Clärchens Ballhaus - Führung mit Marion Kiesow

Literaturtipps
Berlin in Büchern

Berlin zeigt viele Facetten, Sommersprossen, unterschiedliche Gesichter und Temperamente: Um die Mittagszeit fährt der Bus von Lübeck nach Berlin am ZOB, ein pulsierender Verkehr am Theodor-Heuss-Platz. Ganz nah grüßt der Funkturm. Der Busbahnhof bemüht sich um neuen Glanz; nach langer Zeit der Renovierung präsentiert sich das verglaste Eingangsportal frisch und aufgeräumt. Die Unterführung am Messedamm meide ich, der Untergrund hat ein Eigenleben.

Für einen Einblick in das Berlin der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts lohnt sich die Lektüre des Romans „Menschen im Hotel“ von Vicki Baum, 1929 erschienen. Nach einhundert Jahren klingen ihre Schilderungen noch heutig: Schon wieder pfeift das Auto den Kaiserdamm entlang, schon wieder sind sie an diesem Knotenpunkt eines jungen Berlin, der Funkturm kreist und schneidet helle Stücke aus der Stadt, vor der Sporthalle ist es dunkel von Menschen, wie Bienen vor dem Flugloch klumpen sie sich zusammen, still und emsig summend. Die Sporthalle ist längst abgerissen, der Knotenpunkt eines jungen Berlin leuchtet immer noch. Vicki Baum, 1888 in Wien geboren, 1960 in Hollywood gestorben, zeigt das pralle Leben in der Stadt, lässt Menschen unterschiedlicher Charaktere im Grand Hotel zusammentreffen. Alle stehen an Wendepunkten ihres Lebens. Auf dem Cover beeindruckt die Dame mit der klassischen Cloche, dem Hut der zwanziger Jahre (Ausgabe Kiwi-Verlag).

Ich begebe mich zum Tempelhofer Feld, dem Areal des ehemaligen Flughafens mitten in der Stadt, eine weitläufige grüne Fläche. Einzelne Blumenbeete, Hochbeete locken Insekten an. Am Eingang zum ehemaligen Flughafen Tempelhof betrachte ich das Luftbrückendenkmal, im Volksmund Hungerkralle genannt. Wie mag der Flughafen zur Zeit der Luftbrücke 1948 ausgesehen haben? Erkenntnisse bietet das Buch: „Flügel der Freiheit, Eine Hommage an die Berliner Luftbrücke“ von Bibi Leblanc, 2025 (Culture to Color). Die Autorin wurde 1961 in West-Berlin geboren und lebt heute in Florida. Das anschaulich illustrierte Buch zeichnet den Verlauf der „Berlin Airlift“ nach, die logistische Meisterleistung und die Auswirkungen auf das Alltagsleben im unter alliierter Verwaltung stehenden Berlin. Das Buch stellt dem deutschen Text den englischen gegenüber, ein Juwel für Lernende der englischen Sprache.

Ich bewege mich weiter in der Geschichte, in das Berlin des Jahres 1958; die Stadt ist geteilt. Christoph Hein beschreibt in seinem Roman „Staub der Zeit“, 2023 (Suhrkamp Verlag) seine Zeit als Ost-Berliner Schüler in einem Internat, einer Einrichtung im West-Berliner Zehlendorf gelegen. Als Pfarrerssohn wurde ihm das Abitur in der DDR verwehrt. Interessant zu lesen, wie er zwischen den Welten pendelt, die geteilte Stadt als Schüler aus Ost-Berlin mit ihren kulturellen Angeboten erkundet. Mit feinem Humor beschreibt er Anekdoten über seine Lehrkräfte und Mitschüler, z.B., wie er unter notorischer Geldknappheit leidend als Zeitungsausträger sein Taschengeld aufbessert.

An den Nachmittagen machen sich die Schüler häufig selbständig in der Stadt: Nach einem Monat hatte ich mich im Heim eingelebt und kam mit dem neuen Umfeld zurecht. Der Kiez war mir vom Roseneck bis zum Gymnasium vertraut, und ebenso die Umgebung rund um den Bahnhof Zoo, da ich, wenn das Essen im Internat wieder einmal kaum genießbar war, mit Zimmerkameraden ab und zu in der Joachimsthaler Straße zu Aschinger fuhr. Dort bekam man für ein paar Groschen eine Erbsen- oder Gemüsesuppe und auf den Tischen stand eine große Schale mit winzigen Brötchen, die es in der Stehbierhalle kostenlos dazugab und von denen wir gleich mehrere aßen und zusätzlich einige heimlich in die Taschen steckten. (S. 42)

