Monchi, Jan Gorkow, Foto: (c) Stefan Brending

Literaturtipps
Neues vom Buchmarkt 2022

Holger KistenmacherVon

Heute möchte ich dem geneigten Bücherfreund und der Literaturfreundin einige neue lesenswerte Werke ans Herz legen. Dazu gehört ein preisgekrönter Roman aus Südafrika, der neueste „heiße Scheiß“ aus der Literaturszene Spaniens, ein turbulentes und witziges Nachbarschaftsbuch aus München, sowie ein lakonisches, aber authentisches Buch über Fresssucht und Abspecken vom charismatischen Frontmann der Punk-Band „Feine Sahne Fischfilet“.

Beginnen möchte ich mit dem Booker-Preisträger des Jahres 2021: „Das Versprechen“ vom 1963 im südafrikanischem Pretoria geborenen Autor Damon Galgut, welches auch bei uns seit Wochen in den Bestsellerlisten steht. Der Roman ist eine großangelegte Familiensaga und zugleich ein illusionsloses Porträt der weißen Oberschicht in der südafrikanischen Gesellschaft. Eine bitterböse Geschichte voller Hoffnung und Verbitterung aus einem Land zwischen Apartheid-Regime und Regenbogen-Nation.

Damon Galgut erzählt von einer reichen Buren-Familie, die als Großgrundbesitzer eine Farm bewirtschaften. Über mehrere Jahrzehnte reicht die Familiengeschichte, die in vier Kapitel gegliedert ist, die sich jeweils um eine Beerdigung ranken. Ganz am Anfang steht ein Versprechen, nämlich dass die langjährige schwarze Hausangestellte Salome das bescheidene Haus, in dem sie sowieso seit langem mit ihrer Familie auf dem Gelände der Farm wohnt, als Eigentum erhalten soll. Diese Zusage nimmt die Mutter von drei Kindern (Astrid, Anton und Amor) ihrem Ehemann auf ihrem Sterbebett ab, heimlich beobachtet von der Tochter Amor. “Versprichst du es mir, Manie?… Ich will, dass sie etwas bekommt. Nach allem, was sie für mich getan hat. … ich versprech’s“, sagte Pa mit erstickter Stimme“. Tatsächlich schert sich aber niemand in den nächsten Jahren um das Versprechen, weder der Witwer, noch der Rest der Familie - die ausgerechnet Swart heißt, also „Schwarz“ auf Afrikaans. Dieser gebrochene Schwur am Sterbebett wirkt wie ein Symbol für die vielen Versprechungen, die der farbigen Mehrheits-Bevölkerung Südafrikas nach der Transition vom Apartheids-Staat zur Demokratie gemacht wurden.

Die Euphorie des durch Nelson Mandela eingeleiteten Umbruchs hat nicht lange gehalten. Noch heute dominieren Gewalt, Vetternwirtschaft, Korruption, Rassismus und Umgleichheit das gesellschaftliche Leben am südlichen Ende von Afrika. Der Familienvater bleibt verhaftet in seiner gelebten Überheblichkeit des Weißen bis zu seinem Tod. Der Rest der Familie kommt genauso schlecht mit dem Schwinden ihrer Privilegien klar. Jede von Damon Galguts Hauptfiguren steht für eine bestimmte politische Haltung, die sich über Jahrzehnte hinweg immer stärker manifestiert. Während Astrid einen hedonistischen Lifestyle mit reichem Gatten, verwöhnten Kindern, dicken BMW und schwarzem Liebhaber führt, versinkt der Bruder Anton in Depression und Fatalismus. Er lässt die Farm verlottern, säuft sich durch sein nutzloses Leben, versucht sich jahrelang als erfolgloser Schriftsteller und begeht am Ende Selbstmord.

Nur die jüngste Schwester Amor - die schon durch ihren Namen „Amor“ das Liebesprinzip verkörpert - ist mit Abstand der sympathischte Charakter des Swart-Clans. Nach dem Tod der Geschwister erbt die lesbisch lebende Krankenschwester, die sich für Aids-Kranke aufopfert, die Farm und überschreibt endlich das runtergekommene Farmhaus an die geliebte Salome. „Sie ist es gewohnt, wie ein verschwommener Fleck behandelt zu werden, eine Trübung am Rande von anderer Leute Blickfeld“. Als Kind wäre Amor beinahe vom Blitz erschlagen worden. Sie ist damals dem Tod nur knapp entkommen. Jetzt wird sie die einzige Überlebende am Ende dieses Romans sein. „Der letzte Rest meiner Zärtlichkeit, aufgespart für Menschen, die ich nicht kenne und die mich nicht kennen. Keine Liebe mehr, nur Güte, die womöglich stärker ist. Was spielt das für eine Rolle, Körper, Namen, jetzt bin ich allein. Schwer genug, mich selbst noch zu lieben.“

