DTN/Mathias BrösickeProf. Dr. Wolfgang Sandberger, Foto: DTN/Mathias Brösicke

Das Brahms-Institut ist durch seine Arbeit zu einer weithin anerkannten wissenschaftlichen Forschungsstelle geworden. Solch Renommee hilft, Gelder einzuwerben, die etwa das aufwändige Digitalisieren erst möglich machen. Das gerade abgeschlossene, seit 2016 laufende Projekt um Joseph Joachim wurde aus Mitteln der Hamburger „Herrmann Reemtsma Stiftung“ unterstützt. So konnte Dr. Fabian Bergener, von Volker Schmitz ehrenamtlich unterstützt, die 900 Briefe von Joseph Joachim an seinen Bruder Heinrich bibliothekarisch erfassen und einscannen. Diesmal hat man sich noch zu einem letzten Schritt entschlossen, die Handschriften zu entziffern und zu transkribieren. Wie notwendig das ist, zeigt ein Blick auf die teils schwer lesbaren Originale, wir gut das ist, zeigt sich darin, dass die Briefsammlung wie ein Brieftagebuch zu lesen ist, das ein sehr persönliches Zeugnis von einem ungewöhnlichen Künstlerleben gibt.

Joseph Joachims Bedeutung für seine Zeit ist kaum zu überschätzen. Er, der hochbegabte Geiger, war es z. B., der 1844 mit 13 Jahren unter Felix Mendelssohn Bartholdys Leitung in London Beethovens Violinkonzert spielte und dem jahrzehntelangen Vergessen entriss; er war es, dem die Komponisten Robert Schumann, Max Bruch, Johannes Brahms und Antonin Dvořák Violinkonzerte widmeten, Werke, die allesamt zum Kanon der bedeutendsten ihrer Art zählen. Und er war es, der dem Geigenspiel als sich dem Werk unterordnender Virtuose, als Kammermusiker, als Lehrer, als Gründungsdirektor der Königlichen Musikhochschule in Berlin und als Kenner und Sammler außergewöhnlicher Geigen enormes Ansehen brachte.

Johannes Brahms und Joseph Joachim, 1867Johannes Brahms und Joseph Joachim, 1867Dass er sich selbst in seiner Jugend gern als Komponist gesehen hätte und es durch übergroßen Selbstzweifel nicht wurde, ist die Tragik seines Lebens. Es klingt wehmütig, wenn er im Frühjahr 1847 an seinen Bruder schreibt: „Ich möchte so gerne was Großes in der Kunst leisten!“ Zu deuten ist das mit 16 Jahren Formulierte als selbstkritische Unzufriedenheit mit seinen Kompositionen. Das bewog ihn später, das Komponieren ganz aufzugeben, obwohl Liszt, Schumann oder Brahms sein Können schätzten.

Die Briefe sind zumeist an seinen sechs Jahre älteren Bruder Heinrich gerichtet, später auch an dessen Frau Ellen Margarete (ca. 1844–1924), als Smart geborene Engländerin. Ein Teil der Schreiben ist deshalb auch in englischer Sprache verfasst. Heinrich ist für den Jüngeren eine Art Mentor, einer, an den er sich immer wieder in sehr vertraulicher Art richtete. Das führt beim Lesen manchmal dazu, dass es einem wie ein Eindringen in eine schutzwürdige Privatsphäre vorkommt. Man kann und sollte nicht vergessen, dass die Texte keine Fiktion sind. Man hat eben „Joseph Joachim in die Post geschaut“, wie die digitale Veröffentlichung plakativ genannt wird.

Es berührt, wenn er wiederholt den Bruder bittet, die Briefe nicht anderen zu zeigen. Seine Probleme sind auch wahrlich nicht klein, die mit dem Alltäglichen zusammenhängen, mit Geldnöten oder politischen Umständen, mit gesellschaftlicher Anfeindung, weil er jüdischer Abstammung war oder anderer politischer Überzeugung. Und da sind familiäre Probleme, mit seinem Sohn Hermann etwa, aber besonders die ehelichen, bei denen sogar Freunde wie Brahms sich an die Seite von Amalie stellten, einer Sängerin.

