(c) Ralf König/ Rowohlt

Büchertipps
Zwei neue Comics

Holger KistenmacherVon

Gezeichneter Humor in „Vervirten Zeiten“ von Alt-Meister Ralf König und bei den „Nachtgestalten“, die sich das Leben schön trinken, während sie durch die nächtliche Stadt streifen vom Künstler-Duo Jaroslav Rudis und Nicolas Mahler.

Natürlich kam auch Deutschlands bekanntester Comic-Zeichner Ralf König, der einst mit seinem Bestseller „Der bewegte Mann“ den schwulen Lifestyle mainstreamtauglich machte, nicht an der bekloppten Pandemie, die nun schon seit einem Jahr alle und jedes aus den normalen Bahnen wirft, und auch nicht an einer künstlerischen Bearbeitung der Corona-Krise vorbei.

Eigentlich hatte er etwas ganz anderes vor, als er sich in seinem Kölner Atelier an ein neues Projekt setzte. Doch dann kam das Virus und der erste Lockdown. Er fing an, seine persönlichen Erfahrungen mit der Situation in humorvolle Cartoons, die er auf Facebook und Instagram veröffentlichte, zu verarbeiten. Sein persönlicher Weg, mit Humor den Corona-Blues zu bekämpfen. Die allgemeine Ausbremsung hatte ihm gewissermaßen einen „bemerkenswerten kreativen Arschtritt“ verpasst, wie er im Vorwort seines neuen Comic-Band schreibt. Also sammelte er die zwischen Frühling und Herbst entstandenen Arbeiten, um sie als eine Art Covid-19-Tagebuch im aktuellen Buch, das gerade erschienen ist, bei Rowohlt zu veröffentlichen.

Im Zentrum stehen die alt bekannten Figuren Konrad und Paul, die beiden Knollennasen, die schon in diversen Comics von König nicht nur in der Schwulenszene für Lacher sorgten. War das alternde Paar zuletzt hauptsächlich besorgt, wie das Leben weitergeht, wenn die männliche Libido nachlässt, geht es jetzt natürlich darum, was das Virus so mit einem macht. Aus der Perspektive des Kulturmenschen Konrad und der Ledersau Paul, dessen testosteronbesoffenen Hormone ja gerade im Frühling immer Samba tanzen, geht es natürlich um Probleme, wie zum Beispiel die Hochzeit von Felix und Jerome: „Die wird ja wohl stattfinden können. Jens Spahn verbietet doch keine Homo-Ehe“.

Zwar ist Ralf König gerade 60 Jahre alt geworden, aber wie er im TAZ-Interview dazu betonte, werde er eher „alterspeinlich“ als „altersmilde“. Dementsprechend hat er sich eher den Humor eines 16-Jährigen bewahrt. Seine Comics sind immer noch ein bisschen versaut, kritisch und voller kleiner Provokationen.

Schon im Vorwort kommt eine gewisse „Marie Coronette“, eine ältere aufgetakelte Dame vor, der König folgendes Zitat in den Mund legt: „Wenn das Volk kein Klopapier hat, soll’s Servietten nehmen“. Historikern dürften da ähnliche Worte aus der französischen Revolution mit einem leichten Augenzwinkern einfallen. Weiter geht es mit der Nachrichtenmeldung: In China ist ein neuartiges Virus aufgetaucht - oh wow - da hätte ja gleich der sprichwörtliche Sack Reis umfallen können. Und was macht man also, wenn man dauerhaft zu Hause bleiben muss: Da wird telefoniert und geskypt, was das Zeug hält. Plötzlich erinnert man sich an alte Freunde, philosophiert über Sinn-Krisen und alte Sex-Eskapaden oder bejammert, dass man den mürrischen Vater nicht besuchen dürfe, obwohl man das eigentlich monatelange vorher auch nicht gemacht hat. Und was ist eigentlich mit Safer Sex, wenn einem jederzeit jemand aufs Kondom niesen könnte.

In den meisten Kurz-Strips aus 4-6 Bildchen setzt König keine klassische Pointe, sondern spielt eher mit den Absurditäten der Dialoge, die viele Menschen aus dem Umfeld von König tatsächlich so geführt haben, egal ob homo-, hetero- oder sonst-wie-sexuell. Denn was machen die Paare in Corona-Zeiten, wenn sie sich von früh bis spät sehen, weil das Büro, das Kino, die Bar, der Club ins heimische Wohnzimmer gequetscht worden sind? Homeoffice, Homedrinking, Homedating. Selbst die gute alte Selbstbefriedigung wird schwierig, wenn der Partner ins Zimmer platzen könnte. Und natürlich verliebt sich Paul, die alte Sau, dann auch noch in den Leiter des örtlichen Supermarktes, der schön behaart als Sexsymbol herhalten muss.