Galgut schildert die existenzielle Verlorenheit seiner Figuren auf vielen metaphorischen Ebenen, wobei seine Erzähler-Stimme trotz dieser symbolischen Aufladung leidenschaftslos, konstatierend, aber auch humorvoll, selbst spöttisch daherkommt. Sie folgt keiner Regel, hüpft zwischen den Figuren hin und her und spricht den Leser teilweise sogar persönlich an. Illusionslos, morbide und bitter-komisch blickt er auf das Geschehen mit einer Mischung aus Spott und Empathie. Ein äußerst lesenswertes Buch, das einen aufmerksamen Leser erfordert.

Damon Galgut: Das Versprechen, Luchterhand Verlag, München 2021, 368 Seiten, Amazon.


Der Autor meines nächsten Buch-Tipps ist in Spanien Kult und wird als der nächste „heiße Scheiß der jungen Literaturszene des Landes“ vermarktet. Kiko Amat wurde 1971 in Sant Boi de Llobregat geboren, einer Trabantenstadt an der Peripherie von Barcelona. Sein Vater war Rugbyspieler, seine Mutter Krankenschwester in der örtlichen Psychiatrie. Im Alter von siebzehn Jahren brach er die Schule ab, wurde Mod, Kleptomane, Plattenhändler, Kassierer bei McDonalds, Fließbandarbeiter bei Seat Martorell, Wachmann auf einem Campingplatz, Pförtner und Kellner in einem großen Hotel, bis er sich endgültig der Schriftstellerei widmete. Bisher hat er sechs Romane veröffentlich, die in seinem Heimatland Kultstatus haben und gesellschaftliche Randfiguren in urbanen Settings begleiten.

Sein aktueller Roman „Träume aus Beton“ spielt natürlich ebenfalls in der etwas verlotterten, verdreckten, ärmlichen Gegend am Rande von Barcelona. Held der Geschichte ist Curro, der seit über zwanzig Jahren in der psychiatrischen Klinik Santa Dympna in Sant Boi de Llobregat untergebracht ist, die wie der Autor im Nachspann erklärt, eine reine fiktive Einrichtung sei, obwohl sie sowohl architektonisch wie auch bei geografischen Details mit der Klinik Benito Benni, dem tatsächlich in Sant Boi de Llobregat befindlichen psychiatrischen Klinikum vieles gemeinsam hat. Auch die Hochhaussiedlung am Rande der katalanischen Hauptstadt, in der der Roman angelegt ist, entspricht im Großen und Ganzen der Wirklichkeit.

Curro, der in der Psychiatrie, wie übrigens bereits sein völlig durchgeknallter Großvater lebte und einsam starb, wurde eingewiesen, nachdem er in einem schizoiden Wahn eine Messerattacke verübt hatte. Er umgibt sich mit einer kleinen Gruppe Insassen, die den Ausbruch aus der Klinik planen, wobei sein bester Freund, sein „Butler“, der getreue Placido ihm mit Rat und philosophischen Sprüchen immer zur Seite steht. Die geplante Flucht ist zwar hoffnungsvoll, aber aufgrund dilettantischen Verhaltens von Beginn an eher unwahrscheinlich.

Dann springt der Roman zurück in die Kindheit von Curro, die er 1982 als 12jähriger in einer dysfunktionalen Familie verbringen muss. In der Schule gemobbt, vom älteren Bruder traktiert, ist er dem aggressiven, unberechenbaren Vater ausgesetzt, während sich seine Mutter dick frisst und in einer Fantasiewelt vor sich hin lebt. Der zerbrechliche Curro wird von Ticks und Phobien geplagt, während er darum kämpft, sein beschwerliches Leben zu meistern. Er bewundert Kevin Keagan, den ehemaligen Fußball-Star aus England, flüchtet sich in Traumwelten, um die Liebe seiner Mutter nicht zu verlieren. Nur sein bester Freund Priu, ebenfalls ein Nerd, mit dem er sich in der Umgebung seiner schrägen Familie rumtreibt, hält immer zu ihm. Nachdem er seinen Vater bei einem Seitensprung mit einer Nachbarin beobachtet, wovon er seiner Mutter später ausführlich berichtet, bricht ein förmlicher Wirbelsturm über die Familie herab. Die sorgsam gehüteten Geheimnisse und all die Lügen des Lebens, die sich in Curros Familie angesammelt haben, werden für immer seine bekannte Welt zerstören.

