Hoffnung, das Grundthema des Festivals, spielt auch im Stück „Honda-Romance“, dem als Kunstperformance getarnten Parforceritt durch die verschiedenen Genres der Schauspielkunst zum Thema seelische Gesundheit und Kampf gegen Depressionen eine wichtige Rolle. Ausgedacht, inszeniert und gleichzeitig in der Hauptrolle agiert die französische Star-Schauspielerin Vimala Pons.
Erst im Jahr 2026 wurde sie mit dem „Cesar“, der wichtigsten Auszeichnung für eine Filmschauspielerin in Frankreich für den Film „Was uns verbindet“ geehrt. Die Show beginnt mit einem ergreifend grotesken Bühnenbild. Auf der Bühne liegt Nathalie Atlas (Vimala Pons) begraben unter dem japanischen Satelliten der Firma Honda, der auf der Suche nach Liebe auf die Frau gestürzt ist. Das Überwachungsinstrument ist depressiv und blinkt und spricht leise von seiner Beziehungsnot. Derweil kämpft sich Blut spuckend die Frau unter dem Satelliten hervor, während eine Horde von sensationsheischenden Fotograf*innen, statt zu helfen, lieber Handy-Fotos und Selfies mit dem Opfer schießt. Während sie das schwere Weltraum-Instrument (ein Eigenbau aus Schaumstoff) auf dem Kopf balanciert, erklärt sie dem Publikum: „Ich bin die Geschichte hinter der Geschichte“.
Vimala Pons: Honda Romance
Dann beginnt der zweite, ebenfalls sehr schmerzhafte Teil des Stückes: Ein wahrer Parforceritt quer durch das theatralische und sprachliche Können der großartigen Schauspielerin. Während sie immer wieder von einer der drei Pressluft-Kanonen über die Bühne geworfen wird, lacht, schreit, skandiert, singt oder säuselt sie über das Leben und dessen Probleme. Eine sowohl körperlich schmerzhafte Angelegenheit, der sogar das Publikum teilweise ausgesetzt ist, wenn eine der Luft-Kanonen mit voller Wucht auch die vorderen Reihen erreicht und Konfetti verschießt, als auch eine seelische Pein.
„Es ist alles nur in meinem Kopf“ sinniert sie, während sie sich gleichzeitig an den Themen Liebe, Einsamkeit, Vergewaltigungsfantasien oder ob sie tatsächlich in ein Katzenklo geschissen hat, abarbeitet. In einem endlosen, destruktiven Monolog spricht sie mit sich selbst, dem Publikum oder den imaginären Eltern, unterbrochen jeweils von der nächsten vollen Breitseite aus der Pressluft-Kanone. Am Ende dieses Teils durchbricht sie den rasanten Parcours durch Hunderte von Gefühlen und Schmerz, indem sie sich frontal von einer Kanone malträtieren lässt, aber standhält bis der Luftstrom langsam versiegt. Selbstbehauptung ist schwierig aber machtbar, symbolisiert dieses letzte Bild.
Vimala Pons: Honda Romance
Dann senken sich im dritten Teil der Performance weitere Vorhänge, die eine große Catwalk-Passage aller teilnehmenden Performer*innen ermöglichen. Dabei ordnet sich Vimala Pons ganz selbstverständlich als Teil des Reigens in die 10-köpfige Darsteller*innen-Schar ein. Immer wieder schreitet, tanzt oder springt das Ensemble auf das Publikum zu, dreht sich und schreitet zurück. Eine halbe Stunde lang wechseln alle die Kostüme, die Gesten und Requisiten. Man entdeckt kleine Boshaftigkeiten, wie einen Revolver auf dem Rücken oder einen erhobenen Stinkefinger. Dann werden Puppen hinter sich her gezogen. Gags, Schockmomente oder lustige Bewegungen wechseln sich ab, während teils opernhaft , teils elektronisch verstärkt im Chor oder solo gesungen wird.
Pons inszeniert und choreografiert diese Miniaturen aus Auftritt und Abgang und erneutem Auftritt aus Gewalt, Witz und Beherrschung sehr genau und mit musikalischer Finesse und Lust an der Vielfältigkeit von Bewegung, wie auch des Lebens. Das Publikum genießt nach der vorangegangenen Dramatik und Drastik des Geschehens diese tranceartige Schönheit und Vielfältigkeit. Am Ende fällt dann der Vorhang und zeigt alle Requisiten der Show, während das Ensemble „Remember Hope“ singt und damit erneut das Motto des diesjährigen Festivals auf den Punkt bringt.
Ron Sexsmith
Mein persönlicher Abschluss des Festivals war dann noch ein Konzert des kanadischen Singer-Songwriters Ron Sexsmith, der zusammen mit seinem Drummer Don Kerr und dem Bassisten Jason Mercer ein gefeiertes Konzert im Club von Kampnagel gab. Der Sänger und Gitarrist, der bereits mit 18 Jahren im Jahre 1991 sein erstes eigenes Album veröffentlich hatte, ist vor allem dafür bekannt, dass er auch für so unterschiedliche Künstler wie Rod Stewart, Feist oder Emmylou Harris Stücke komponiert hat. Mittlerweile hat er selbst insgesamt 18 eigene Studio-Alben veröffentlicht. Sein letztes Werk: „Hangover Terrace“ ist geprägt von postpandemischer Katerstimmung, aber gleichzeitig auch ein erstaunlich gegenwärtiges Album, „auf dem sich perfekte Songs finden, wie sie sonst niemand mehr schreiben kann“, wie das Rolling Stone Magazin befand.
Auf Kampnagel zelebrierte der Meister der zeitlosen Melodien und feinsinniger Melancholie einen Reigen von Songs aus seiner dreißigjährigen Karriere. Er begann mit „Speaking with the Angel“ und „Strawberry Blonde“. Die angereiste Fan-Schar war begeistert und applaudierte höflich, während der introvertierte Musiker eher schüchtern sich bedankte. Dreistimmig im Gesang wurden dann noch Titel wie „Secret Heart“, „Set in Line“ oder „Blue Boy“ vorgetragen. Dabei ist der Folkrock stets die Basis für die ausgefeilten Kompositionen. Wobei die oft melancholischen Texte in einem starken Kontrast zu den verspielt leichtfüssigen Melodien stehen.
Ron Sexsmith
Ron Sexsmith hat sich damit zwar eine weltweit eingeschworene Fan-Gemeinde erschaffen, aber der große internationale Durchbruch blieb ihm nach selbst 30 Jahren im Geschäft bis heute verwehrt. Zum Ende des Konzerts gab es noch „God loves everyone“ und „Cigarette and Cocktail“ vom aktuellen Album „Hangover Terrace“ auf die Ohren. Das Publikum war zufrieden und das Festival endete auch für mich entspannt.
Man darf gespannt sein, wie sich die Zukunft des Festivals entwickeln wird, während die gesamte Kampnagel-Kulturfabrik in den nächsten Jahren bei laufendem Betrieb grundlegend saniert wird.