Der Mauerbau am 13.8.1961 beendet seine Gymnasiallaufbahn ohne Abitur in West-Berlin abrupt. Er darf die DDR nicht verlassen und muss sich beruflich neu orientieren. Aschinger gehört einer anderen Zeit an. An der Stelle leuchtet jetzt das Logo einer Modehauskette neben einem Supermarkt, der Bahnhof Zoo heute ein eher unwirtlicher Ort. So verweile ich dort möglichst kurz, um mit dem Bus Richtung Mitte zu fahren. Immer wieder erhebend der Blick auf die Museumsinsel, den Deutschen Dom und die Hedwigs-Kathedrale. Im neuen U-Bahnhof Museumsinsel bestaune ich die gewölbte tiefblaue Decke mit Lichtern, einem Sternenhimmel gleich, und fahre zum Strausberger Platz.

Mit frischen Augen betrachte ich die Architektur in der Karl-Marx-Allee, dem Prestige-Boulevard der DDR. Am Rand des Strausberger Platzes entlang der Karl-Marx-Allee muten die Hochhäuser, von dem Star-Architekten der DDR Hermann Henselmann entworfen, newyorkisch an. Florentine Anders zeichnet in ihrem lesenswerten Roman „Die Allee“, 2024 (Galiani Verlag) das Leben und Wirken ihres Großvaters Hermann Henselmann nach. Entstanden ist ein vielschichtiger Roman, der die jüngere deutsche Geschichte von der Weimarer Republik bis in die Gegenwart durch die Großfamilie Henselmann erzählt. Scheinbar ganz Berlin will dabei sein und die Schauwohnung besichtigen. Das weiße Hochhaus strahlt zwischen den schwarzen Ruinen wie eine Fata Morgana. (S. 93) Die Großmutter der Autorin Irene (Isa) Henselmann, die acht Kinder groß zieht, arbeitet zeitweilig auch als Architektin und reicht eigene Entwürfe ein: Für das Hochhaus an der Weberwiese hat sie ihre ersten eigenen Entwürfe für funktionale Einbauküchen gemacht. Vorher hatte sie mit vielen Frauen über ihre Wünsche gesprochen, schließlich steht sie selbst nur selten in der Küche. Ihr Vorbild ist die berühmte Margarete Schütte-Lihotzky, eine der ersten Frauen in der Architektur überhaupt. (S. 91)

Ich verlasse das Hochhaus an der Weberwiese und mache mich auf den Weg zu „Clärchens Ballhaus“ in der Auguststraße 24/25 in Mitte. Inspiriert zu dem Besuch hat mich das in jeder Hinsicht gewichtige Buch „Berlin tanzt in Clärchens Ballhaus (111 Jahre Vergnügen – Eine Kulturgeschichte)“ von Marion Kiesow. Die reich bebilderte Kulturgeschichte erschien 2013 zum 100. Geburtstag des Ballhauses im BeBra Verlag und wurde 2019 neu aufgelegt. Ein Ballhaus, das Geschichte erzählt, eine Anekdotensammlung, Interviews mit Zeitzeugen und Zeitzeuginnen, ein Augenschmaus, liebevoll zusammengetragen und recherchiert von der Autorin. Erkenntnisreich und vergnüglich zu lesen und zu betrachten für alle Geschichts- und Kulturinteressierten, Tanzwütigen aus Ost und West aller Generationen. Verschiedene Tanzstile über die Jahrzehnte werden detailreich erklärt, z.B.: Der Tanz in frühern Zeiten, das läßt (sic) sich nicht bestreiten, war wirklich etwas nüchtern, man war da noch zu schüchtern. In Menuett, Gavotten, im Walzertakt, im flotten, selbst wenn man Polka hopste, das Menschenkind sich mopste… aus: Hugo Hirsch, 1914, 1. Strophe“ (S. 98) Die Autorin Marion Kiesow, Meisterschülerin der Hochschule der Künste in Berlin, ist seit vielen Jahren als freie Grafikerin und Autorin tätig. Ihre Führungen in die Räumlichkeiten des Ballhauses, insbesondere den Spiegelsaal, sind ein Erlebnis der besonderen Art. Wer nicht bei Clärchen war, war nicht in Berlin. (S. 312)
Informationen zu Führungen und Vorträgen: www.claerchens-ballhaus-buch.de

Die Bücher sind in den inhabergeführten Buchhandlungen BellingProsa, Buchfink, Arno Adler, Langenkamp, maKULaTUR, Buchstabe und Bücherliebe erhältlich.


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