Geschickt springt der Autor in seinem Roman von der Kindheit Curros zum Erwachsenenleben in der Psychiatrie hin und her. „Träume aus Beton„ ist eine Geschichte von Angst, von Unangepasstheit und vom Leben am Rande, die atemberaubende Zärtlichkeit mit brutaler Wirklichkeit kombiniert. Das Buch hat einen Sound, der in seiner Direktheit oft schockiert, dann aber wieder zum Schreien komisch, zart, aber auch ernst daherkommt. Die Sprache von Amat ist direkt und hart, zärtlich und skurril, voller Humor und Bitternis. Charlos Zanon bescheinigt dem Buch eine Qualität „wie Trainspotting mit weniger Drogen und Graham Swift ohne Guiness, dafür Estrella Bier“. „Grausamkeit und Gewalt sind die Regel. Eine Welt, in der nichts von Bedeutung ist und in der die Unschuldigen zermalmt werden. In einer solchen Welt kannst du nur saufen oder verrückt werden. Ich habe es mit Ersterem versucht. Als das nichts half, kam Zweiteres.“

Kiko Amat: Träume aus Beton, Heyne Hard Core, München März 2022, 556 Seiten, Amazon.


Nach soviel Schwermut und Depression, jetzt etwas mehr Turbulenz und Heiterkeit. Dabei ist die Hauptfigur von Katharina Adlers neuem Nachbarschaftsroman, „Iglhaut“, die selbständige Tischlerin aus einem Hinterhof in München, eher kratzbürstig, schroff und eigenwillig. Dabei will die Iglhaut eigentlich nur ihr Ding machen: In ihrer Holzwerkstatt in Ruhe ihre Aufträge abarbeiten und sich um ihre Hündin, die „Kanzlerin“ kümmern. Aber ihre eigenwillige, schräge Nachbarschaft aus zoffendem, lautstarkem Ehepaar unter ihrer Wohnung, einer verkorksten Schriftstellerin mit Schreibblockade, einem Marihuanazüchter mit Sozial-Touch, Postkartensammler, Datingjunkie und Kreuzworträtselhauptpreisgewinner läuft ständig bei ihr in der Werkstatt auf, um die Probleme der Welt mit ihr zu besprechen. Die hat ja schließlich keine Kinder und so nimmt jeder an, dass sie bestimmt Zeit hat, sich zu kümmern. Und eigentlich tut die Iglhaut das auch gerne. Mal schaut sie nach der alten, gebrechlichen Gewerkschafterin von nebenan, dann stößt sie dem aggressiven Ehemann der Nachbarin Bescheid oder sorgt sich um den alten Kirschbaum im Hof.

Dabei laufen auch ihre getrennt lebenden Eltern ewig bei ihr auf, bringen Klatsch und Essenskörbe vorbei. Ihr Vater meint es ja nur gut und wird trotzdem der Verursacher einer komplizierten Zahn-Sanierung. Dazu bereiten ihr eine alte und eine neue Liebe Kopfzerbrechen. Und natürlich reicht auch das Geld nie so richtig aus. Die Lösung wäre doch eigentlich das allgemeine Grundeinkommen. „Ihr eigenes Konto lechzte Monat für Monat nach einer solchen Überweisung. Was sie dann machen würde? Einfach so weiter in ihrer Garage, nur weniger nervös, mit einer bedingungslos guten Grundlaune“.

Doch statt eines geregelten Grundeinkommens erhält die umtriebige Tischlerin unerwartet eine andere Art von Geschenk: Der soziophobe Nachbar, der den Hauptpreis in einem Kreuzworträtsel gewonnen hat, lädt sie ein zu einer Reise in das ägyptische Hurgada. Er traut sich natürlich nicht zu reisen, also düst sie alleine los, verbringt die meiste Zeit Whiskey-Cocktails schlürfend am Pool und lacht sich eher zufällig einen aufdringlichen Mitreisenden an, der sie hinterher weiter belästigt. Und natürlich nimmt die gesamte skurrile Hinterhofnachbarschaft Anteil daran. Alle Geschehnisse, Lieben und Leiden werden gemeinsam besprochen. Es wird gefeilscht, getauscht, gedealt.

