Ja ist denn schon wieder Weihnachten? Noch nicht ganz, aber langsam wird es Zeit, sich Gedanken zu machen, wie und womit man seine Liebsten oder auch sich selbst beschenken könnte. Anstatt teurem Parfüm, schrägen Elch-Pullovern oder unsäglicher Unterwäsche plädiere ich wie jedes Jahr für den Griff zum guten Buch. Dementsprechend habe ich meine persönliche Auswahl der schönsten, schrägsten, witzigsten, brisantesten und wichtigsten Bücher des Jahres getroffen, um möglichst alle Genres der Buch-Kunst zu bedienen.
Beginnen möchte ich meine Tipps mit den schönsten Druckerzeugnissen, die sich ganz wunderbar als Weihnachtsgeschenke anbieten.
Für Freunde von Bildbänden habe ich zunächst eine schlechte und dann eine gute Nachricht. Leider stellt der Hamburger Mare-Verlag nach über zwanzig Jahren und insgesamt 22 Ausgaben seine jährliche Veröffentlichung der oft ausgezeichneten Bildbände über Städte oder Küstenregionen ein. Aber hier die gute Nachricht: Der letzte Band dieser großartigen Reihe, die dort seit 2004 mit viel Engagement und noch mehr Aufwand produziert wurde, jetzt aber nicht mehr finanzierbar ist, ist jetzt als grandioses Buch mit phänomenalen Schwarz-Weiß-Fotos über den Heimat-Standort des Verlages, nämlich Hamburg erschienen.
Geschaffen hat dieses Meisterwerk der dokumentarischen Fotografie Dmitrij Leltschuk, geboren 1964 in Minsk (Belarus), der aber schon seit Jahren in Hamburg lebt und arbeitet. Er gehört zu den prägendsten Reportage-Fotografen im deutschsprachigen Raum, hat international publiziert und wurde dafür mehrfach ausgezeichnet. Sein Werk verbindet dokumentarische Klarheit und poetisch erzählerische Bildkraft. Seine eindrucksvollen Bilder leben nicht von der Farbigkeit einer Großstadt, sondern von seiner künstlerischen Perspektive abseits der bekannten Postkartenmotive, wie Michel, Elbphilharmonie und Sternwarte. Leltschuk porträtiert Menschen statt Architektur - authentisch, vielschichtig und atmosphärisch dicht. Dabei wählt er ungewöhnliche Perspektiven oder Blickachsen. So hat er die Strickrunde von elf Damen mit ihren geschäftigen Stricknadeln und den Wollknäueln in Flechtkörben, die darauf warten, dass die Barkasse auf Hafen-Rundfahrt ablegt, von schräg oben durch das geöffnete Dach abgelichtet.
Außerdem geht er immer ganz dicht ran an die Objekte und Menschen, die er fotografieren möchte. Er versteckt seine Kamera nicht, sondern baut Vertrauen auf. So entstehen wunderbare Porträts von Obdachlosen, Hafenarbeitern, Nachtschwärmern, Liebespaaren einer jungen ukrainischen Tänzerin oder Passanten zwischen Regenschauern und Sonnenschein. Nicht die schicken Stadtviertel interessieren ihn, sondern die ärmlichen, oft runtergekommenen Ecken der Stadt, wie Sankt Pauli, St. Georg oder den Hafen mit seinem Nebel oder im Dämmerlicht. Er zeigt lieber das Pärchen vor dem geschlossenem Club zu früher Stunde oder das Nachbarschaftsfest im Hinterhof. Natürlich ist sein Blick auf die Hansestadt subjektiv, aber trifft meist doch das wahre Leben. Oft ist es feucht und windig - typisch Hamburger Schmuddelwetter eben, zwischen Elend, Armut, Lust und Vergnügen, aber immer mit Respekt gegenüber seinem Foto-Objekt.
Aber natürlich kommt auch Leltschuk nicht an besonders interessanten Monumenten der Architektur vorbei. Aber er beweist dabei seinen besonderen Blick auf Perspektiven und Motiv. So hat er die gigantische Köhlbrandbrücke von tief unten, von der Bordsteinkante aus fotografiert. Die eigentliche Brücke liegt im fernen Nebel, wo sich die Straße, Eisenbahn und die gigantischen Pfeiler in eleganter Krümmung abzeichnen - ein großartiges Bild - phänomenal abgelichtet. Und natürlich kam sofort die Polizei und wollte ihn festnehmen, weil er mitten auf der Straße stand, wie der Fotograf im Interview berichtete. So oder ähnlich tauchen dann auch die Elbbrücken, die Landungsbrücken oder weite Hafenpanoramen auf. Insgesamt ein ungeschöntes, ehrliches und raues Bild der Hansestadt - eine Liebeserklärung an seine neue Heimatstadt. Eine absolute Empfehlung!
Dmitrij Leltschuk: Hamburg, mit einem Vorwort von Dimitri Ladischensky, Mare-Verlag, Hamburg Oktober 2025, 204 Seiten, 65 Euro.
