Jana Revedin, Foto: (c) Martin Rauchenwald

Büchertipps
Zwei großartige Romane über die Freundschaft und die Liebe

Holger KistenmacherVon

„Flucht nach Patagonien“ heißt der neue biografische Roman von Jana Revedin, die bereits mit ihren vorherigen Büchern über die emanzipatorische Seele des Bauhaus „Jeder hier nennt mich Frau Bauhaus: Das Leben der Ise Frank“ und über die venezianische Großmutter ihres Mannes, Margherita Revedin große Erfolge feiern konnte.

Sie selbst ist in Konstanz geboren, aber ebenso im Italienisch-, Französisch- und Spanisch-sprachigen Raum zuhause, wie in Venedig, wo sie mit ihrem Mann wohnt, aber auch in Kärnten, wo sie ebenfalls einen Wohnsitz hat. Sie hat eine breitgefächerte Karriere als Architektin, Architekturtheoretikerin und Schriftstellerin hinter sich.

Diesmal hat sie sich die Lebensgeschichte zweier schillernder Figuren vorgenommen. Einerseits geht es um die südamerikanische Millionärin und großherzige Kunstmäzenin Eugenia Errázuriz, die in der Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts unzählige Künstler-Karrieren von Picasso, Igor Strawinsky bis zu Coco Chanel und dem Schriftsteller Blaise Cendrars gefördert hat.

Zweite Hauptfigur ist Jean-Michel Frank (1895 - 1941), ein junger jüdischer Innenarchitekt und Designer, homosexuell und tragische Figur des Romans. Er ist das dritte Kinder der Frankfurter Banker-Familie Leon und Nannette Frank, von Geburt an behindert und depressiv. Seine beiden Brüder sterben 1915 auf den Schlachtfeldern des 1. Weltkrieges, woraufhin der Vater Selbstmord begeht, auch weil er sein Vermögen und seine Reputation in Paris verliert und aus Angst, als deutscher Jude an die Nazis ausgeliefert zu werden, aus dem Fenster springt und sich umbringt.

Der Cousin von Jean-Michel ist übrigens Otto Frank, dessen Tochter Anne Frank zu tragischer Berühmtheit gelangen sollte. Trotz vieler Versuche konnte Jean-Michel seine Verwandten nicht aus Amsterdam rausschleusen, weil die nötigen Papiere wegen Unzustellbarkeit nicht ankamen.

Die wahre Geschichte beginnt mit einer Schiffs-Passage nach Südamerika, wo Eugenia Errázuriz mit Hilfe ihres Vermögens das erste Grand-Hotel der Anden in Patagonien bauen lassen will. Dazu engagiert sie ihren jungen Freund Jean-Michel als Innenarchitekten und Designer, was ihn später weltweit berühmt machen sollte. Aber eigentlich war es eine Flucht vor den Nazis, die bereits vor den Toren von Paris standen. Während der Überfahrt lässt Jean-Michel sein bisheriges Leben Revue passieren, während sie die Planungen für das grandiose Projekt durchrechnete.

Seine Tagebuch-Eintragungen berichten von seiner schweren Kindheit, der nervenkranken Mutter und der von Eugenia geförderten Karriere als Designer in Paris. Aber er berichtet auch von der Epoche seines Lebens, die er im Opium-Rausch in Capri verbrachte, wo Graf Fersen in seiner Villa Lysis schwule Orgien veranstaltete. Aber vor allem von seiner unerwiderten Liebe zum Jugendfreund Rene Crevel, der auf einem dauerhaften Selbstzerstörungstrip war, bis er sich umbrachte. Ein Freund, der alle Drogen und Männer liebte, wie zum Beispiel auch Klaus Mann.

Angekommen in Argentinien verstärkte Jean Michel einerseits sein Engagement, möglichst viele Juden aus Europa durch Papiere und beste Kontakte, zum Beispiel zu Thomas Mann zu retten, andererseits wurde ihm selbst im fernen Buenos Aires klar, wie weit die Macht der Nationalsozialisten reichte. Gleichzeitig kreuzten viele berühmte Persönlichkeiten seinen Weg zwischen Europa, Südamerika und den USA. So trifft er die weltberühmte Fliegerin Amelia Earhard, die ihn und Emilia von Buenos Aires nach Patagonien fliegt, wo auch Eleonor Roosevelt auftaucht, um die Fliegerin zu ihrer Weltumrundung zu verabschieden.

Aber besonders der junge Schauspieler William Lovette, der gemeinsam an dem „Bambi-Film“ mit dem noch unbekannten Regie-Assistenten Walt Disney arbeiten soll, interessiert sich für Jean-Michel. Er wird seine zweite große Liebe, die später in New York aber tragisch enden soll. Das Grand-Hotel wird gebaut und berühmt, aber viele politische Verwicklungen und persönliche Desaster machen das Leben der Protagonisten sowohl exzentrisch spannend, als auch dramatisch und traumatisch.

