Ingeborg Schober, Foto: (c) Gabriele Werth

Ingeborg Schober "Die Zukunft war gestern"
Die Pionierin

Rolf JägerVon

„Wer Pop-Musik liebt“, schreibt Publizistin und Verlagsfrau Gabriele Werth (*'52) im Vorwort, „wird auch den Blick zurück schätzen, der für Ingeborg auch immer ein Blick voraus war – in die Zukunft -, und die war immer schon auch gestern da.“

Ein etwas unscharfer gedanklicher Riss im Zeit-Raum-Gefüge, hinter dem sich mit dem schnittigen Titel „Die Zukunft war gestern“ ein außerordentlich gelungenes Buch über Ingeborg Schober befindet, der Pionierin des deutschen Rock-/Popjournalismus. Ein fremd-editiertes Selbstporträt gewissermaßen, das Schober mit einer Auswahl ihrer Texte aus der Zeit von 1972-89 vorstellt, die kaum Relevanz und Scharfsinnigkeit eingebüßt haben.

Gegenentwurf

Ende der 1960er Jahre, als der Musikjournalismus noch von Männern in Kinderschuhen dominiert wurde, profilierte sich Ingeborg Schober als erste überregional relevante Rockmusikjournalistin der BRD. Wo Frauen heute im politischen und Kultur-Journalismus weiterhin deutlich in der Minderheit sind, war Schober damals tatsächlich die einzige, deren Kompetenz über die übliche sexistische Perspektive hinaus wahrgenommen wurde. „Sie war die einzige Frau, zu der man überhaupt aufblicken konnte“, erinnert sich TV-Moderatorin Sandra Maischberger, 1985 Schobers Kollegin bei der Sendung „Rock-Lok“ im Bayerischen Rundfunk, „weil sie die einzige Frau in diesem Männerhaufen war – eben in dieser Musikredaktion –, die sich da Respekt verschafft hat.“ Andere Berufsabschnittsbegleiter*nnen, die sich im Buch über „ihre“ Ingeborg äußern, sind Bela B (Die Ärzte-Drummer), Medienkünstlerin/Bloggerin Gaby Dos Santos, Buchautor und Musiker Carl Ludwig Reichert, Musikjournalist Ernst Hofacker u. a..

1947 geb. in Sonthofen, kehrt die junge Ingeborg pop-infiziert aus 14 Tagen London zurück. Sie schreibt 1967 erste Artikel für das „HIT“-Magazin und ab ca. '70 Essays, Kritiken und Interviews für die 1983 eingegangene, semi-legendäre „Sounds“, den „Musikexpress“ und die anthologische Buchreihe „Rock Session“ (1977-83). In ihrem Essay „Maskulin/Feminin“, 1980 in der Reihe erschienen, schrieb sie „über Pop und Gender, noch bevor der Gender-Begriff in Popdebatten überhaupt eingeführt war“ (taz).

Ingeborg Schober, Foto: (c) Gabriele WerthIngeborg Schober, Foto: (c) Gabriele Werth

Schober, ausgebildete Buchhändlerin mit einem Drehbuchpreis in der Biografie, war eine journalistische Quereinsteigerin, die den Gegenentwurf zum offen elitären, bildungsbürgerlichen Duktus des damaligen Feuilletons aufstellte. Sie wollte für Musik begeistern, heranführen, gestaltete Konzertberichte als gesamt-sensuelles Print-Erlebnis. Wenn sie sich zum Dylan-Konzert seitwärts durch die Sitzreihen der Budokan-Halle in Tokio schob, das „musikalische Harakiri“ des japanischen Elektronikers Stomu Yamash'tas live in London erzählte, tat sie das in der Ich-Form, nahm den Leser mit. Ihr Humor war subtil und ausgesucht, ging natürlich auf Kosten der Künstler*nnen, ohne sie dabei mit Laune lächerlich zu machen. Die ganz frische, junge Kate Bush etwa stellte sie in märchenhaft getöntem Ton vor, als das Buschwindröschen namens Käthchen, das „19 Jahre lang still und unentdeckt im fernen England“ lebte; der inhaltlichen Seriosität des Artikels tat das keinen Abbruch.