Das schönste Buch, das ich dieses Jahr entdeckt habe, ist ein Buch für alle, die ein wenig Mut verschenken wollen. Ein Buch voller Hoffnung, berührenden, liebevollen, herzerwärmenden kurzen Texten voller Weisheit und gegen die Angst. Gepaart sind die schlauen Sprüche und philosophischen Gedanken mit wunderschönen Illustrationen aus Aquarell-Zeichnungen von Charly Mackesy. „Denk immer dran - Der Junge, der Maulwurf, der Fuchs, das Pferd und der Sturm“ ist ein Buch für jedes Alter. Es ist das Nachfolge-Buch von Charlie Mackesy, dem Nr.1 - Bestseller 2020 in Großbritannien, dem Vorgänger zum Filmbuch des preisgekrönten Kurzfilms, der 2023 den Oscar gewonnen hat.
Die Protagonisten des Buches sind nicht nur Charaktere, sondern verkörpern essentielle menschliche Eigenschaften. Der Junge ist Symbol für Unschuld und Neugierde, während der Maulwurf für die Bedeutung von Freundschaft und Unterstützung steht. Der Fuchs hingegen repräsentiert die Herausforderungen des Lebens und das Streben nach Mut. Das Pferd schließlich ist das Sinnbild für Stärke, Erdung und Weisheit. Die vier Freunde sind auf der Reise, aber wissen eigentlich nicht wohin. Dann geraten sie in einen Sturm und haben Angst sich zu verlieren. Aber Freundschaft und Liebe sind stärker. Tapferkeit und Mut überwindet alle Probleme, auch wenn der Maulwurf eigentlich immer nur an Kuchen denkt, aber seine Liebe zu den Gefährten doch wichtiger ist. Dafür gibt es speziell für ihn am Ende des reizenden Buches auch noch ein besonderes Kuchenrezept.
Die Zutaten für den Kuchen der Liebe sind:
Eine Fülle an Freundschaft
Ein Löffel loslassen
Ein Gramm Geduld
Ein Dutzend Mal Dankbarkeit
Eine Handvoll Hoffnung
Ein Dekagramm Demut
Eine Fingerspitze Freude.
Ein Rezept, das immer gelingt, genauso wie man mit dem Buch als Weihnachtsgeschenk nichts falsch machen kann. Denn das Buch ist sanft, poetisch und dabei unendlich kraftvoll. Die Worte und Bilder von Charlie Mackesy laden ein, innezuhalten und über das eigene Leben nachzudenken. Ein Buch, das die Herzen erwärmt und ermutigt, die einfachen Dinge des Lebens wertzuschätzen. Der Autor schafft es, komplexe Themen wie Freundschaft, Verlust und Hoffnung in einfache Worte zu fassen, die trotzdem nicht platt daherkommen, sondern eine enorme Tiefe entwickeln.
Charlie Mackesy: Denk immer dran, der Junge, der Maulwurf, der Fuchs, das Pferd und der Sturm, Penguin-Verlag, München Oktober 2025, 25 Euro.
Bleiben wir bei den gezeichneten Büchern und kommen zur Kategorie der Comics auf meiner Buch-Geschenke-Liste. Hier trifft mein Tipp einen äußerst bekannten und erfolgreichen Vertreter seiner Zunft, nämlich den Erfinder des anarchistisch-kommunistischen Kängurus, mit dem er angeblich in einer Wohngemeinschaft lebte: Marc-Uwe Kling. Wie bereits bei den Känguru-Comics hat sich der Berliner Autor mit dem Zeichner Bernd Kissel zusammengetan, um in Episoden die Weltraum-Abenteuer der „superfiktiven Multimilliardäre Elon Dusk und Jeff Jezos“ aufs Korn zu nehmen. Damit gelingt ihnen eine aberwitzige Satire über zwei Typen, die mehr Geld haben, als es für jemanden gut sein könnte. Die beiden Super-Milliardäre, hinter denen sich leicht Elon Musk und Jeff Bezos erkennen lassen, liefern sich ja seit geraumer Zeit einen Wettlauf zum Planeten Mars.
Dabei geht es natürlich auch immer um Eitelkeiten und wer am meisten Kohle für völligen Unsinn ausgibt. Man denke nur an die schwachsinnigen Weltraum-Trips für ein paar Minuten von Promis oder Menschen von Bezos Weltraum-Unternehmen, die dafür Millionen Dollar verpulvern. Sowas macht nicht nur Marc-Uwe Kling wütend, der natürlich mit seinem anarchischen Witz auf die größenwahnsinnigen Ideen dieser durchgeknallten Milliardäre reagiert. „Ich finde, diese hyperreichen Typen sind ein fundamentales Problem, das wir gerade haben. Milliardäre haben viel zu viel Macht und viel zu viel Einfluss. Es gefährdet unsere Demokratie, wie sie die Massenmedien kontrollieren. Sie gefährden den Planeten“, erklärt er im Interview.