Dieses irrsinnige Geflecht aus guten und schlechten Nachbarn, Freunden und Verwandten prallt in Adlers Roman humorvoll aufeinander. Das alles in bildhaft derber Situationskomik und mit fein gesponnener Erzählstimme. Man streitet und lacht zusammen, auch wenn die unterschiedlichen Sprachmilieus oft heftig aufeinanderprallen. Dabei geht es wie im wahren Leben meist nie richtig an den emotionalen Kern einer Sache, selbst wenn es mitunter tragische Momente gibt. Vieles bleibt unausgesprochen, die wahren Gefühle bleiben ausgesperrt. Aber gerade dieses Unausgesprochene macht aus dieser fast schon beiläufigen Geschichte eine amüsante Story voller Humor, Tempo und Authentizität. Herrlich zu lesen.

Katharina Adler: Iglhaut, Rowohlt-Verlag, Hamburg, Mai 2022, 288 Seiten, Amazon.


Auch meinem letzten Buch-Tipp mangelt es nicht an Authentizität. In „Niemals satt“ beschreibt der charismatische Frontmann „Monchi“, Jan Gorkow, der erfolgreichen wie streitbaren Punk-Band „Feine Sahne Fischfilet“ seinen turbulenten Kampf, 65 Kilogramm Körpergewicht abzuspecken, aber auch über den folgenden Kampf gegen die Maßlosigkeit, die Fresssucht und den Jo-Jo-Effekt. Schon von früher Kindheit an ist Monchi ein Mensch, der nach der Maxime „Alles oder nichts“ gelebt hat. Ob als Fan oder gewaltbereiter Hooligan von Hansa Rostock, was ihm jahrelanges Stadion-Verbot deutschlandweit einbrachte, oder als aufrechter Kämpfer gegen Rechte und Neo-Nazis in seiner Mecklenburgischen Heimat, wofür er drei Jahre lang im Verfassungsschutz-Bericht seines Bundeslandes auftauchte. Aber diese Aspekte spielen in dem vorliegenden Buch eher eine Nebenrolle, wobei sie sicherlich eine Basis für sein folgendes Leben sein dürften.

Als seine Band immer erfolgreicher wurde, man ununterbrochen tourte, schließlich vor zehntausenden Fans auf den größten Festivals als Headlines spielte, begann eine Spirale der Unersättlichkeit, in der der exzessive Lebensstil aus Saufen, Fressen, Touren und unzähligen Abstürzen und Vollräuschen in Kneipen und auf Tour seine Spuren hinterließen. Obwohl der Frontmann Monchi nie ein Leichtgewicht war, hatte er sich bis kurz vor der Corona-Zeit einen körperlichen Panzer von 182 Kilo Lebendgewicht angefressen.

Als ihm dies erstmalig wirklich bewußt wurde, hatte die Band gerade eine absolut notwendige Schaffenspause nach Jahren des Exzesses und Erfolges vereinbart. Natürlich bekam er Angst vor Herzkasper und Diabetes, konnte sich schon länger nicht mehr selbst die Fußnägel schneiden, den Arsch richtig abwischen, geschweige denn den eigenen Schniedel sehen. Die Wampe hing fast schon bis zu den Knien, Atemnot verhinderte schnelles Treppenlaufen, und diverse Kloschüsseln, Stühle und Betten waren unter dem immensen Gewicht zerbrochen. Es wurde also höchste Eisenbahn, abzuspecken und ein gesünderes Leben zu führen.

Arzt-Besuche und das Konsultieren einer Ernährungsberaterin hatten aber eher abschreckende Wirkung. Trotzdem ist es Monchi gelungen, innerhalb eines Jahres ein gutes Drittel seines Körpergewichtes zu verlieren. Geholfen haben dabei sein eiserner Wille, Durchhaltevermögen, Stursinn, aber vor allem eine Intervall-Diät und regelmäßiger Sport. Bei der Diät darf man 8 Stunden alles essen, wonach einem ist und 16 Stunden fasten.(Hatte ja auch schon Helge Timmerberg in meiner letzten Rezension über sein Leben berichtet.) Bezüglich Sport begann er mit Radfahren, als er endlich ein Fahrrad fand, das unter seinem Gewicht nicht zusammenbrach, sowie Baden in der geliebten Ostsee zu allen Jahreszeiten. Das hatte natürlich auch den Vorteil, unerkannt zu bleiben, wenn man durch Meck-Pomm radelt. Auch als die Corona-Krise zu den Schließungen von Fitness- und Mucki-Buden führte, konnte man weiter Sport machen, wenn man genügend Selbstdisziplin walten ließ.

