Büchertipps
Neues Jahr - neue Krimis

Holger KistenmacherVon

2021 - ein neues Jahr mit alten Bekannten: Corona und Lockdown. Wieder sitzt man zu Hause und muss die Zeit ohne Kultur und Kunst, Sport und Spaß mit Freunden tot schlagen.

Aber Trübsal blasen und in Depressionen verfallen hilft ja auch nicht gerade weiter. Also heißt es, warten auf bessere Zeiten und den Moment, dass einem die Einladung zur Corona-Impfung ins Haus flattert. Bis dahin empfehle ich, natürlich cool bleiben und mal wieder ein gutes Buch in die Hand zu nehmen. Wie wäre es da mit einer Erinnerung an die eigene Kindheit, als drei jugendliche Helden, die drei ??? knifflige Fälle zu lösen versuchten? Der Frankfurter Autor, Zeichner und Verleger von Comics, Christopher Tauber und die freischaffende Illustratorin Hanna Wenzel aus Stuttgart haben jetzt den Versuch gestartet, die Kindheitshelden als Erwachsene wieder auferstehen zu lassen. Ihr Graphic-Novel-Roman „Rocky Beach - Eine Interpretation“ versetzt die äußerst erfolgreiche Jugendbuchreihe mit 16 Millionen verkauften Büchern und über 50 Millionen Tonträgern auf ein neues, zeitgemäßeres Level.

50 Jahre ist das Detektiv-Trio nicht älter geworden. Jetzt sind sie plötzlich 20 Jahre gealtert und aus dem Fegefeuer der ewigen Jugend befreit. Drei alte Freunde in der Midlife-Crisis. Aus den jugendlichen Sympathie-Trägern sind drei einigermaßen abgerockte, mittelalte Männer geworden, die sich eher zufällig in Rocky Beach wieder begegnen. Dieser fiktive Ort an der Küste Kaliforniens war die Heimat von Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews. Früher ein sonniger Ort mit Sandstrand und nahen Bergen, Felsenhöhlen und ein paar tausend Einwohnern, mit eigener Tageszeitung und mehreren Radiosendern. Damals mussten die drei ca. 16jährigen Jungs noch durch Gruselschlösser klettern oder verschwundene Papageien wiederfinden.

Heute ist der fiktive Ort eher düster, dreckig und verrucht. Die Illustratorin Wenzel zeichnet die Stadt mit hartem, schwarzen Pinselstrich. Sie zeichnet ein postapokalyptisches Drecksnest mit korrupten, rassistischen Polizisten, die die Bevölkerung drangsalieren, Drogenbanden, die in herunter gekommenen Häusern hausen und mit verdreckten Straßen, wo überall das öffentliche Rauchen verboten ist. Zusammengefasst eine Brutstätte düsterer Machenschaften aus Mord, Versicherungsbetrug und Polizeigewalt. Und natürlich wartet ein neuer Fall auf die alternden Detektiv-Helden. Aber zunächst müssen sich die drei Männer selbst finden und wieder annähern, an das, was sie einmal wahren, nämlich Freunde.

Christopher Tauber und Hanna Wenzel gelingt mit dem Roman der gewagte Switch, aus dem kindlichen Jugendkrimi ein realistisches Bild der Jetztzeit zu kreieren. Da ist Platz für aktuelle Problematik, wie Gewalt gegen Schwarze und eine ausufernde Drogenkriminalität. Das Schmutzige, Verruchte, Angeknackste hat in dieser Interpretation der drei ??? auch die Hauptfiguren erreicht. Sie sind einsam, teilweise geschäftlich gescheitert oder persönlich verletzt. Der eine ist impotent, der andere hat seine große Liebe verloren. Da wird ordentlich am Mythos der alten Helden gesägt, aber trotzdem bleiben Freundschaft und Zusammenhalt.

Atmosphärisch dicht und düster erzählt und gezeichnet, bietet die Geschichte aber trotzdem genügend Freiraum zur eigenen Interpretation des Geschehens. Persönlich schwierig fand ich allerdings mitunter die kleine Schrift, die im kraftvollen Schwarz der Zeichnungen oft schwer leserlich war. Ein kleiner negativer Seiteneffekt, der aber die Lust an dieser wunderbaren Neuinterpretation kaum schmälern kann. Ein Comic der Extraklasse, und dabei nicht nur als Auffrischung für alte Freunde des Kult-Jugendbuches sehr zu empfehlen.

