Literaturtipps
Neues Jahr - neue Bücher

Holger KistenmacherVon

Und noch eine Welle. Omikron ist auf dem Vormarsch. Die Jugend stürmt die Großraum-Discos rund um Weihnachten und alle müssen in Quarantäne.Auf einmal ist Lübeck deutschlandweit Hotspot der Corona-Pandemie. Man kann es nicht mehr hören. Wahrscheinlich geht es jetzt auch wieder ganz allgemein kulturspezifisch bergab. Was bleibt zu tun? Ich kann in solchen Fällen immer nur den Griff zum guten Buch empfehlen und ab auf die Couch.

Weil man ja auch nicht gefahrlos reisen kann, möchte ich zwei Bücher mit Reise-Reportagen vorstellen, die zumindest im Geiste die große weite Welt offen stehen lassen. Für Kunstinteressierte, die sich nicht so Recht in aktuelle Ausstellungen trauen, kann ich eine äußerst interessante Autobiografie eines der größten Gegenwartskünstler der Welt vorstellen. Und wer Almodovar-Filme liebt, dem möchte ich ein feministisches Kabinettstück über die Beichte eines reumütigen Ehebrechers und eine dämonische Nonne ans Herz legen. Und zu guter Letzt habe ich noch einen modernen Roman mit einer Romeo-und-Julia-Geschichte vor dem geschichtlichen Hintergrund des Zypernkonfliktes auf meiner Vorstellungsliste.

Juan Moreno wurde 1972 im spanischen Huercal-Overa geboren, lebt aber seit vielen Jahren in Berlin und ist einer der prominentesten Reporter Deutschlands. Für den Spiegel war er in der ganzen Welt unterwegs, hat aber auch den großen Medien-Skandal um den betrügerischen Kollegen Claas Relotius aufgedeckt und darüber ein Buch verfasst (Tausend Zeilen Lüge, 2019).

Nun hat er ein neues Buch zusammengestellt, das seine bekanntesten Reportagen und Texte aus den Jahren 2005 bis 2021 beinhaltet: „Glück ist kein Ort“. Morenos Geschichten von unterwegs sind eine überaus abwechslungsreiche und großartige Lektüre aus den unterschiedlichsten Ecken der Welt. Der Leser wird verführt zum Träumen und Staunen über die schier unglaubliche Vielfalt unserer wunderbaren Erde.

Auf Kuba geht er mit Fischern auf den Spuren von Ernest Hemingway hinaus aufs Meer. Dann durchstreift er einen der gefährlichsten Orte der Welt: den sogenannten Darien Gap zwischen Panama und Kolumbien, wo je nach Richtung Flüchtlinge und Drogenschmuggler, beziehungsweise Farc-Guerilla und Verbrecher unterwegs sind. Als er die Leiche eines völlig aufgedunsenen und schon teilweise von Tieren angefressenen Kubaners entdeckt, wird selbst ihm klar, dass dies keine Abenteuer-Route ist und bricht die Tour ab: „Ich drehe mich um und laufe wortlos zurück nach Panama.“

Weitere Reisen führen ihn zu den Seenomaden nach Indonesien, zu dem legendären Boxer Mike Tyson, ( der Ohrabbeißer), nach Las Vegas oder zum Kältepol der Welt nach Oimjakon in Sibirien, wo schon einmal minus 71,2 Grad gemessen wurden. Sein Gastgeber, der Milchbauer Ilya Vinokourov findet die aktuellen Temperaturen bei seinem Besuch von gerade mal 41 Grad minus eher mild.

Bei weitem wärmer und bunter geht es bei seiner nächsten Reise zu, die man nur alle 144 Jahre erleben kann, die Maha Kumph Mela im indischen Allahabad. „Das größte unter den großen Festen. Das ultimative Glücksversprechen am Ganges. Die Party hat am 14. Januar begonnen und dauert bis zum 10. März - insgesamt kommen hundert Millionen Menschen. Und heute ist der wichtigste Tag von allen. Der große Badetag.“ Besonders spektakulär erlebt er die sogenannten „Naga Sadhus“- nackte Asketen, die so etwas wie die Maskottchen der Kumph Mela sind und gefilmt und abgelichtet werden. Sie sind bekannt dafür, dass sie ihre Körper mit Asche einreiben, lange Rastalocken tragen und aus angeblich religiösen Gründen reichlich Marihuana rauchen.

