Allstar Poetry Slam Gala-Show
Und zehn Punkte gehen an ...

Karla LettermanVon

Bei einem Poetry Slam spielt das Publikum eine aktive Rolle. Und das, so stellte Veranstalter Tilo Strauß von Slamarama zu Beginn der Gala klar, galt auch im feinen Theatersaal. Die Zuhörerschaft durfte nicht nur, sie sollte sogar frenetisch klatschen, kreischen und auch Ärger kundtun. Aus ihren Reihen formierten sich sieben Jurys, die nach jeweils nur 20 Sekunden interner Diskussion Punkte für jeden Auftritt vergaben. Wie beim Song Contest, nur direkter.

Die Jury, Foto: Thomas SchmittDie Jury, Foto: Thomas Schmitt

Strauß erklärte die Spannweite: 10 Punkte, „wenn die Synapsen glühen“ – 1 Punkt, um zu sagen „mach lieber ’ne Schlosserlehre ...“.

Luc Spada, in Berlin lebender Luxemburger, erklärte slammend selbst, was er am liebsten macht: „Ich will ein Hund sein, fressen, ficken und schlafen.“ Außerdem drehte es sich bei seinem ersten Auftritt irgendwie um Provinz, schöne Möbel, Hepatitis und singen können. Später, in seinem Beitrag nach der Pause, gelang dem Möchtegern-Gossenpoeten („ich genieße es, am Ende zu sein“) immerhin eine zusammenhängende Rezitation. Die Jurys dankten es mit höflich hohen Punktzahlen. Dennoch spielte Spada beim Kampf um den Pokal keine Rolle.

Die anderen lieferten sich einen spannenden Wettbewerb, den sie alle hätten für sich entscheiden können. Es gewann schließlich der Routinierteste – weder der Originellste noch der Bewegendste. Doch der Reihe nach.

Luc Spada, Foto: Thomas SchmittLuc Spada, Foto: Thomas Schmitt

Nach Spada eroberten zwei junge Frauen die Bühne, die dem verblüfften Publikum erklärten, sie seien innerlich wie zwei wettergegerbte Männer – was bestens zu ihrem Teamnamen Harry Seemann passte. (Ihre bürgerlichen Namen lauten Mona Harry und Selina Kristin Seemann, und sie sind bereits einzeln als Slammerinnen erfolgreich.) Ihre erste Darbietung beleuchtete das Thema „Wie werde ich Frau“ unterhaltsam, abwechslungsreich und intelligent. Erfrischend wie der Wind im Norden zeigten sie sich im Umgang mit Klischees. Warum alle Prinzessin sein wollen, aber nicht Königin? „Macht macht hässlich.“ In der Bravo-Girl dagegen lerne ein Mädchen, sich „wie eine 30-jährige Prostituierte auf Jobsuche“ zu schminken.

Dass beide Nordlichter sind, stellte spätestens der zweite Beitrag klar, in dem sie offensichtlich sachkundig die verschiedensten Winde, Stürme und Lüftchen auftreten ließen. Das Schöne daran sei: „Wir glauben nicht, dass etwas kleiner wird, wenn man es miteinander teilt.“

Harry Seemann, Foto: Thomas SchmittHarry Seemann, Foto: Thomas Schmitt

Harry Seemann agierten als Duo, auch wenn sie erst seit wenigen Wochen zusammen arbeiten – man mag es kaum glauben. Sie legten Wert auf kurzweilige Performance, bauten liturgischen Singsang, Kanon und gewitzte Gestik ein und ließen ihre Figuren ein selbstbewusstes Frauenbild malen. Am Ende des Tages reichte es, wenn auch knapp, nur für Platz drei. Die Poetry-Slam-Gemeinde wird hoffentlich noch oft Gelegenheit haben, sie gebührend zu beklatschen!

Ein Thema, das ihn sehr interessiere, kündigte Andy Strauß an, Slammer Nummer drei: „ein lecker Bierchen“. Wer von dem in Münster lebenden Mann aus Leer gleichlautendes Geschwätz erwartet hatte, lag falsch; was er lieferte, war voll. Voll Inhalt, voll Witz. Voll Fantasie. Voll daneben auch, in gewisser Weise („ich entscheide mich, den diem zu carpen, das life zu liven ...“). Voll neben allen Erwartungen und sie dabei übertreffend. Das Bier nämlich, das sich Freund Kai trotz des Mottos „einen geschenkten Gaul kippt man sich ins Maul“ weigert zu trinken, wird zum (Mikro-)Kosmos für gelbe und rote Krebskulturen, Kampfwürste, Pilze, Schimmel, Sub- und Monokulturen mit 90%-iger Wahlbeteiligungsdemokratie, zu einem Lehrstück über Gesellschaftsstrukturen – und ihre unplanbare Vernichtung: Kai trinkt das Zeug schließlich in einem Zug aus.