Trotz alledem hat Monchi kein reines Diät-Ratgeber-Buch geschrieben, eher eines über Selbsterkenntnis, Sucht, Freundschaft, Familie und der Umgang aller damit. Der Mann leidet an einer massiven Essstörung, die sicherlich nicht in einer traurigen Kindheit begründet liegt. Monchi beschreibt sich als fröhliches, wenn auch moppeliges Kind, das allzeit, auch heute noch, auf starke, solidarische, hilfreiche Familienbande vertrauen durfte. Wie verschoben seine Selbstwahrnehmung und sein Körperbild jedoch sind, kristallisiert sich im Laufe der Ursachenforschung heraus. Die Erinnerung der Eltern, belegt mit vielen Kinderfotos, zeigt einen völlig normal proportionierten Jungen. Aus dem Leim ging er erst später, auch wenn der Großvater mit seiner skurrilen Tiersammlung auch früh eine ordentliche Wampe hatte.

Den schmerzhaften Lernprozess, den „Niemals satt“ nachzeichnet, hat wahrscheinlich jeder/jede hinter sich, der/die sich je mit einem Junkie konfrontiert sah. Du kannst niemanden retten, bei dem der Groschen nicht gefallen ist, der nicht wirklich etwas ändern will. Aber Monchi will endlich mit seinen Freunden in Nepal paragliden oder mit den Kindern seiner Freundin auf dem Trampolin rumtoben. Er beschreibt sehr eindringlich und auch einigermaßen eklig, wie das wirklich ist, 182 Kilogramm zu wiegen: Er erzählt von blutendem Fleisch, von Dehnungsstreifen, von Scheiße, die zwischen den Backen hängenbleibt oder davon, dass er jahrelang nur in labberigen kurzen Hosen, XXXXXL-T-Shirts und Flipflops rumlaufen konnte, weil sich keine passenden Hosen oder problemlos abziehbaren Schuhe finden ließen. Und es geht um Demütigungen des Alltags, obwohl er selbst immer die größte Klappe gehabt habe und die meisten Dicken-Witze selbst gerissen hatte. Denn niemand will wirklich in Läden einkaufen mit so lustigen Namen wie „Mollywood“, wo man sowieso nur haarsträubend unstylische Klamotten kaufen kann. Und auch ein Magenband oder gar eine Magen-OP, wie ihm seine Ernährungsberaterin im Erstgespräch geraten hatte, muss nicht unbedingt sein, um wirklich langfristig abzunehmen und dabei einigermaßen gesund und fröhlich zu bleiben.

„Niemals satt“ dreht sich in erster Linie nicht nur um das Abnehmen, sondern es geht um die Lebensrealität eines wirklich fetten Menschen. Und darum, zunächst ein Bewusstsein und dann eine Sensibilität zu entwickeln, die mit schwerer Adipositas und massivster Essstörung Hand in Hand geht. Es geht um die Erkenntnis des Problems und um das Suchen und Finden einer Strategie zur Überwindung der Übergewichtigkeit. Und natürlich um die Stärke und den Durchhaltewillen, wenn die unweigerlichen Rückschläge kommen.

Das alles schreibt Monchi in seiner typisch norddeutschen Schnoddrigkeit und Ehrlichkeit nieder, auch wenn sich manchmal einiges wiederholt und sich seine Schilderungen im Kreise drehen. Selbst seine Selbsterkenntnis braucht mitunter arg lang, so dass man sich fragt, wie lange braucht der Mensch, bis er zu relativ banalen Erkenntnissen kommt. Trotzdem ist es aber ein äußerst authentisches, reales und wahres Buch geworden, das nur von ihm selbst stammen kann. Man möchte ihm wünschen, möglichst erfolgreich seinen gewählten Weg fortzusetzen und durchzuhalten. Außerdem sieht er mit 65 kg weniger sowieso viel geiler aus, wie das Front-Foto des Buches zeigt, und die Fans müssen sich bei seinen Selbstversuchen beim Stage-Diven nicht mehr soviel Sorgen um ihre eigene Gesundheit machen.

Monchi: Niemals satt, Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln April 2022, 318 Seiten, Amazon.

Titelfoto: Monchi, Jan Gorkow, (c) Stefan Brending, Wikimedia CommonsCC BY-SA 4.0

Die Bücher sind in den inhabergeführten Buchhandlungen BellingProsa, Buchfink, Arno Adler, Langenkamp, maKULaTUR und Buchstabe erhältlich.

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.
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