Moreno lernt einen Sadhu kennen, der sich selbst Data Bharti nennt, im eigentlichen Leben aber Horst Brutsche heißt und aus dem Breisgau in Süddeutschland stammt. Seine asketische Übung besteht daraus, dass er die gesamte Strecke nach Indien bereits zweimal mit einem selbst gebauten Fahrrad aus Gebraucht-Teilen geradelt ist. „Man könnte ihn leicht für einen Spinner halten, mit seinem roten Punkt auf der Stirn, den Kraushaaren und den ständigen Hustenanfällen vom vielen Kiffen“.

Ansonsten ist Moreno ein ganzes Jahr mit Rucksack auf Weltreise rund um die Erde unterwegs oder besucht sein Heimatland Spanien, wo er sich mit seinem Bericht wenig Freunde macht, oder läuft auf dem Jakobsweg mit tausenden Pilgern, die sich eigentlich nur betrinken oder Frauen anbaggern wollen. Bevor ich ins Plaudern komme, sollten sie diese wunderbaren Reportagen voller Witz, Wortgewalt und Wahnsinn einfach selbst lesen. Viel Spaß dabei!

Juan Moreno: Glück ist kein Ort - Geschichten von unterwegs, Rowohlt Verlag Berlin Oktober 2021, 300 Seiten, Amazon.

Mein zweiter Vorschlag-Band stammt vom „scharfsinnigsten Reiseschriftsteller der Welt“ (Daily Mail): Paul Theroux, den ich hier auch schon mehrfach rezensiert habe. Zuletzt mit seiner grandiosen Abrechnung mit seiner Familie und speziell seiner Mutter in „Motherland“ und dann als Grenzgänger in Mexiko in „Auf dem Schlangenpfad“ von 2019. Sein neues Buch: „Figuren in der Landschaft - Begegnungen auf Reisen“ sind eine Ansammlung von Geschichten über Orte, Bücher und überraschende Begegnungen mit berühmten Diven, Schriftstellern, Schauspielern oder anderen schrägen Figuren der Geschichte zwischen New York und Santa Barbara oder Ecuador und Simbabwe.

Einerseits scheut sich Theroux vor einer eigen Autobiografie, weil er dies als maßlose Eitelkeit von Literaten versteht, sich selbst aber eher als Romanschriftsteller und Chronist seiner Reisen sieht, andererseits machen die insgesamt 30 Kapitel des aktuellen Bandes schon einen gewissen Rundumschlag über sein Leben, sein Denken, seine Reisen und Bekanntschaften, die er dabei macht. Was wiederum viel über den Menschen Theroux selbst aussagt.

Er steigt ein mit einer skurrilen Reise nach Peru und Kolumbien auf den Spuren von William Burroughs humorvollen Bericht über dessen eigene Reise auf der Suche nach der legendären Droge „Yage“ aus dem Dschungel, den dieser als Junkie „als den Gral der Psychodrogen“ bezeichnete. Dieser Stoff, auch Ayahuasca genannt, wird von schamanischen Indios als „Raketentreibstoff in einer Trance-Session benutzt, um zu fernen Planeten zu reisen, um Außerirdischen und Mondgöttinen“ zu begegnen.

Seine eigene Reise stellt sich allerdings heraus als eine offiziell organisierte Vergnügungsreise (mit ethnobotanischen Erfahrung) für eine seltsame Gruppe von Menschen zwischen Psychiater, Dichter, Burning-Man-Festival-Teinehmern und spirituell angehauchten Frauen auf der Suche nach Heilung und Glückseligkeit. Natürlich war der Großteil der Teilnehmer/innen ohne jegliche Erfahrung für eine Tour in den tropischen Dschungel, was zu Weinkrämpfen und Schlaflosigkeit für einige führte. Also ein Desaster, aus dem sich Theroux dann doch schnell verabschiedete.