Also macht er sich über die beiden, die allein auf dem Mars leben und sich schnell langweilen, lustig, indem er die Gerüchte über den Drogen- und Ketamin-Mißbrauch von Musk genauso thematisiert wie auch die Geltungssucht von Bezos, der seine beiden Super-Luxus-Jachten zum Mars mitgebracht hat, obwohl es dort natürlich kein Wasser gibt. Gleichzeitig wird schnell klar, dass ein ganzer Planet nur zwei Alpha-Tier-Bewohner braucht, damit ein handfester Nachbarschafts-Streit ausbricht. Und das Beste kommt zum Schluss: Mit Hilfe ihrer eigenen Technik wird dafür gesorgt, dass die beiden nicht wieder auf die Erde zurückkehren können. Welch schöner Wunsch-Traum.
Marc-Uwe Kling und Bernd Kissel: Elon & Jeff on Mars, Carlsen Comics, Hamburg September 2025, 80 Seiten, 20 Euro.
Kommen wir zu einer weiteren Sonderabteilung der Literatur, dem Hörbuch.
Hier möchte ich eine Art Doppel-Biografie empfehlen, nämlich Frank Schätzing: Space Boy - Über David Bowie. Über mich. Vom Autor selbst gelesen, entwickelt sich über 11 Stunden die Geschichte einer Seelenverwandschaft, eine Geschichte einer nie endenden Faszination. Dabei kombiniert Schätzing sein Leben mit der Biografie von David Bowie. Dabei war Frank Schätzing schon immer ein Mann für die ganz großen Themen. Ozeane, Bewusstsein, Klimakatastrophen und unendliche Kriege. Der Autor denkt gerne im Breitwandformat. Mit Spaceboy taucht er jetzt ein ins All der Popkultur.
Doch statt wissenschaftlicher Tiefbohrung oder Thriller-Spannung hat er ein Hörbuch eingesprochen, das mit unverkennbarer Stimme, einer Mischung aus Selbstsicherheit, Charme und leichter Selbstverliebtheit, zwischen Bewunderung und fast schon spiritueller Verehrung pendelt. Bowie ist dabei weniger Gegenstand als Resonanzraum. David Bowie, dieses Gesamtkunstwerk aus Sänger, Songschreiber, Tänzer, Schauspieler, Regisseur und Geschichtenerzähler hat sich ständig neu erfunden. Er wurde so zur Inspirationsquelle für Frank Schätzings eigenem Leben als Kreativer, als Zeichner, Musiker, Performer und als Autor weltberühmter Thriller und populärer Sachbücher.
Der genderfluide David Bowie und der genrefluide Frank Schätzing: zwei Männer, die vom Himmel fielen. Das Hörbuch erzählt von zwei großen Kreativen mit der Fähigkeit, sich immer wieder neu zu erfinden. Eine Wahlverwandtschaft des 20.Jahrhunderts, die bis heute weiterlebt. Mal kommt er wie ein Dozent rüber, mal als Rockpoet und dann wieder als absoluter Fanboy. Wenn er über Bowies Mut zur Metamorphose spricht, hört man zwischen den Zeilen, dass er eigentlich über sich selbst spricht. Es geht um das ewige Bedürfnis, sich neu zu erfinden, um im Rampenlicht stehen zu bleiben, bis es erlischt.
Angefangen hat Schätzings Faszination für Bowie in seiner Kindheit. Im Jahr 1969 ist der kleine Frank 12 Jahre alt und nicht gerade der Experte für Cooles auf dem Schulhof eines Kölner Gymnasiums. Er hat von Pop-Musik genauso wenig Ahnung wie vom Fußball, und rauchen tut er auch nicht. Doch dann legt ein langhaariger Musiklehrer eine Schallplatte auf: „Space Oddity“ von David Bowie. Ab da ist alles anders - eigentlich bis heute. Denn ein Leben lang hat dieser Jahrhundertkünstler den Lebensweg von Schätzing begleitet, bereichert und immer wieder auf eigenartige Weise gespiegelt und durchquert.
Schätzing erzählt, als würde er in Bowies Kopf wohnen. Elf Stunden lang mäandert er durch Jahrzehnte, Songs, Persönlichkeitsfacetten. Er behandelt sein Idol aber nicht museal, sondern als Lebenskraft - eine Idee, die sich in Schätzings Sprache spiegelt: elegant, rhythmisch und teilweise überbordend. Er ist ein glasklarer Beobachter, der sich aber auch manchmal in seinen eigenen Metaphern verheddert. Er jongliert mit Sprache, Humor und Nostalgie, und selbst seine Eitelkeit ist irgendwie unterhaltsam.
Stilistisch ist Spaceboy ein Mix aus Pop-Philosophie, Selbsthilfe und Musikjournalismus. Das kann mitreißen, aber auch überfordern. Da gibt es brillante Sätze, aber auch jede Menge über den Autor selbst. Ein bisschen weniger eigenes Ego wäre nicht schlecht gewesen, liegt aber vermutlich in der Natur des Autors. Und ja natürlich ist Schätzing vor allem ein großer Fan von David Bowie. Dabei ist Spaceboy kein chronologisches Nachschlagewerk. Wer nach neuen Fakten sucht, findet keine. Dafür ist das Buch eine Art Jam-Session aus Gedanken, Erinnerungen und Soundbildern. Und wenn Schätzing am Ende über Bowies Abschied mit dem Album „Blackstar“ spricht und der großen Leere danach, kippt die Stimmung in echte Melancholie.
