Poetry Slammer Sebastian 23 im Filmhaus
Zeit für Lyrik und trojanische Worte

Karla LettermanVon

Hey, Leute, ihr hört jetzt mal her, ist das klar?! Ich sag euch: der Typ, der ist mega, ein Star! Die Worte, die flutschen ihm raus, völlig krass, sind richtig, gewichtig, da wird man voll blass.

Ihr, die ihr am Mittwoch dabei wart, habt die Hände aufeinander prasseln lassen wie Salven. Ihr wusstet, warum. Ihr anderen: wenn ihr keinen besseren Grund hattet, den Auftritt zu verpassen, als aufgeplatzte Grillwürstchen – selbst schuld.

Oder – wie Sebastian 23 selbst es verknappen würde – NA HÖRT MA‘!

Doch es hat keinen Sinn, als Nicht-Poetry-Slammer den Ton imitieren zu wollen, nein, es ist stillos. Deshalb folgt jetzt ganz konventionell die Begründung für das Prädikat „mega“.

Sebastian 23 im Filmhaus, Foto: (c) Thomas SchmittSebastian 23 im Filmhaus, Foto: (c) Thomas Schmitt

Ein Poetry Slammer muss mehr können als geschickt Worte aneinander zu reihen. Er muss seine Texte aufführen. Das Publikum will unterhalten werden. Er muss blitzschnell kreativ sein. Er ist Texter, Schauspieler und Regisseur in Personalunion, sollte sympathisch rüberkommen, aber auch wieder nicht brav sein.

Sebastian 23 ist Profi, ein alter Hase, seit 18 Jahren im Business, mehrfach mit Preisen ausgezeichnet und sehr bekannt. Doch kein bisschen eitel; im Lübecker Filmhaus tritt er frisch, locker und lässig auf. Eine Frohnatur, nicht von der angestrengten Sorte, sondern naturfroh; man müsste sich anstrengen, ihn nicht zu mögen.

Er, der auch vor 5.000 Zuschauern auftritt, kommentiert den halbleeren Saal so, als habe man das Publikum bei dem heißen Wetter nicht mit eng nebeneinander sitzenden, schwitzenden Mitmenschen quälen wollen. Was für ein Coup! Statt beleidigt zu sein, zeigt er sich besorgt um die Gäste. Mit Raffinesse gewürzte Spontaneität stellt er am gesamten Abend bei seinen Reaktionen auf Zwischenrufe unter Beweis.

Sebastian 23 im Filmhaus, Foto: (c) Thomas SchmittSebastian 23 im Filmhaus, Foto: (c) Thomas Schmitt

Er moduliert Geschichten und Geschichtchen mit der Stimme, wirbelt auf der Bühne umher, begleitet sich beim Singen mit der Gitarre, überrascht mit ulkigen Wendungen, wirft sich für den Fotografen auf den Boden („Willst du mal sehen, wie ich die Yoga-Übung ‚Toter Mann’ mache?“) und lacht – manchmal über sein Publikum.

Doch Sebastian 23 beherrscht auch das ernste Fach. Im Gedicht „Trojanische Worte“ erzählt er äußerst hörens- und lesenswert vom „Schatten der Sprache“, von der Manipulation durch Schönfärberei. Den FDP-Wahlkampfslogan „Digital first. Bedenken second“ legt er wörtlich aus und zeigt so die Absurdität dieser Forderung. Der Mann hat viel zu erzählen, sein Horizont ist der eines Philosophen, der er gemäß Studienfach auch werden wollte.

Dann wieder lässt er seine spielerische Seite von der Leine, reimt Vokalgedichte (misst Iris, wie tief ihr Bier ist?), streicht die Vorsilbe Ge-, sodass Hooligans nur noch Wald(t) mögen und ruft ein „Numerisches Meeting“ aus: eins-t in der zwei-gstelle einer drei-sten vier-ma...

Sebastian 23 im Filmhaus, Foto: (c) Thomas SchmittSebastian 23 im Filmhaus, Foto: (c) Thomas Schmitt

Und schließlich die Poesie! Aus seinem Gedicht „Zeit für Lyrik“ hat er schon mal bei Markus Lanz zitiert, und er weist auch jetzt wieder seine Lieblingsstelle aus, die da lautet: „Mauern sind sehr gerade Haufen“. Doch man kann es sich ruhig mehrfach auf der Zunge zergehen lassen, z. B. die Zeilen „Flüsse sind Meere auf Reisen // Zugfahrn ist Fließen auf Gleisen“ ...

Man bräuchte noch eine poetische Beschreibung für seine Slams. Darin müsste was mit Worten und Zaubern und Flügeln vorkommen, die Rede müsste sein von Inspiration und dem angenehmen Prickeln im Hirn. Oder, wie man in Sebastians Heimat, dem Ruhrgebiet, sagt: GUCK MA’!

(Auch seine Bücher lohnen ein „Guck ma’“, z. B. der Band „Hinfallen ist wie Anlehnen, nur später“, erschienen bei Lektora.)

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Fotos: (c) Thomas Schmitt

 

Karla Letterman
Karla Letterman
Karla Letterman ist Krimiautorin aus dem Harz mit Leidenschaft für Norddeutschland, Nebel und Schattenboxen. Lebt seit 2017 in Lübeck. Höchst interessiert an Filmen, Literatur und Sprechkunst. Thomas Schmitt-Schech ist nicht nur Fotograf mit unbezwingbarem Hang zu Nachtaufnahmen, sondern auch nebenberuflich als Tai-Chi- und Qigong-Lehrer unterwegs. Karlas liebster Lichtfänger und Schattenboxer. www.karla-letterman.de / www.lichtblick-fotokompass.de
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