Bitterböse, witzig-wütende Kapitalismuskritik
Elfriede Jelinek: "Unter Tieren"

Dass die österreichische Schriftstellerin Elfriede Jelinek zu den wortgewaltigsten, wichtigsten und witzigsten Autor*innen und Dramatiker*innen des deutschsprachigen Raum gehört, ist seit langem bekannt.

Einerseits wird sie gefeiert und ausgezeichnet (Nobelpreis für Literatur 2004, Georg-Büchner-Preis, Franz-Kafka-Literaturpreis, usw.), andererseits eckt sie mit ihren bissigen, kritischen Texten und Theaterstücken aber auch immer wieder an und wird von konservativen, wie rechten Kräften verunglimpft. Das ficht die mutige und stets aktuelle Schriftstellerin aber nicht an.

Elfriede Jelinek, Foto: (c) Claudia MüllerElfriede Jelinek, Foto: (c) Claudia MüllerJetzt hat sie sich in ihrem neuen Roman, der eher ein Theaterstück ist und dementsprechend auch bereits im Rahmen der Salzburger Festspiele am 12. August 2026 durch Nicolas Stemann zur Aufführung gebracht wurde, auf die Spur des Geldes gemacht. Wobei der lustige Einband noch eher wie ein fröhliches Kinderbuch wirkt: Tanzende Plüschtiere lachen und verbreiten eine fröhliche Stimmung. Wohingegen der Text - der die Tiere zum Sprechen bringt - gegen ausufernde Korruption und die unersättliche Gier des Kapitalismus zu Felde zieht.

Immer verständnisloser und mit wachsendem Sarkasmus betrachten und kommentieren Tauben, Kühe, Schweine, das Lamm Gottes und der „Für und Widder“, wie der Mensch sich selbst ins Verderben bringt. Auch der dumme Esel oder der schlaue Fuchs kommen bei ihr zu Wort. Von der Bibel bis zu den aktuellen Kriegen in der Ukraine und im Iran reicht die Thematik, die ungebremst und fröhlich in die Apokalypse der Welt führt. Denn klar ist in „Unter Tieren“: Die Welt ist aus den Fugen, und der Finanzmarkt wird es wohl nicht richten.

Die Benko-Pleite dient dabei aber nur als Startrampe für ihren Wutausbruch, der wie immer ihrem Gerechtigkeitssinn folgt. Dabei vergeht dem Leser schon bald der Spaß, denn Jelinek bleibt sich auch in ihren Wortbildern, Assoziationen und Abschweifungen treu. Der Text ist nicht einfach zu lesen. Mitunter fällt sich Jelinek selbst ins Wort. Die Rollen der Tiere überschneiden sich, gehen ineinander über, sind aber immer gleichermaßen zynisch und sarkastisch. Dann spricht sie den Leser direkt an, verliert sich der Faden, wird durch Gedanken und Beobachtungen um- und abgelenkt, gefolgt von Kalauern und Wortspielen umrahmt, bevor der ursprüngliche Gedanke wieder aufgenommen wird.

Dabei kriegen eigentlich alle ihr Fett weg, die Kirchen, die Banken, die Kriegstreiber und die Waffenlobby. „Die Züge sind mannigfaltig, fahren in total unterschiedliche Richtungen, die alle vorgegeben und damit vergebens sind. Und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsren Schuldnern“.

„...Von einem anfangs klar umrissenen Thema ausgehend, erschafft sie riesige Textflächen aus politischer Analyse und poetischen Verdrehungen, aus heiterer Gedankenarbeit und bitterbösem Klamauk...“, meint der Spiegel. Denn was vor allem klar wird, - wenn auch das konkrete Lesen bei ihr wie immer schwierig ist - selbst mit fast 80 Jahren hat Elfriede Jelinek nichts an intellektueller und verbaler Schärfe eingebüßt. „Es ist genug für alle da, im Gegenteil, mehr, als man braucht, doch je mehr man braucht, desto besser, desto mehr Menschen können wir erzeugen und versorgen. Dann haben sie keine Sorgen mehr.“

Elfriede Jelinek: Unter Tieren, Rowohlt Verlag, Hamburg, Juni 2026, 215 Seiten, 24 Euro.


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