Rocky Beach - Eine Interpretation von Christoph Tauber und Hanna Wenzel, Kosmos-Verlag, 2020, ab 16 Jahren, Amazon.

Ein völlig anderes Kaliber hat mein zweiter Krimi-Tipp: Love & Bullets von Nick Kolakowsky. Ein völlig überdrehter, blutiger Thriller, der an frühe Tarantino-Filme erinnert. Eine Story, die eigentlich keine ist, dafür voller brutaler Gewalt, reichlich Action, aberwitzigen und völlig übertriebenen Handlungssträngen und einem Gangsterpärchen, das an Bonnie und Clyde erinnern soll. Man ist als Leser hin und her gerissen: Mal erscheint die Absurdität des Geschehens wie durchgeknalltes Kopfkino, dann wiederum möchte man das Buch ob seiner Brutalität angewidert in die Ecke pfeffern, aber bleibt letztlich doch hängen am schrägen Stoff. Als Update der Geschichte um Bonnie and Clyde funktioniert die bizarre Geschichte vom smarten Dandy und Betrüger Bill und seiner Ex-Liebe, der durchgeknallten Killerin Fiona, die auf ihn angesetzt wurde, einfach zu gut.

Bill hatte eine echt schlechte Idee. Er hatte sich ein paar Millionen von einem New Yorker Gangster-Syndikat, für das er gearbeitet hatte, ausgeliehen und sich dann abgesetzt. Per Auto ist er Richtung Westküste unterwegs, obwohl er weiß, dass längst der halbe Rockaway-Mob ihn verfolgen dürfte. Aber Bill hat Glück. Die auf ihn angesetzte Killerin ist Fiona, sie hat ein gehöriges Gewaltpotential hat und ist total irre, aber schließlich waren die beiden früher liiert. Sie ist zwar ziemlich sauer auf ihn, rettet ihn aber trotzdem aus den Fängen einer psychopathischen Großfamilie in Oklahoma. Zusammen beginnt ihre Flucht nach Mexiko, in die Karibik und zurück nach New York. Pointenreich und voller bizarrer Gewalt und abstruser Wendungen jagt das Gangsterpärchen im Kugelhagel durch die Welt. Dabei geht es um Coldplay-Songs, Kakerlaken und ein Killer in Elvis-Kostüm. Nick Kolakowski lässt nix aus. Mitunter fragt sich der Leser, wer eigentlich am gestörtesten ist, der Autor, das Gangsterpärchen oder der nächste Killer, der gerade mal wieder um die Ecke kommt.

Die ganze Geschichte hangelt sich zwischen super-witzig und banal, aber temporeich durch. Die Sprache ist mal völlig respektlos, dann wieder präpubertär. Da fliegen die Kugeln und Messer schneller als Lucky Lukes Schatten ballern kann. Fiona, die trotz ihrer extremen Gewaltausbrüche meist sympathischer rüberkommt als der ewige Looser Bill, der nichts auf die Reihe kriegt, obwohl er immer total dick aufträgt, scheint die Unsympathie gepachtet zu haben. Aber es gibt halt doch so einiges zu lachen, auch wenn die blutigste Sauerei sofort von der nächsten übertroffen wird. Beispiel: „Reisst mir die Fingernägel raus, schneidet mir die Nüsse ab, aber bitte nicht Coldplay“.

Ein schräg-bizarr-witziges Lesevergnügen für Thrillerfans, die mehr auf Action, Humor und blutiges Tarantino-Gemetzel stehen, als auf todernste, glaubhafte Handlung seriöser Krimis.

Nick Kolakowski: Love & Bullets, Suhrkamp, 2020, 427 Seiten, Amazon.

Die Bücher sind in den inhabergeführten Buchhandlungen BellingProsa, Buchfink, Arno Adler, Langenkamp, maKULaTUR und Buchstabe erhältlich. Derzeit sind die Buchhandlungen geschlossen, die Bücher können aber über "click & collect" in den meisten lokalen Buchhandlungen erworben werden. Nähere Informationen finden man auf den jeweiligen Homepages.

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.
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