Was noch am Donnerstag-Abend vor ausverkauftem Haus im CVJM mit einer überraschenden Ladung Bluesrock, Funk und Soul mit Anleihen bei Jimi Hendrix, Steve Ray Vaughan oder den Hype rund um die junge Band des Gitarristen Kjell Kitzing und seiner Band „The Maestros“ begeisternd begann, fiel am Freitag fast den norddeutschen Wetter-Kapriolen zum Opfer.
Fast den gesamten Freitag hatte es geschüttet wie aus Eimern und damit den Vorplatz vor dem Schuppen 6 knöcheltief unter Wasser gesetzt. Dort wo normalerweise zu spätsommerlichen Temperaturen ein bunt gemischtes Volk sich auf ein kühles Bier und Umsonst-Konzerten traf, waren jetzt gähnende Leere und frierende Bierverkäufer zu finden. Deshalb musste erstmals in der mittlerweile 12jährigen Geschichte das Open-Air-Programm am Freitag abgesagt werden, wie Festival-Leiter Felix Griese zur Einleitung des Abendprogramms im kühlen aber trockenen Schuppen 6 unter Bedauern verkünden musste. Aufgrund des miesen Wetters war der Auflauf des Publikums anfänglich auch leider sehr überschaubar. Wer allerdings bereits um 19 Uhr vor Ort erschienen war, erlebte ein exzellentes Konzert von „krajenski.3“, dem neu zusammengestellten Trio des Hammond Orgel-Virtuosen Lutz Krajenski, der sich für den Gesang noch den „Wirbelwind aus Italien“ Moore mit an Bord geholt hatte.
Niklas Stadler und Lutz Krajenski, Foto: (c) Olaf Malzahn
Die Hammond Orgel ist scheinbar ein etwas eingestaubtes Musik-Instrument der späten 60er Jahre des letzten Jahrhunderts. Alte Hasen erinnern sich vielleicht noch an Brian Auger (mit Julie Driscoll) oder Jean Jaques Kravetz aus dem Panik-Orchester von Udo Lindenberg, die als Meister dieser speziellen Bühnen-Orgel galten. Und dieser Tradition bleibt Krajenski verpflichtet. Mit Händen und Füßen entlockte er seinem Gerät mit dem charakteristischen Lautsprecher und dem drehenden Soundtrichter seine speziellen Sounds. Er und sein Trio aus Niklas Stadler aus Österreich an der Gitarre und Basti Menz aus Berlin an den Drums haben einen Set vorgelegt, der hauptsächlich aus Rare Groove, Funk und Boogaloo und besonderen Cover-Versionen bestand. Überwiegend Stücke von dem letzten Album “B-3 Vol.2“ wurden zu Gehör gebracht.
Es begann mit völlig schrägen Sounds zwischen psychedelisch und Space-Elektronik. Dabei bewies der junge Gitarrist Stadler bereits ausgiebig, dass er nicht nur mit den schrägen Sounds aus der Orgel und den Synthesizern von Krajenski mithalten konnte, sondern selbst die absonderlichsten Töne aus seiner Gitarre herausholen konnte. Dazu hatte er eine ganze Batterie an Knöpfen, Schaltern und Verzerrern zu seinen Füßen aufgebaut und einen seltsamen Kasten mit blinkenden Lichtern. „Das war einmal während des Vietnamkrieges ein Großbild-Dia-Gerät, welches den Soldaten die nächsten Kriegsziele aufzeigen sollte“, erklärte Krajenski, „später wurde es von einem amerikanischen Tüftler in einen Gitarren-Amplifier umgebaut“. Echt schräg, was man mit einer Gitarre anstellen kann.
Niklas Stadler, Lutz Krajenski und Moore, Foto: (c) Olaf Malzahn
Dann wurde der „Wirbelwind aus Rom“, der exzellente Sänger „Moore“ aus Italien auf die Bühne gerufen. Mit seinem Stimmen-Volumen über mehrere Oktaven und seinem expressiven Bühnenstanding überzeugte „Moore“ sofort das begeisterte Publikum. Mal lieblich säuselnd, dann lautstark und opernhaft oder als wahre Rampensau und sehr unterhaltsamer Crooner hatte er die Leute sofort im Griff. Mit „Trouble“ und „Thursday“ performte er Songs, die sehr ungewöhnlich in Berlin unter der Produktion von zwei Leuten, die normalerweise für Joy Delanane oder Peter Fox arbeiten, entstanden sind.
Dann folgte eine weitere besondere instrumentelle Nummer, die klang wie aus der Tiefsee hervorgehoben. Dazu witzelte Krajenski rum und erzählte von einem Video, in dem er mit Neopren-Anzug ein Tiefsee-Ungeheuer spielt. Gedreht wurde allerdings nicht im Marianengraben in 5.000 Meter Tiefe, sondern im Steinhuder Meer in Niedersachsen, wo die größte Wassertiefe bei circa 50 Zentimeter liegt, weil der See mehr und mehr verlandet. Er habe ziemliche Probleme gehabt, nicht immer mit dem Arsch aus dem Wasser zu schauen, erklärt er lachend. Dazu orgelt er ein völlig abgedrehtes Solo aus sphärischen Klängen und utopischen Weltraum-Sounds.
Niklas Stadler und Basti Menz, Foto: (c) Olaf Malzahn
Dann folgte wieder eine wunderschöne ruhige Liebes-Ballade im Bossanova-Rhythmus, die klang wie aus einem alten 60er-Jahre Schwarz-Weiß-Film, gesungen von Moore nur mit Orgel-Begleitung, wunderschön! Aber der quirlige Sänger aus Italien kann auch ganz anders. Fast schon Sinatra-mäßig aus Las Vegas brachte er mit großen Gesten und großartiger Stimme die volle Emotion auf die Bühne. Und dann sogar das Publikum zum Tanzen. Mithilfe der „Tower of Power“-Nummer „What is hip?“ zog er das Publikum ran an die Bühne, damit alle gemeinsam zu einem satten Groove die Hüften und die Beine schwingen konnten. Kommentar von Krajenski: „Diesen Groove könnte ich den ganzen Abend spielen“, was er dann auch über 20 Minuten lang und mit tollen Orgel-Solis durchsetzt, durchzog. Er hätte sich irgendwann einmal geschworen, nie ein Konzert ohne Tower of Power Nummer zu spielen. Das geht einfach immer ab mit dem Publikum! Die Groove-Giganten kommen eben nie aus der Mode.
Am Ende performte Moore dann noch „True Love“, ebenfalls vom aktuellen Album und die wunderbar soulige Jazz-Nummer „I can´t sleep“ von der großen Anita Baker. Ein wunderbarer Konzert-Abend, der das Grusel-Wetter von draußen vergessen ließ, das einem aber sofort wieder in die Knochen fuhr, als man die Halle für den Umbau zum Tanzabend mit „Make a Move“, den ich eigentlich auch noch besuchen wollte, leerte. Also bin ich wie die meisten anderen Besucher lieber zurück in die Wärme meines Hauses gekrochen.
Fotos: (c) Olaf Malzahn