Es folgen Berichte über die letzte lebende Diva, Elisabeth Taylor, den grandiosen Psychiater und Schriftsteller Oliver Sacks, den manisch sexsüchtigen Dichter Graham Green oder den irgendwie nie zu packenden Schauspieler, Komiker und Menschenfreund Robin Williams. Mit Elisabeth Taylor, die ihr ständiges Zuspätkommen als ihr divenhaftes Grundrecht betrachtet, ansonsten aber sehr fürsorglich, ehrlich und großzügig daherkommt, reist er per Hubschrauber auf die Neverland-Ranch von Michael Jackson. Die Schauspielerin und den King of Pop verband nicht nur eine besondere Freundschaft und Liebe, sondern auch das gemeinsame Schicksal, bereits als Kinderstars ihrer eigenen Kindheit beraubt zu sein.

Die Diva berichtet über ihre diversen Ehemänner und Ehen, wie sie zum Beispiel durch die Brutalität von Nicky Hilton ein Kind verlor, weil dieser ihr während der Schwangerschaft in den Bauch trat. Alle ihre Ehen scheiterten meist schnell und brutal, während sie ihren unzähligen Freunden aus der Schwulenszene von Montgomery Clift, James Dean, Rock Hudson, Andy Warhol bis Truman Capote stets treu blieb. Auch ihrer großartigen Arbeit in der Bekämpfung der Aids-Plage durch Spenden, Galas und Veranstaltungen wurde sie nie abtrünnig. Ein insgesamt sehr freundlicher, amüsanter, aufschlussreicher und humorvoll ehrlicher Blick auf eine der letzten lebenden Diven Hollywoods.

Explizit sexuell aufgeladen sind die Berichte und Essays über den Schriftstellerkollegen Graham Green oder die Domina „Nurse Wolf, die Peinigerin“. Letztere berichtet aus ihrem SM-Studio in New York, ihre teilweise absolut skurrile männliche wie weibliche Kundschaft und deren oft sehr seltsamen sexuellen Gelüste. Da wird gepeitscht, gepampert, gepeinigt oder auch nur extrem versaut geplaudert bis hin zu perversen Kannibalismus-Fantasien.

Bei Graham Green liegt der sexuelle Fokus deutlich anders. Zwar war der berühmte Schriftsteller jahrzehntelang mit seiner Ehefrau verheiratet, obwohl er sie gleich kurz nach der Hochzeit schon betrog. Er hatte als Ehebrecher ein Faible für verheiratete Frauen und Prostituierten. So erstellte er einmal eine Liste mit seinen weltweit liebsten Huren. Sie umfasste mehr als 180 Namen. Ob das immer der Wahrheit entsprach oder eher Wunschdenken war, bleibt ebenso im dichterischen Dunkel, wie zum Beispiel seine angebliche großartigen Reiseerfahrungen, die zu vielen Romanen führten. „Die Fakten, die man mit seinem Namen verbindet, scheinen derart überzogen, dass er wie ein Opfer seiner eigenen Statistiken wirkt - zahllose Romane, 500 Millionen verkaufte Exemplare, 55 Umzüge, 10.000 Frauen, mit denen er geschlafen haben soll. Seine zweite Frau gibt an, es seien nur mehr als 1.200 gewesen“.

Auf über 500 Seiten schenkt uns Paul Theroux Geschichten und Wissenswertes über die Welt und Menschen, die er auf seinen weltweisen und bestens dokumentierten Reisen getroffen hat. Gleichzeitig sind sie Abbild eines Menschen voller Empathie, Neugierde, Offenheit, Toleranz und Liebe zu seinen Mitmenschen. Erneut und wie fast immer großartig!