Frank Schätzing: Space Boy, Hörbuch MP3 CD, selbst gelesen vom Autor, Hördauer: 11 Stunden, 7 Minuten, Hörbuch-Verlag, Kiepenheuer & Witsch NOvember 2025, 24 Euro.
Kommen wir zum nächsten Rockstar, der allerdings ein Rockstar der Literatur ist: der amerikanische Starautor T.C.Boyle. Gerade in Deutschland hat der erfolgreiche Schriftsteller eine riesige Fan-Gemeinde. Kein Wunder also, dass sein neuester Roman zunächst auch nur hier veröffentlicht wurde. Bei seinen Lesereisen füllt er riesige Hallen, wie gerade zusammen mit dem Schauspieler Ben Becker. Seit gefühlten Jahrzehnten liefert der als Tom Coraghessan Boyle, 1948 in Peekskill, New York geborene Autor alle zwei Jahre einen neuen Roman ab. In den Zwischenzeiten veröffentlicht er jeweils einen Band mit Kurzgeschichten. Berühmt machten ihn seine preisgekrönten Romane „Wassermusik“ (1982), „World´s End“ (1987) und „America“ (1995), aber auch seine jüngeren Werke sind fast durchgängig Bestseller, wie „Sprich mit mir“ oder „Die Terranauten“.
Sein neuer Roman „No Way Home“ ist eine Dreiecksgeschichte und liest sich zunächst wie ein Neo-Western. Allerdings lässt der bekennende Trump-Gegner und ewige Mahner gegen die Spaltung in seinem Land seine gesellschaftspolitische Haltung nicht gänzlich unter den Tisch fallen, sondern lässt die aktuellen Probleme und Unglaublichkeit der konservativ-reaktionären Entwicklung in den USA als Folie unterhalb seiner Erzählung öfters durchscheinen. Die Geschichte spielt in Boulder City in Nevada. „Ich schrieb sie, während sich gerade die katastrophalste Wahl der US-Geschichte zusammenbraute, voller Spannung und Hass und Verrücktheiten der Rechten. Das hat mich beeinflusst“, erklärte er in einem Interview. All das umgibt die Figuren. Los Angeles erscheint als ein Moloch, in dem zum Beispiel die Obdachlose Francis unter unwürdigen Lebensumständen ihr Dasein fristet. Aber auch das Landleben im Mittleren Westen wirkt trostlos, betäubt durch Alkohol und Drogen.
In seinem fast filmreifen Setting am Rande der Wüste, wo die Männer Machos sind und als weiße Rednecks den Ton angeben und die Frauen blutige Steaks vertilgen, erscheint die Welt tief konservativ und klar geordnet. Dort trifft Terry, ein angehender Assistenzarzt in einer Bar auf Bethany, die im örtlichen Krankenhaus an der Rezeption arbeitet und vor ihrem toxischen Ex-Freund Jesse aus L.A. geflohen ist. Der Ex-Lover ist ein tätowierter Biker mit kurzgeschorener Frisur, der Bethany noch lange nicht abgeschrieben hat. T.C.Boyle erzählt diese Dreiecksgeschichte als Parabel auf die westlichen Gesellschaften: „Wir finden nicht mehr zueinander, weil jeder nur noch sich selbst im Recht fühlt. Feindseligkeiten werden zum Selbstzweck“. Erwartbar schleicht die Handlung voran. Bethany kommt von Jesse nicht los, als wäre er eine Droge. Dabei hat sie sich längst im Haus von Terry förmlich eingenistet und gemeinsam leben sie eine leidenschaftliche Affäre aus. Doch Jesse belauert das junge Glück. Und natürlich kommt es zum Streit der Rivalen. Dabei wird es unfreiwillig komisch, wenn die Kampfhähne aufeinander losgehen und sich Bethany hinterher um die beiden verbeulten Kerle kümmert.
Natürlich kann T.C. Boyle brillant erzählen, mit meist wunderbaren Dialogen, trotzdem reicht der aktuelle Roman nicht an seine alten Erfolgs-Bücher ran. Weder seziert er das Innenleben der US-amerikanischen Gesellschaft, wie man es schon oft bei ihm gelesen hat, noch bleibt seine Geschichte frei von alten Klischees und Oberflächlichkeiten. Das dürfte die eingefleischten Fans nicht sonderlich abschrecken, aber neue Leser dürfte er damit auch nicht gewinnen. Trotzdem eine Leseempfehlung von mir, weil solche fantasiereichen Geschichtenerzähler wie Boyle mit ihrer bildhaften Sprache es immer wieder schaffen, mich aus meinem Alltag zu entführen.
T.C.Boyle: No Way Home, Hanser-Verlag, München September 2025, 384 Seiten, 28 Euro.
In einem weiteren Belletristik-Tipp geht es erneut um eine Liebesbeziehung, die zum Scheitern verurteilt ist. Geschrieben hat diese „melancholische Sinfonie in herzzerreißendem Moll“ der junge finnische Autor Pajtim Stantovci (34), der als Sohn albanischer Eltern im Kosovo geboren wurde und mit 2 Jahren als Flüchtling zusammen mit seiner Familie nach Finnland kam. Mittlerweile ist der Schriftsteller eine etablierte Größe der skandinavischen Literatur und legt mit „Bolla“ bereits sein viertes Buch vor.
