Helene Bockhorst, Foto: (c) Thomas Schmitt-Schech

Solo-Show „Die fabelhafte Welt der Therapie“ im Filmhaus
Die gar nicht fromme Helene plaudert über Sex

Karla LettermanVon

Bockhorst heißt sie, den Namen kann man sich schon mal merken. Ihr Vorname ist nicht irgendeiner: Hört man „Helene“, fällt einem atemloses Getöse durch die Nacht ein. Doch so ist Helene Bockhorst nicht.

Sie steht da, am Donnerstagabend im Filmhaus, ganz ruhig, und spricht, ganz sanft. Vielleicht denkt man jetzt an Wilhelm Buschs „fromme Helene“. Doch auch das ist die Bockhorst nicht: Sie spielt nicht ohne Sinn und Verstand ein paar Streiche, um sich (und andere) oberflächlich zu erheitern. Dazu ist sie viel zu intelligent.

Helene Bockhorst steht unaufgeregt auf der Bühne, lässt ihre knallrosa Leggings ein bisschen glitzern, guckt ganz lieb und rückt das Mikrofon zurecht. Und dann legt sie los!

Ihre Texte sind so wenig harmlos, wie sie naiv ist, man sollte also zuhören. Wer nur dem Klang ihrer Stimme lauscht, ahnt nicht im Geringsten, welche Tour de Force sie durch depressive Phasen, Selbstmordgedanken, Pornofilme, die Welt der Fische und Dating-Portale reitet. Sie hört sich nett an wie die Nachbarin, die zum nachmittäglichen Plausch erschienen ist, gibt zuweilen gar die gute Tante, die dem Kind geduldig Benimmregeln erklärt.

Sie könne sich gar nicht, so erfährt das Publikum etwa, mit der Audiodeskription anfreunden, mit der manche ihre sexuellen Handlungen begleiten. Ein Mann habe ihr mal beim Geschlechtsverkehr „die Mitteilung gemacht“, er ficke ihr mit seinem harten Schwanz das Hirn raus. „Ach so“, habe sie gedacht, „gut dass er mir das sagt, das hätte ich sonst nicht gemerkt.“ Dabei schaut sie so unbedarft aus der Wäsche, wie es nur ein hochkarätiger Profi hinbekommt.

Helene Bockhorst, Foto: (c) Thomas Schmitt-SchechHelene Bockhorst, Foto: (c) Thomas Schmitt-Schech

Helene Bockhorst ist kein typischer Slam-A-Rama-Gast, denn obwohl sie auch Slammerin ist, tritt sie im Filmhaus eher als Comedienne auf. Tilo Strauß hatte den richtigen Riecher, die junge Hamburger Künstlerin mit ihrem ersten abendfüllenden Soloprogramm einzuladen, denn das Publikum ist zahlreich erschienen. Und duckt sich kollektiv weg, als Bockhorst ankündigt, jemandem nach dem Namen fragen zu wollen. Es ist aberwitzig, wie sie es schafft, ein so banales Anliegen derart aufzuladen. Dabei hat sie nur erklärt, sie habe einen Ratgeber über Publikumsinteraktion gelesen – dann macht sie sich auf den Weg zu den Sitzreihen und tut kund, sie suche „wen mit offener Körpersprache“.

Ein bisschen unheimlich ist es schon, wie lakonisch sie über Dinge redet, die in unserer Kultur als oberpeinlich gelten: Ungeschicklichkeit beim Schminken, beim Daten, beim Sex. Zum Brüllen komisch sind ihre Interpretationen. Wiederhole ein Mann im Bett mehrfach das Kompliment „Du bist soooo schön warm!“, frage sie sich schon: Ja, bumst du sonst Leichen? Auch dieser Spruch kommt so artig über ihre Lippen, dass man meint, ein Gänseblümchen wachsen zu sehen.

Helene Bockhorst, Foto: (c) Thomas Schmitt-SchechHelene Bockhorst, Foto: (c) Thomas Schmitt-Schech

Ein running Gag sind ihre Ausflüge zu den Fischen. Die sind laut Bockhorst den Menschen in einigem überlegen, zum Beispiel was die Romantik betrifft. In sieben bis neun Tagen formt der japanische Kugelfisch seinen Prachtbau aus Sand, um damit paarungswillige Weibchen zu beeindrucken. Manch ein Mann in der Menschenwelt dagegen halte sich schon für feinsinnig, wenn er zum Essen im Burger-Restaurant ein Teelicht auf dem Tisch platziere.

Es ließe sich noch viel berichten über die absurden Assoziationsketten der Bockhorst, ihren Einfallsreichtum, ihre Schlagfertigkeit und ihre virtuos komponierten Themenschleifen. Doch das Beste ist: Man erlebt sie live. Das sei hiermit ausdrücklich empfohlen!

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Helene Bockhorst im Filmhaus: „Die fabelhafte Welt der Therapie“ Helene Bockhorst im Filmhaus: „Die fabelhafte Welt der Therapie“ Helene Bockhorst im Filmhaus: „Die fabelhafte Welt der Therapie“ Helene Bockhorst im Filmhaus: „Die fabelhafte Welt der Therapie“ Helene Bockhorst im Filmhaus: „Die fabelhafte Welt der Therapie“ Helene Bockhorst im Filmhaus: „Die fabelhafte Welt der Therapie“ Helene Bockhorst im Filmhaus: „Die fabelhafte Welt der Therapie“

Fotos: (c) Thomas Schmitt-Schech

Karla Letterman
Karla Letterman
Karla Letterman ist Krimiautorin aus dem Harz mit Leidenschaft für Norddeutschland, Nebel und Schattenboxen. Lebt seit 2017 in Lübeck. Höchst interessiert an Filmen, Literatur und Sprechkunst. Thomas Schmitt-Schech ist nicht nur Fotograf mit unbezwingbarem Hang zu Nachtaufnahmen, sondern auch nebenberuflich als Tai-Chi- und Qigong-Lehrer unterwegs. Karlas liebster Lichtfänger und Schattenboxer. www.karla-letterman.de / www.lichtblick-fotokompass.de
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