Jana Revedin beschreibt die ergreifenden Schicksale ihrer Protagonisten mit einer bildhaften, emotionsgeladenen und mitreißenden Sprache. Einerseits hält sie sich akribisch an die biografischen realen Fakten ihrer Figuren, spart aber auch nicht mit ausschmückenden Dialogen und grandiosen Landschafts- und Naturbeschreibungen, speziell aus Patagonien. Man lernt viel über Architektur, Design und außergewöhnliche Materialien, über kreative und künstlerische Persönlichkeiten der damaligen Zeit, über Land und indigene Menschen in Argentinien, über die Dramatik der Nazi-Zeit und das Schicksal vieler jüdischer Menschen aus aller Welt.

Aber auch die persönlichen Perspektiven der Personen im Buch, die homosexuelle Liebe und die Freundschaften untereinander gestalten ein buntes Bild der Geschichte. Ein grandioses, großes Lesevergnügen, das sehr gut recherchiert ist, aber gleichzeitig von der fabulierenden Fantasie und Sprachgewalt seiner Schreiberin lebt.

Jana Revedin: Flucht nach Patagonien, Aufbau-Verlag, August 2021, 416 Seiten, Amazon.

Mein zweiter Buch-Tipp ist eine amerikanische Love Story vom aufstrebenden jungen schwarzen Autor Bryan Washington, der mit „Dinge, an die wir nicht glauben“ einen hochgelobten Debüt-Roman vorgelegt hat. Es geht um den japanisch-stämmigen Mike und den schwarzen Ben, die seit vier Jahren ein Paar sind und in der schwarzen Community von Houston in Texas leben. Die Beziehung zwischen dem Kinderbetreuer Ben und dem Koch Mike hat schon bessere Zeiten erlebt. Konflikte werden nicht ausgesprochen und öfters fliegen die Fetzen, sowie buchstäblich das Handy. Meist überspielen sie die Probleme mit wilden Sex, obwohl beide nicht mehr so richtig an ihre Beziehung glauben.

Dann taucht plötzlich Mikes Mutter Mitsuko in Houston auf, während ihr Sohn überraschend nach Japan aufbricht, um sich um seinen todkranken Vater in Osaka zu kümmern. Die getrennte Zeit wirft für beide Protagonisten die Frage auf, was von ihrer Beziehung noch übrig ist. Während sich Ben mit der recht schroffen Schwiegermutter allein in der gemeinsamen Wohnung arrangieren muss, versucht Mike seinen reservierten Vater Eiju, der unheilbar an Bauchspeicheldrüsenkrebs leidet, in seiner Kneipe als Koch zu unterstützen. Nach dem Tod von Eiju soll Mike die Kneipe übernehmen und überlegt, ob er überhaupt in die Staaten zu seinem Freund und Geliebten zurückkehren soll.

Derweil kommen sich Ben und Mitsuko über das gemeinsame Kochen näher. Die Schwiegermutter hat sich vorgenommen, Ben das Kochen beizubringen. Und so arbeiten sich die beiden Woche für Woche durch die japanische Kochkunst, während sich die unausgesprochenen Probleme gerade auch wegen der Distanz weiter zu vertiefen scheinen. Washington beschreibt die Situation einmal aus der Sicht von Mike in Japan und dann wiederum aus Bens Sicht in Houston.

Hinzu kommen weitere Komplikationen: Die beginnende Gentrifizierung des Stadtteils, in dem das schwule Paar lebt, liegt und die  sich zuspitzenden familiären Problemen von Ben. Seine Eltern sind längst getrennt. Während der Vater von Ben vor sich hin vegetiert und sich vor allem am Alkohol orientiert, lebt die Mutter ein neues Leben mit ihrem zweiten Mann und den gemeinsamen Kindern. Bens Vater ist psychisch krank, will sich aber nicht behandeln lassen. So müssen Ben und seine Schwester Lydia aushandeln, wer sich um den Vater kümmert.

Neben diesen schwierigen Familienkonstellationen für beide Seiten geht es im Buch über die schwierige Liebe aber auch noch um den täglichen Rassismus, Diskriminierung, Klassen-Zuschreibungen und die Lebenssituation von Migranten in den USA, speziell, wenn die auch noch homosexuell sind.

Das alles beschreibt der junge Autor in einer Sprache voll Empathie und Warmherzigkeit. Sein besonderer Erzählstil bringt alle verschiedenen Stränge der äußerst komplexen Beziehung zwischen den beiden schwulen Männern, die selbst in ihrer Sprachlosigkeit gefangen scheinen, zusammen. Und so keimt zu guter Letzt doch noch die Hoffnung auf, dass sich alles zum Guten wendet, als Mike aus Japan zurückkehrt. Ein sehr gelungenes Debüt, das in den USA bereits ein Bestseller ist und demnächst als Serie für das Fernsehen verfilmt werden soll.

Bryan Washington: Dinge, an die wir nicht glauben, Kein & Aber-Verlag Zürich, August 2021, 383 Seiten, Amazon.

Die Bücher sind in den inhabergeführten Buchhandlungen BellingProsa, Buchfink, Arno Adler, Langenkamp, maKULaTUR und Buchstabe erhältlich.

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.
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