Sein Roman spielt während des Balkankrieges und erzählt die Geschichte von zwei jungen Männern, deren Liebe vor unüberwindlichen Hindernissen steht. Zunächst ist Homosexualität auf dem Balkan immer noch verpönt und gesellschaftlich unterdrückt. Gleichzeitig ist der 24jährige Arsim Albaner und sein Geliebter, der ein Jahr ältere Milos ein Serbe, und beide Länder führen einen brutalen und verbitterten Bürgerkrieg gegeneinander. Arsim ist Student der Literatur in Pristina und träumt von einer Schriftstellerkarriere, während Milos Herzchirurg werden möchte. Die beiden treffen zufällig in einem Café aufeinander und beginnen eine heftige und intensive Liebesbeziehung einen Sommer lang, die sie allerdings nur lautlos und im Verborgenen ausleben können. Es ist 1995 und eigentlich ist Arsim auf Drängen seines Vaters schon seit 4 Jahren mit Ajshe verheiratet, die ihn wirklich auch liebt.
So glücklich die beiden Verliebten sind, so schnell wendet sich alles. Ajshe wird schwanger und Arsim ist ein fürchterlicher Ehemann und Vater, der das Geschrei seines Kindes nicht aushält. Gleichzeitig greift der Balkankrieg mit aller Härte auf den Kosovo über und die junge Familie muss flüchten. Dabei erscheint der Haupt-Protagonist Arsim als vielschichtig und gespalten. Gegenüber seiner Ehefrau und den später zwei Kindern ist er egoistisch, ignorant und gewalttätig, während er sich im Umgang mit Milos herzzerreißend romantisch, voller Sanftheit und aufgrund der Trennung verzweifelt und verletzlich zeigt.
Der Roman wechselt zwischen den Perspektiven der beiden Männer, und die nichtlineare Erzählung springt im Zeitraum zwischen 1995 und 2004 hin und her. Arsim tritt als Ich-Erzähler auf, während Milos`Geschichte, auch als späterer Soldat, der alle Brutalitäten des Krieges miterlebt und aber auch ausführen muss, in fragmentarischen Tagebuch-Einträgen erzählt wird. Dabei ist die bedrückende Geschichte von Arsim und Milos kein historischer Roman über den Kosovo-Krieg, sondern die tieftraurige Realität von traumatisierten Menschen, die der Gewalt in all seinen Facetten ausgeliefert sind. Selbst nach Ende des Krieges bleibt die Zerrissenheit aller Beteiligten ohne Heilung.
Der titelgebende Bolla (siehe Cover) ist in der albanischen Mythologie eine Drachen-ähnliche dämonische Schlange, die nach dem Volksglauben nur einmal im Jahr ihre Augen öffnet und alle verschlingt, die sie sehen. Der Autor erklärt dazu: Im Roman hat diese Kreatur eine metaphorische Bedeutung, denn die Geschichte handelt von Menschen, die sich ihr ganzes Leben fürchten und verstecken. Sie entscheiden sich dafür, im Inneren des Berges zu bleiben, in dem der Bolla wohnt und versuchen nicht herauszukommen, genau wie der Bolla. Wenn es einem nur einen Tag erlaubt ist, frei zu sein, oder im Fall von Arsim und Milos, nur einen Sommer lang glücklich zu sein, kann das dann für ein ganzes Leben reichen?“
Ein Roman, so niederschmetternd wie kraftvoll und beeindruckend. Geschrieben in einer faszinierend schönen Sprache, die trotzdem all das Leid und die Tiefe der menschlichen Verheerungen voll im Blick behält. Ein hartes Buch über die Liebe, die Grenzen überschreitet, aber an Traumata und Gewalt scheitern muss.
Pajtim Statovci: Bolla, Luchterhand Verlag, München März 2025, 288 Seiten, 22 Euro.
Nach soviel Drama, Unglück und Gewalt wird es Zeit für mehr Humor und Lässigkeit. Auch meine nächste Roman-Empfehlung stammt aus Skandinavien, nämlich von der norwegischen Autorin Line Baugsto, geboren 1961 in Kristiansand. Mit „Evil Grandma“ hat sie eine humorvoll böse Satire geschrieben, bei der man aufpassen sollte, wem man dieses Buch schenkt. Im besten Fall wird viel gelacht, im schlechtesten Fall könnte es Empörung bis Gewalttätigkeiten geben. Ist mir persönlich schon einmal passiert, als ich ein wunderbares kleines Kochbuch „für die alleinstehende alte Dame“ verschenkt habe mit besten Absichten, aber völlig falsch verstanden wurde und sogar Schläge bekam. Später löste sich alles in Gelächter auf und das Kochbuch wurde geliebt für seine wunderbaren Rezepte. Aber das ist eine gänzlich andere Geschichte.