Paul Theroux: Figuren in der Landschaft, Hoffmann und Campe, Hamburg 2021, 527 Seiten, Amazon.

Ai Weiwei ist der wohl zur Zeit wichtigste und am meisten ausgestellte Gegenwartskünstler aus China. Der vielseitige Künstler hat jetzt vor dem Hintergrund der Geschichte seines Heimatlandes eine umfangreiche Autobiografie: “1000 Jahre Freud und Leid“ vorgelegt. Ai Weiwei selbst wurde 1957 als Sohn des berühmten Dichters und Lyrikers Ai Quing geboren. Seinen internationalen Durchbruch als Konzeptkünstler erlebte er 2007 mit seiner Teilnahme an der Documenta 12, als er 1001 Chinesen nach Kassel holte und selbst eine grandiose Skulptur aus alten chinesischen Türen in die Kasseler Auen stellte, die ein Sturm windschief aber optisch sehr sehenswert fast umgeworfen hatte.

Als Grundlage seines rebellischen Lebens als Künstler und Aktivisten, die ihn selbst 81 Tage ins Gefängnis brachten, dient ihm seine eigene Familiengeschichte. So beschreibt er auf den ersten fast zweihundert Seiten die Geschichte seiner Familie und dabei vor allem die seines Vaters. Dieser war Jahre lang ein angesehener Dichter in seiner Heimat, bis er in Ungnade fiel. Chinesische Größen wie Mao Tsetung oder Zhou Enlai, aber auch der chilenische Dichter Pablo Neruda kreuzen die Wege der Familie ebenso wie sie historische Ereignisse erleben und erleiden mussten, etwa die brutale Unterdrückung der Kulturrevolution.

Mit dem Vater durchlebt er verschiedene Phasen der Verfolgung, sie hausen am Rande einer Wüste, sind in ein Straflager verbannt, wo sein Vater die Latrinen säubern muss oder müssen eine Zeitlang in einem Erdloch leben. Später, nach seiner eigenen Inhaftierung wegen angeblicher Steuerhinterziehungen, darf er selbst China verlassen, lebt und arbeitet in Berlin und heute noch in Großbritannien im Exil. In Berlin, wo er auch eine Gast-Professur erhielt, besitzt er immer noch ein riesiges Atelier: „Ich fühle mich unter der Erde wohler, deswegen ist mein Atelier in Berlin auch unter der Erde“, sagt der 65-jährige. „Jenseits der Gesellschaft gelebt zu haben, habe der Familie in China auch einen Moment der Sicherheit gegeben“.

Ai Weiwei beschreibt das Leid und die Deformierungen von Millionen Menschen in seiner Heimat, die bis heute anhalten (Tibeter, Uiguren), trocken, fast lakonisch. Das ist weder ein literarischer Trick, sondern eher eine eigene Überlebensstrategie, um selbst nicht verrückt zu werden. „1000 Jahre Freud und Leid“ umspannt zeitlich, räumlich und ideologisch ganze Universen, genauso wie heute die Vielschichtigkeit seiner künstlerischen Ausdrucksweise in den verschiedensten Medien.

Als Ai Weiwei in den Achtzigerjahren nach 30 Jahren Isolation im kommunistischen China nach New York kam, in die Stadt Ginsburg´s und Warhols, habe er sich gefühlt wie ein Eisbrocken in kochendem Wasser. Die bizarren, mal brutalen, mal stümperhaften Repressionen der chinesischen Behörden beschreibt Ai Weiwei mit exhibitionistischer Detailgenauigkeit. Genau so wie er sie kreativ und künstlerisch sehr aufregend und provokativ in seinen Installationen, die ich auch auf der Biennale in Venedig in einer Kirche besichtigen konnte, verarbeitet hat. Die Gefängniszelle, wo er während seiner 81-tägigen Isolationshaft unter Dauerbewachung essen, schlafen, duschen und aufs Klo gehen musste, hatte er dort in von oben einsehbaren Installationen nachgebaut.