Aber wie nähert man sich dem „schönsten Mann Kölns“ in Zeiten von Desinfektionsspray, Abstandsregeln und Mund-Nasen-Schutz? Also schreibt Paul seinem Angebeteten ein Gedicht: „… und diese Brust, die schön behaarte, gibt’s die auf Rewe-Paybackkarte?“.

Trotz der Ernsthaftigkeit der Grundproblematik, die bemerkenswert differenziert behandelt und bewertet wird im Buch, schafft es König, eine humorvolle Chronik der Krise mit teilweise nicht immer jugendfreien Pointen vorzulegen. Ein großer Lesespaß, der an vielen Stellen hochkomisch und zugleich anrührend daherkommt.

Ralf König: Vervirte Zeiten, Rowohlt-Verlag Hamburg, Februar 2021, 192 Seiten, Amazon.

Mein zweiter gezeichneter Tipp ist die Graphic-Novel „Nachtgestalten“ vom befreundeten Künstler-Duo Jaroslav Rudis und Nicolas Mahler. Der erstgenannte ist Schriftsteller, Drehbuchautor und Dramatiker, geboren 1972 in Tschechien und hat schon mehrere sehr erfolgreiche Romane, wie „Vom Ende des Punks in Helsinki“, „Der Himmel unter Berlin“ oder zuletzt „Winterbergs letzte Reise“, der 2019 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war, geschrieben. Der zweite lebt und arbeitet in Wien, wurde 1969 geboren und ist bekannt als Comic-Zeichner und Illustrator. Die beiden Freunde treffen sich immer mal wieder in Wien, gehen gemeinsam ins „Steman“ oder in den „Rüdigerhof“, wo sie gemeinsam trinken und ein Schnitzel essen, wie sie dem Verlag in einem Interview humorvoll zu berichten wussten. „An einem Abend, nach ungefähr sechs Budweiser vom Fass, haben wir gesagt: Lass uns etwas zusammen machen“.

Herausgekommen ist ein wunderbarer Band in Schwarz und Blau über zwei Nachtgestalten, zwei Freunde, die durch die Nacht spazieren, sich betrinken und dabei über die Tragik der Liebe, den Wahnsinn des Lebens und den Spuren aus der Geschichte parlieren, philosophieren und diskutieren. Dabei reden der lange Dünne und der kleine Dicke, - scheinbar die beiden Autoren, wie das Schlussbild im Band suggeriert, - scharfsinnig, klug und mit subversiven Witz, wenn sie über die Absurdität des Daseins sinnieren. Alles erscheint wie auf einer Wellenlänge, die traurig, düsteren Gedankengänge, die grotesken und abgründigen Diskussionen und selbst die gemeinsamen Gedankenpausen, die sich schon einmal über ganze zwei Seiten erstrecken können.

Eigentlich alles wie im wahren Leben, das sich in Kneipen, beim Biertrinken unter Freunden und beim gemeinsamen Auslüften beim nächtlichen Spaziergang genau so abspielen könnte. So lautet auch die Antwort auf die Frage: „Letztendlich ist euer Buch vor allem eine Hommage an die Kneipenkultur und an Männerfreundschaften, oder?“ Rudis: „Absolut. Es ist eine Geschichte über eine lange und tiefe Freundschaft. Die beiden stehen zueinander und streiten auch manchmal. Es geht aber auch ums Zuhören. Heute steht der Individualismus sehr im Mittelpunkt: ICH lebe gesund, ICH mache Sport. Aber hier haben wir zwei Freunde, die zuhören“.

Und genau so geht es im Buch. Traurig und schön, humorvoll und abgründig. Alles mit minimalistischem Strich gezeichnet in blau, schwarz und weiß, einfach und kompromisslos. Eine Nacht, eine Stadt und zwei Freunde - einfach großartig!

Jaroslav Rudis und Nicolas Mahler: Nachtgestalten, Luchterhand Verlag München, Februar 2021, Amazon.

Die Bücher sind in den inhabergeführten Buchhandlungen BellingProsa, Buchfink, Arno Adler, Langenkamp, maKULaTUR und Buchstabe erhältlich. Derzeit sind die Buchhandlungen geschlossen, die Bücher können aber über "click & collect" in den meisten lokalen Buchhandlungen erworben werden. Nähere Informationen finden man auf den jeweiligen Homepages.

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.
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