„Stell dir vor, du wirst Großmutter und hast andere Pläne“, so beschreibt der Klappentext die Thematik. Es geht um Mona, die demnächst in Rente gehen will. Allerdings brechen bei ihr nicht Freudentränen auf, als sie erfährt, dass sie Großmutter wird, sondern sie bekommt eine mittlere Panikattacke. Denn sie weiß ja aus eigener Erfahrung, was es heißt Kinder zu bekommen und diese groß zu ziehen. Jetzt soll ihr also wieder demnächst ein sabberndes und ewig kackendes Kind in den Schoss gelegt werden, und sie soll darüber auch noch freudestrahlend und lächelnd reagieren.
Aber Mona weigert sich bei diesem angeblich natürlichem Spiel mitzuspielen. Denn Mona ist eher ruppig und kann ihren Lebensärger nicht immer verstecken. Die erwartete Milde und Fürsorglichkeit geht ihr absolut ab. Speziell, wenn sie die freudigen Eltern, ihren Sohn Thomas und seine Frau Alma erlebt, die oberflächlich leben, sie eigentlich ignorieren und ansonsten ständig auf ihre Handys starren. Wegen eines Wasserschadens in der eigenen Wohnung quartieren sie sich auch noch wochenlang in Monas kleiner Wohnung ein, breiten sich richtig aus, aber vergessen, sich an jeglicher Hausarbeit wie Kochen, Einkaufen, Aufräumen und Putzen zu beteiligen. Stattdessen frönt Alma ihrem neuesten Tick, alles und jedes im Internet in ihrem Instagramm-Accound „allmama“ zu posten.
Kleines Beispiel: Unter dem Titel „Was Schwangere essen vs. Was Großmütter essen: Äpfel, Vitamine und Wasser für die Schwangere. Kuchen, Wein und blutige Steaks für die Oma“. Da platzt Mona dann doch der Kragen und sie eröffnet ihren eigenen Internet-Account: „Evilgrandma65“.
Völlig aus dem Ruder läuft die Familiengeschichte als Alma eine rosarote „Babyshower“ anlässlich der baldigen Geburt veranstaltet, wo zwar jede Menge dumm-blonde Freundinnen auftauchen mit ihren unsäglichen Geschenken, ansonsten die gesamte Arbeit rund ums Quietsch-bunte Fest Mona aufhalsen. Dazu kommen noch ein abgründig verlaufenes Date von Mona und ein seltsames Zerwürfnis mit ihrer besten alten Freundin. Mona kriegt es richtig dicke!
Ein bitterböses, humorvolles Buch, locker geschrieben und eine Ermutigung, mal nicht der Erwartung aller anderen zu entsprechen. Herrlich!
Line Baugsto: Evil Grandma: Evil Grandma, Rowohlt-Verlag, Hamburg Oktober 2025, 255 Seiten, 23 Euro.
Für hintergründigen Humor voller Schauer und Trostlosigkeit ist der Schriftsteller, Musiker und Schauspieler Heinz Strunk (1962 in Bevensen) bekannt. Schon mit seinem ersten Roman „Fleisch ist mein Gemüse“ sorgte er für Furore. Auch sein „Der Goldene Handschuh“ über den Frauenmörder Fritz Honka stand monatelang auf der Bestsellerliste und wurde preisgekrönt von Fatih Akin verfilmt. Aber Strunk ist auch ein begnadeter Erzähler von Kurz- und kürzesten Geschichten.
Sein neuestes Erfolgsbuch „Kein Geld, kein Glück, kein Sprit“ ist eine Einladung in die Abgründe des Lebens, krass, deprimierend, entsetzlich, aber immer auch brillant und witzig. Also voll aus dem Leben gegriffen, denn Strunk ist ein ganz wunderbarer Beobachter. Viele seiner schmalen Geschichten beleuchten das Leben mit Blick auf die Hilflosen und Hoffnungslosen. Wobei einem das alte Wort „Peinsam“ einfällt, was soviel wie blamabel und kläglich bedeutet, indem aber auch das Wort einsam steckt. Dabei ist Strunk nicht unbedingt nur grausam und bösartig, natürlich zeigt er auch Erbarmen und Mitleid mit seinen Figuren. Er selbst sieht das zwingend notwendig ein als Autor. „Mir wird gelegentlich vorgeworfen, ich hätte wohl eine etwas negative Weltsicht, was ich aber explizit verneinen möchte. Ich weiß auch nicht, mit welchen Instagram-Hotspot- oder Rosamunde-Pilcher-Filter die Menschen durch die Welt gehen, die das meinen. Ich habe einen sehr liebenswürdigen Blick auf die Leute“, zeigt sich Strunk doch etwas irritiert und entrüstet.
In insgesamt 36 Geschichten voller Elend, schräger Typen und schmerzhafter Körperlichkeit zerlegt er das menschliche Dasein zwischen Verfall, Entwürdigung und zynischer Selbsthilfe bis ins Groteske. Dass man trotzdem über die oft trostlosen Geschichten lachen muss, hat nichts mit Selbstgefälligkeit oder Arroganz zu tun, sondern auch mit Mitleid mit den Leid geplagten Protagonisten und seiner Einfühlsamkeit mit Menschen in harten Realitäten.