Wenn man das Buch gelesen hat in seiner Detail-Verliebtheit, seinen extrem einfachen Sätzen aber auch der Rigorosität der Aussagen und seines Rebellentums gegen jedwede Autorität, wird ein Künstler und Mensch sichtbar, der zwar häufig selbst in die Kritik gerät, aber dessen Wesenszüge besser begreifbar werden. Als Ai Weiwei nach Lesbos zu den Flüchtlingen fuhr, als er sogar als toter Flüchtlingsjunge Alan Kurdi am Strand angespült posierte, wurde ihm das als politische Trittbrettfahrerei ausgelegt, als geltungssüchtig und frivol. Aber wenn man den Bezug zu seiner eigenen Kindheit sieht, die Demütigungen und Ängste, die er erleben mußte und die sich in den Dramen der Flüchtlingskatastrophe spiegeln, wie auch die Gewissheit darüber, wie schnell zivilisatorische, europäische Werte verloren gehen können, sollte man so einige Kritik und Vorwürfe gegen diesen sehr eigenwilligen, aber aufrechten Künstler neu überdenken.

Ai Weiwei: 1000 Jahre Freud und Leid, Penguin Verlag München, 2021, 416 Seiten, Amazon.

Mein vierter Roman-Tipp lässt sich genremäßig schwer einordnen. Er ist einerseits ein feministisches Kammerstück, andererseits ein Thriller um Rache und Organklau, aber vor allem ein irrsinniger Roman voller pathetischer Gefühle und brutaler Lebensweisheiten. Darüberhinaus ist es ein Buch mit groteskem, schwarzen Humor, das dem Leser, der Leserin einiges abverlangt und einen soliden Magen voraussetzt. Es beginnt mit einer Lebensbeichte, die ein Ehebrecher einer Zufallsbekanntschaft in einer Bar unterbreitet. Sie stammt von einem etwas aufdringlichen Fremden, der in einer Madrider Bar eine nach Spanien geflüchtete Schriftstellerin, die auf der Suche nach einem neuen Thema ist, trifft.

Er sei auf der Flucht vor einer dämonischen Nonne mit verkrüppelter Hand, die ihm eine Organspende-Bande auf den Hals geschickt habe. Er beichtet ihr, dass er seine herzkranke Frau durch Untreue verloren hat. Um sich zu therapieren und seine Frau zurück zu gewinnen, hatte er an einer schrägen Show im Darknet, namens „Fleisch und Sühne“ teilgenommen. Die Protagonisten und schrägen, teils religiösen Details der vielschichtigen Geschichte erinnern an frühere Filme des spanischen Kult-Regisseurs Pedro Almodovar. Es geht um Liebe und Rache, Reue und illegale Organtransplantationen.

buecherjanuartop5buecherjanuartop5Die zweite große Lebensbeichte stammt von einer verhutzelten alten Nonne mit einer verkrüppelten Hand, die von ihrer Jugend mit schockierenden Erlebnissen in der familiären Schlachterei berichtet. Es folgen eine Form der Erweckung und ein göttlicher Auftrag, um erniedrigten Menschen in der seltsamen Darknet-Show Wiedergutmachung zukommen zu lassen. Es geht um so große Themen wie Schuld und Sühne, Gewalt und fehlende Barmherzigkeit. Alles läuft verstörend ineinander und wird mit brutalem Witz und grotesken Wendungen entgegen aller politischer Korrektheit erzählt.

Geschrieben hat diese hoch komische, tiefgründige und wilde Geschichte die schwedische Autorin Lina Wolff, geboren 1973, die lange in Italien und Spanien gelebt hat. Heute wohnt sie in Schonen in Schweden, wo sie 2020 für den vorliegenden Roman „Das neue Herz“ den Literaturpreis des Aftonbladet erhielt.

Lina Wolff: Das neue Herz, Hoffmann und Campe, Hamburg 2021, 270 Seiten, Amazon.