Andy Strauß, Foto: Thomas SchmittAndy Strauß, Foto: Thomas Schmitt

Dieser anarchische Irrwitz ist beinah ein Quäntchen zu viel für eine Slam-Darbietung: So schnell und präzise muss man erst mal denken können! Seine tiefsinnige, ergreifende Tonalität könnte auf Dauer vergeudet sein angesichts dieses eher flüchtiges Formats. Zum Glück ist Strauß auch Buchautor.

Gleichwohl tropften Tränen im Publikum, während er „das Ehrlichste, was ich je geschrieben habe“ als zweiten Beitrag brachte: die Videokassette seines Lebens spulte er elfeinhalb Jahre zurück, als es sich in der WG nicht gehörte, die Zimmertür abzuschließen, doch „ach, du Zimmer, sei mir Gruft“, Depressionen installieren ihre eigenen Notwendigkeiten. Dann das Erwachen im Krankenhaus: „Ich sah die roten Augen, die ich sonst für mich beansprucht hatte“, bei aller Verzweiflung zur Selbstkritik fähig, ein Geist, der stets ... eben nicht verneint, sondern reflektiert! Den Reservesieg bescherte ihm das wache Publikum an diesem Abend. Doch Andy Strauß ist gewissermaßen eine eigene Liga.

Quichotte, Foto: Thomas SchmittQuichotte, Foto: Thomas Schmitt

Der schließliche Sieger Quichotte trat in der ersten Halbzeit als letzter Barde auf. Der Zufall (das Schicksal?) hatte es gewollt, dass Losfee Sylvia die Nummern der Teilnehmer in absteigender Reihenfolge gemessen am späteren Sieg zog.

Der in Hamburg lebende Künstler aus Köln machte klar, wie man ein Publikum umgarnt. Seine sympathisch gebildeten Statements leitete er mit klugen, aber auch in der hektischen Slam-Atmosphäre verständlichen Gags ein. Er wusste Überraschungen gezielt auszuteilen. Ebenso geübt, wie er seine Cap rotieren ließ, bewegte er sich im Anti-Establishment-Style. Sein virtuos vorgetragenes Thema, das Multikulti-Orchester als sozusagen wünschenswertes deutsches Wunschkonzert, vermochte dennoch auch Bildungsbürger aus der Reserve zu locken.

And the winner is...., Foto: Thomas SchmittAnd the winner is...., Foto: Thomas Schmitt

Auch in der zweiten Halbzeit schaffte er die Balance: Sein Wettern gegen die Wirksamkeit eines vermeintlichen Haarwuchsmittels erreichte Zuschauer jeglicher Couleur. Die gefühlvolle Erzählung, wie sein „winziger Sohn“ ihn trotz der Geheimratsecken liebe, leitete die Parabel der drei Kiesel ein, einer schwarz, einer weiß, und der dritte irgendwie dazwischen. Geschickt kombinierte er damit das eingängige Bild vom unverdorbenen Kind, das alle Kiesel gleichsam schätzt.

Quichotte agierte als routinierter Entertainer: Er dankte Veranstalter Tilo Strauß und seinem Assistenten Daniel Groß. Er pries die CD der Musiker ByeBye aus Leipzig an, die ebenso wie Josefine Berkholz, die sich selbst als Spokenwordpoetin bezeichnet, das Rahmenprogramm gestaltet hatten. Die Art seiner Zugabe – Song oder Text – ließ Quichotte vom Publikum abstimmen, das sich für die Musik entschied. Glück für den Performer, dass Tim Ludwig von ByeBye ihm spontan seine Gitarre anvertraute. „Rapshit“ hieß das Stück, bei dessen Vortrag sich Quichotte wieder als gewiefter Entertainer präsentierte. Den Zuschauern blieb seine Kunstfertigkeit nicht verborgen.

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Foto: (c) Thomas Schmitt

Karla Letterman
Karla Letterman
Karla Letterman ist Krimiautorin aus dem Harz mit Leidenschaft für Norddeutschland, Nebel und Schattenboxen. Lebt seit 2017 in Lübeck. Höchst interessiert an Filmen, Literatur und Sprechkunst. Thomas Schmitt-Schech ist nicht nur Fotograf mit unbezwingbarem Hang zu Nachtaufnahmen, sondern auch nebenberuflich als Tai-Chi- und Qigong-Lehrer unterwegs. Karlas liebster Lichtfänger und Schattenboxer. www.karla-letterman.de / www.lichtblick-fotokompass.de
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