Kleines Beispiel: Anruf aus dem Jenseits (Die Lebenden und die Toten): „Seit zwei Jahren ist seine große Liebe Melanie tot, und er kann sie einfach nicht vergessen. Er will es auch nicht. Deshalb hat er im Handy-Adressbuch Mama durch Melanie Törning ersetzt. Immer wenn es klingelt, freut er sich. Und hofft natürlich auch.“
Heinz Strunk: Kein Geld, kein Glück, kein Sprit, Rowohlt-Verlag, Hamburg Juli 2025, 188 Seiten, 23 Euro.
Der nächste Tipp zum Verschenken ist ein Buch, das Reden gegen das Nichtstun enthält, und zwar gehaltene und ungehaltene, wobei das Letztgenannte auch zweideutig gelesen werden könnte. Was genau dem Stil und dem Humor des Autors entspricht. Die Reden stammen nämlich von Sasa Stanisic, der nicht umsonst für seinen Roman „Herkunft“ schon mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Auch sonst sind seine Werke mehrfach preisgekrönt oder haben sich zumindest in den Bestsellerlisten wiedergefunden. Der Schriftsteller, der 1978 im jugoslawischen Visegrad geboren wurde, kam 1992 als Flüchtlingskind nach Deutschland und lebt und arbeitet seit vielen Jahren in Hamburg.
Wer soviel Ehrungen erhält, muss sich dabei meist auch dazu äußern. Also hält der Autor Dankesreden vor Schulklassen oder nach dem Erhalt des Schillerpreises, sowie zur Eröffnung des Göttinger Literaturhaus, in denen er ernsthaft, aber meist auch sehr humorvoll Stellung bezieht zu Themen der Kunst, Politik und Gesellschaft. Stanisic nimmt dabei kein Blatt vor den Mund und das in einer Sprache, die alle verstehen, obwohl deutsch ja nur seine Zweitsprache ist. Vehement, scharfzüngig und vor allem klug wirbt der Autor für Menschlichkeit und warnt vor den Bedrohungen der Gegenwart. Weil er sich aber auch als Künstler versteht, verlaufen seine Gedankengänge nicht immer gradlinig, sondern entwickeln sich auch um mehrere Ecken.
Wie zum Beispiel in der ersten Rede, die er vor Schülern des Gymnasiums in Weilheim gehalten hat. Wie schon im Titel seines Buches geht es dabei um das Paradoxon „Mein Unglück beginnt damit, dass der Stromkreis als Rechteck abgebildet wird“. Er erinnert darin, dass in seiner Schulzeit der Physiklehrer den Kreis (Strom) als schematisches Rechteck an die Tafel malt. Und überhaupt wandert er in der Rede vom Kreis zu den Stromquellen, die jegliches Leben lenken, womit er bei den Balkankriegen ankommt, auf die er als Flüchtling eigentlich immer zurückkommt. Er erzählt von dem Grenzsoldaten, der seine Familie anhält auf der Flucht vor dem Jugoslawienkrieg, der darüber entscheidet, ob die Familie weiter ziehen kann oder mit Draht gefesselt am Wegesrand liegenbleibt.
Die Ideen und Gedankengänge, die Stanisic entwickelt, kreisen um Sprache und Literatur, Migration und Integration, Jugend und Herkunft. Die Beispiele, Bilder und Geschichten, in die der Redner seine Gedanken verpackt, sind dabei vielfältig. So setzt er seiner Mathematiklehrerin ein Denkmal, die davon überzeugt war, dass Kinder beides lernen müssen: „Geometrie und Empathie - Formeln für Funktionen und Formeln gegen den Hass“.
Die Aussagen von Stanisic sind klug aber humorvoll, unterhaltsam und intelligent und zugleich auch fantasievoll bis versponnen. Trotzdem treffen seine Einsichten meist den richtigen Kern der Sache: „Hilft ja nix. Wir müssen den Härten und dem Leiden, den Ungerechtigkeiten und den Unfreiheiten immer noch und immer weiter etwas entgegensetzen. Krieg, Armut, Faschismus, was alles noch. Alle können was tun, alle! Was geben, wo helfen, so was. Verantwortung übernehmen. Mal einfach auch jemanden zuhören, der nicht du selbst ist. Wenn schon alles den Bach runter geht, dann bau doch wenigstens einen kleinen Damm, verdammte Axt.“
Amüsiert und mit viel gedanklichen Gewinn liest man die Reden in diesem Band, wechselt vielleicht auch einfach mal die Perspektive. Sasa Stanisic kommt als Autor daher, der auf dem Zenit seines Könnens angekommen ist. Bravo!
Sasa Stanisic. Mein Unglück beginnt damit, dass der Stromkreis als Rechteck abgebildet wird - eine Ermutigung, Luchterhand Verlag, München Oktober 2025, 156 Seiten, 22 Euro.