Zu guter Letzt noch eine Liebesgeschichte vor historischem Hintergrund. Die britisch-türkische Schriftstellerin Elif Shafak ist eine der wichtigsten mahnenden Stimmen der Gegenwartsliteratur. Sie hat sich nicht nur in ihren Büchern die Gleichberechtigung und die Wahrung der freiheitlichen Menschenrechte auf die Fahne geschrieben. Dafür verknüpft sie in ihren häufig ausgezeichneten Romanen persönliche Schicksale mit den großen Fragen der Menschlichkeit und der Humanität, meist verbunden mit historischen Begebenheiten. Der aktuelle Band „Das Flüstern der Feigenbäume“ erzählt die tragische Geschichte einer Liebe eines türkisch-griechischen Paares auf Zypern, der umkämpften Insel im östlichen Mittelmeer, die seit einem brutalen Bürgerkrieg geteilt ist.

Erzählt wird das ganze Drama von einem alten Feigenbaum, dessen Schössling später in England zu einem Baum heranwächst, mit Hilfe der Tante Meryen. Diese berichtet der 16jährigen Ada, die noch um den Tod ihrer Mutter trauert und mit dem emotionalen Rückzug des Vaters zu kämpfen hat, von der großen Liebe ihrer Eltern, die durch den Bürgerkrieg auf Zypern getrennt wurden und erst Jahre später wieder zueinander fanden und die Eltern von Ada wurden. Kostas, der Grieche und Defne, die Türkin verliebten sich ineinander als ihre mediterrane Heimat noch voller Frieden und Naturschönheit  und die Luft angereichert war vom Duft von Jasmin und reifen Feigen.

Das wirkt manchmal etwas klischeehaft, gewinnt aber durch den realen historischen Hintergrund der Zypernkrise an Tiefe und Glaubwürdigkeit. Der Feigenbaum symbolisiert die Heimat, aber auch die Entwurzelung ihrer Protagonisten. Unter seinen Zweigen treffen sich heimlich Romeo und Julia, beziehungsweise Kostas und Dafne, denn sie dürfen auf Zypern eigentlich kein Liebespaar sein. Im Schatten des Baumes trifft sich aber auch die kosmopolitische, bunte Szene der Taverne „Die glückliche Feige“, die dem schwulen Paar Yiorgos und Yusuf gehört. Dem blutigen Bürgerkrieg auf Zypern in den 70er Jahren fällt nicht nur die Taverne mit ihren Besitzern zum Opfer, sondern er entzweit auch das Liebespaar.

Viele Jahre später treffen sie sich in England wieder, wo Kostas als Pflanzenforscher arbeitet, während Dafne für ein Komitee, das nach den verschwundenen Toten des Krieges forscht, tätig ist. Endlich wird geheiratet und ein Ast der Feige gedeiht als Steckling zum Baum heran, um die kleine Ada unter ihren Blättern aufwachsen zu sehen.

Elif Shafak hat einen überaus komplexen Roman zwischen bittersüßer Liebesgeschichte und historischem Kontext geschrieben, der zwischen Thriller und Märchen changiert. Es geht um Flucht und Emigration, Erinnerung und Vergessen, Nationalismus und Krieg. Dabei gelingt ihr der Spagat zwischen Romanze und Realität mit Hilfe von Melodramatik und Naturromantik. Es wird viel über Gerüche und Speisen aus der Mittelmeerregion gesprochen, und häufig schrammt die Autorin dabei sehr scharf am Klischee und dem Werbeaspekt für Touristen vorbei. Botanik und Mythos tuen ein übriges. Trotz allem mag ich das Buch empfehlen, denn es tröstet und lenkt ab zugleich, während wir uns alle doch immer noch im Krieg mit diesem Schei……Virus befinden.

Elif Shafak: Das Flüstern der Feigenbäume, kein & aber, Zürich, 2021, 512 Seiten, Amazon.

Die Bücher sind in den inhabergeführten Buchhandlungen BellingProsa, Buchfink, Arno Adler, Langenkamp, maKULaTUR und Buchstabe erhältlich.

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.
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