Leere Worte und nach Business müffelnde inhaltliche Entscheidungen waren ihre Sache nicht; Schober verriss, wenn sie musste, ebenso deutlich wie sie lobte. Heute, nach fast 50 Jahren, etwas wieder zu lesen wie ihre differenzierte, ausführlich betrachtende Abneigung gegen „The Lamb Lies Down On Broadway“ (1974), Genesis' letztes Album mit Peter Gabriel, ist für Zeitgenossen eine interessante Spiegelsituation. In der deutschen elektronischen Szene machte sie das widersprüchliche Bestreben aus, den Mond "gleichzeitig anhimmeln und erobern" zu wollen. Ihr Lieblings-Souvenir war eine Ansichtskarte von Ralf Hütter und Florian Schneider von der ersten US-Tour mit Kraftwerk, 1974, in den „Autobahn“-Tagen.

Stephen Stills, Chris Hillman, Steve Miller, Brian Eno, Annette Humpe – Schober kannte viele, schrieb über viele. Schneller als die meisten fand die „Showbär“ (gelegentlicher Print-Slang in der „Sounds“-Redaktion, mit dem auch männliche Kollegen herumalberten, Willy Andresen war „Willy am Tresen“ u. ä.) Zugang zu musikalischen Neuerungen, die Arriviertes infrage stellten und mitunter konkret und rundheraus für nicht mehr relevant erklärten. Ab den späten '60er Jahren z. B., als Bands wie Can, Neu!, Cluster oder Kraan in der BRD eine alternative, avantgardistische Rockmusik unter Verzicht auf anglo-amerikanische Vorlagen schufen, genannt Krautrock. Schobers Buch "Tanz der Lemminge" – eins von fünfen, die sie verfasst hat – über die Krautcombo Amon Düül II (1979) gilt als Klassiker in der Rockmusikbücherei, „ein persönliches Panorama, das besser als lange soziologische Studien Aufschluss darüber gibt, wie die Bundesrepublik Deutschland der siebziger Jahre getickt hat“ (janreetze.blogspot.com).

15 Jahre später, in der zweiten '70er-Hälfte, als nach der Punkexplosion wiederum nicht-bürgerliche Energien frei wurden und New Wave noch Kunst war, respektlos, selbstverschwenderisch, unberechenbar, neu, bereitete Schober u. a. den Talking Heads, XTC, Human League, Ultravox und Patti Smith, aber auch DAF und Ideal den Weg. Begegnung und Gespräch mit der großen Marianne Faithfull, in den Sechzigern vor allem bekannt als herointot-vermutete Jagger & Richards-Freundin, ist offen und bewegend. Ein genau recherchiertes, angeschärftes Porträt über die Hitparaden-affine Spider Murphy Gang („Schickeria“) in der Neue-Deutsche-Welle-Zeit stellt dem Leser die originäre Rock'n'Roll-Band dahinter vor, als die das bayerische Quartett nur sehr wenigen bekannt war.

In den Neunzigern schrieb Schober für die „Süddeutsche“, über Lifestyle, Mode und Medien für den „Stern“ und das „Männer Vogue“, veröffentlichte Biografien über Janis Joplin und Doors-Sänger Jim Morrison, hatte Romane vor, zu denen sie nicht mehr kam. Ingeborg Schober starb 2010 nach schwerer Krankheit. Ihr Name und ihre Arbeit sollten als beispielhaft für Autor*nnen im heutigen – also zukünftigen –  Musikjournalismus und der Popliteratur gepflegt werden. Dieses Buch hilft dabei.

 
Ingeborg Schober: „Die Zukunft war gestern“. Essays, Gespräche und Reportagen, Herausgegeben von Gabriele Werth, Verlag Andreas Reiffer 2021, 400 Seiten, Amazon

Das Buch ist in den inhabergeführten Buchhandlungen BellingProsa, Buchfink, Arno Adler, Langenkamp, maKULaTUR und Buchstabe erhältlich.

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