Zu guter Letzt habe ich noch ein besonderes Buch für Musikliebhaber, Fans und solche, die es vielleicht noch werden wollen. Es geht um die Biografie von Patti Smith, eine der ganz Großen der modernen Musik-Geschichte. Die amerikanische Rock-Ikone, die aber auch als Poetin, Fotografin und Malerin weltweit gefeiert wird. Sie ist mittlerweile 78 Jahre alt und ihr Beginn als Punk-Göttin mit der Debüt-Scheibe „Horses“ liegt auch schon 50 Jahre zurück. Trotzdem wird sie zur Zeit selbst von den neuen Giganten der Pop-Musik, wie Taylor Swift in ihrem musikalischen Wirken anerkannt: Sie zitiert Patti Smith auf ihrer aktuellen Platte. Und auch als Rock-Poetin ist sie schon lange anerkannt. Dabei liegt ihr Welterfolg „Just Kids“ auch schon 15 Jahre zurück. Darin hatte sie hauptsächlich über ihre Anfangsjahre in New York zusammen mit dem späteren Fotografen-Star Robert Mapplethorpe berichtet. Jetzt gibt die Punk-Poetin nach jahrelanger Arbeit an diesen Memoiren einen zutiefst persönlichen Einblick in ihr Leben, das von Anfang an der Kunst und der Liebe gehörte. Darin erzählt sie von verschiedenen Erweckungsmomenten, wie den ersten Picasso, den sie zu Augen kriegte oder ihren Begegnungen mit Texten von Oscar Wilde, den Gedichten von Yeats oder ihrem geliebten Dichter Arthur Rimbaud, der „ihr von den Engeln serviert wurde“.
In „Bread of Angels“ blendet Smith zuerst zurück - dann nach vorn. Sie erzählt viel aus der Kindheit in kontrollierter Selbstentblößung. Ihre Kindheit ist geprägt von 12 Umzügen, ersten Kunsterlebnissen und diversen Krankheiten. Klein-Patti hat nichts ausgelassen. Dabei versteht Patti ihre Bettlägerigkeit im Rückblick als Voraussetzung, sich auf eine Welt einzulassen, die sich der sogenannten Wirklichkeit entzieht. Das „Engelsbrot“ ist dabei mehr als nur ein knackiger Titel: eine Metapher für die Nahrung, der Smith ein Leben lang nachspürte. Was auch ihrer Geltung als Schamanin in späteren Jahren Bedeutung gibt. Man liest den Text und wird den Gedanken nicht los, viele Teile davon könnten eigentlich auch gesungen werden.
Der zweite Teil dieser Biografie ist besonders beeindruckend. Nach Jahren des Aufstiegs in New York, in denen sie in die dortige Kunstszene eintaucht, im legendären Chelsea-Hotel logiert und plötzlich neben dem Dalai Lama auf der Bühne sitzt, lernt sie ihren Ehemann Fred „Sonic“ Smith, Gitarrist der nicht weniger legendären „MC5“ kennen. Er soll der Mann ihres Leben werden. Sie ziehen zusammen nach Detroit, bekommen 2 Kinder und bilden eine Familie. Patti Smith zieht sich aus dem Musikerleben zurück und es beginnen für die Nomadin die Haushaltsjahre und damit jene Rückzugsphase, in der sie sich nicht mehr als Musikerin sieht, sondern als Schreibende. Im Schreiben findet sie schließlich Halt, getrieben von dem Bedürfnis, das Alltägliche in das Schöne, das Gewöhnliche in das Magische und den Schmerz in Hoffnung zu verwandeln.
Und natürlich bleibt auch die Rock-Legende nicht von Schmerzen und Abgründen bewahrt. In nur einem Jahr sterben ihr Bruder, ihr geliebter Mann und ihr bester Freund Robert Mapplethorpe. Trotzdem verlor sie damit nicht ihr alltägliches Staunen und es gelang sogar die Rückkehr auf die Bühnen der Welt. Zuletzt im Sommer stand die nimmermüde Musikerin mit ihrer Band umjubelt auf der Bühne des Hamburger Stadtparks.
Ähnlich wie Bruce Springsteen, der ja bekanntlich selbst ein Bio-Pic herausgegeben hat, wie auch ihr alter Freund und Weggefährte Bob Dylan steht Patti Smith für radikale Aufrichtigkeit und altes Kämpfer-Gen. Das äußert sich in klaren politischen Statements, wie sie jüngere Stars dieses Kalibers niemals äußern würden: „Es ist qualvoll, meine Regierung zu sehen“.
Dabei zeichnet sie sich auch noch besonders durch ihre Ehrlichkeit und Authentizität aus. Ironie und Zynismus, wie sie heute in den sozialen Netzwerken vorherrschen, sind ihr fremd. Das vorliegende Buch ist ein Selbstzeugnis und vielleicht sogar das persönlichste Buch, das Patti Smith jemals verfasst hat. Es ist poetisch, fesselnd und ein absolutes Muss für alle Fans, egal ob jung oder alt.
Patti Smith: Bread of Angels - die Geschichte meines Lebens, Kiepenheuer & Witsch November 2025, Köln, 310 Seiten, 26 Euro.
Die Bücher sind in den inhabergeführten Buchhandlungen Belling, Prosa, Buchfink, Arno Adler, Langenkamp, maKULaTUR, Buchstabe und Bücherliebe erhältlich.