Brief von Joseph Joachim an Heinrich Joachim, Leipzig, Oktober 1848Brief von Joseph Joachim an Heinrich Joachim, Leipzig, Oktober 1848Wer Biografisches oder Brief-Romane gern liest, wird hier voll auf seine Kosten kommen, zumal die Transkription den Zugang sehr erleichtert, wenn nicht wegen des heutigen Zustandes einiger Dokumente gar erst ermöglicht. Bei einigen Briefen ist das Lesen des Originals kaum möglich, wenn man die kostbaren Manuskripte nicht in Händen halten kann. Dazu zählt etwa der Brief „Leipzig, am Octbr. 848“ mit der Signatur „Joa : B1 : 12“. Er beginnt so: „Geliebter Bruder! Wie kannst du nur denken, daß Zürnen der Grund meines Nichtschreibens sei! Könnte ich es den je über das Herz bringen, einem so liebevollen, wohlwollendem Bruder und Freunde böse zu sein? Gewiß nicht!“ Abgesehen von dem Verhältnis zum Bruder, das dieser Brief umschreibt, wird die Sorge um Verwandte und Freunde artikuliert, die in Wien und Ungarn in einer politisch argen Situation leben, Flucht und Vertreibung erdulden müssen.

Auch das unterschiedliche Denken der beiden Brüder kommt zur Sprache, das Joseph Joachim ausbreitet, dann damit beendet: „Doch genug von meinen jungen, grünen, politischen Ansichten! Ich sollte mich fast schämen, sie vor einem erfahrenen, und noch dazu vom Nestor der Freiheit, John Bull, politisch gebildeten Zöglinge in der Politik, ausgekramt zu haben.“ Doch nicht nur das macht den Brief zu einer Besonderheit. Wohl um Platz und Porto zu sparen, ist er in schwarzer Tinte angefangen, dann von unten nach oben in roter Tinte vollendet!

Im November 1853 (Joa : B1 : 41) berichtet Joseph Joachim dem Bruder, dass er inzwischen als Königlicher Konzertmeister in Hannover eine gesicherte Festanstellung habe, die ihm „eine Art von ‚Autorität‘ verleiht, und einige Erfolge“ brächte. Dazu gehörte die „Aufführung meiner Hamlet=Ouverture“. Aber darüber „war nichts Gutes zu berichten: Das Orchester war schlecht, zudem ist Schumann [gemeint ist Robert Schumann] ein ausgezeichneter, dichterischer Mann, und großer Musiker, aber leider kein ebenso guter Dirigent“. Zum Schluss findet man seine erste Erwähnung von Johannes Brahms: „Mein einziger Umgang ist jetzt hier ein junger Hamburger, Namens Brahms, ein 20jähriges gewaltiges Talent in Komposition und Klavierspiel, das der Dunkelheit zu entreißen, mir das Glück ward. Nächstens einmal mehr darüber.“

Brief von Joseph Joachim an Heinrich Joachim, [Berlin,] 8. Juli [1892]Brief von Joseph Joachim an Heinrich Joachim, [Berlin,] 8. Juli [1892]Welchen Ruhm Joachim hatte, zeigt sich im Brief vom 8. Juli 1892 (Joa : B1 : 612). Er schrieb, jetzt im Alter von 61 Jahren: „Gestern wurde ich durch den Besuch des Kammerherrn der Kaiserin überrascht, der mir mittheilte, daß I.M. mich zu tisch in Potsdam laden lasse, und fragte ob ich ihren Wunsch erfüllen wolle bei dieser Gelegenheit nachher zu musiciren. Ich habe natürlich zugesagt, und erwarte für Dienstag die Einladung. Ein Glück, daß der Kaiser verreist ist, denn es wäre mir sehr peinlich nach der Geschichte mit Herman vor ihm bonne mine zu machen.“ Die „Peinlichkeit“ ist ein eigentlich verbotenes, dennoch damals gesellschaftlich gefordertes Duell seines Sohnes, über das er an anderer Stelle seinem Bruder verschämt berichtet, eins der vielen lesenswerten Ereignisse.

Dem Brahms-Institut ist mit dieser Veröffentlichung, auch wenn sie keinen zusätzlichen erläuternden Apparat besitzt, etwas gelungen, was auf ein großes Interesse stoßen dürfte.

Arndt Voß
Aufgewachsen in Neumünster, in Lübeck seit 1959. Studium in Kiel und Hamburg (Musik- und Literaturwissenschaft). Ständige Mitarbeit an den Lübeckischen Blättern von 1974 bis 2014, Berichte und Kritiken darüber hinaus in einigen anderen Organen. Schwerpunktthemen: Musiktheater, Schauspiel, Konzerte.
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