Schöpfungen aus Poesie und Papier von Dietlind Frieling
Wasser_Stücke

Britta KothVon

Bereits der Titel „Wasser_Stücke“ lässt Grenzen verschwimmen: „Wasser“ und „Stücke“ – wie passt das zusammen? Zwei Aggregat-Zustände, die sich nach herkömmlichem Verständnis gegensätzlich verhalten, fließen in ein Wort. Und ergeben Stoffe, die sich von keinem Phasendiagramm bestimmen lassen.

Die Entstehung dieses Gedichtbandes ist nichts Geringeres als eine Schöpfungsgeschichte: Dietlind Frieling hat die Papier- und Pigment-Kompositionen, die in engem Dialog mit den poetischen Stücken stehen, handgeschöpft. Das blaue Titelstück – was stellt es dar? Die Erde aus der Sicht des Alls? Ozeane, darin Inseln? Protoplasma? Zeugung? Genesis? Die Unschärfen zwischen Makro- oder Mikrokosmos tauchen auch in den Textstücken als Zwischenwelten wieder auf.

Erlöst uns vielleicht ein Zauberwort aus diesem Kosmos voller Rätsel? Wir staunen: Denn in „Erfasst“ ist es – anders als in Eichendorffs „Wünschelrute“ – das Zauberwort, das uns erfasst:

„[...]
Zauberwort fass uns
öffne die Himmel an den Rändern der Tage
und die Wasser jenseits der Flüsse

wir harren auf gefundenem Posten

fass es Zauberwort wir
brechen die Wolken auf bergen
ertrunkene Wellen
wärmen die Sonne treiben den Wind“

Wie in den Gedichten, vermischen sich auch auf den Papier-Stücken die Elemente: Wasser, Luft und Feuer – eine handvoll Erde. Fertig? Sicher nicht. Wassergleich machen sich die Worte der Dichterin auf und finden ungeahnte Wege. Behütet im Kokon kraftvoller Komposition, bleiben manche von ihnen dennoch an den Rändern ratlos.

Im Vorbeifließen wird konventionellen Worthülsen leichthin das Wasser abgegraben:
„[...]
all das und mehr habe ich
dir geschenkt, ohne es
je zu besitzen“

Wie ahnungslos wir mit den Worten hantieren, zeigen diese Verse ohne Didaktik: Wir gewönnen so viel, würden wir mutiger eintauchen in die submarinen Welten bedrohlicher Bedeutungstiefen. Und auftauchen aus den bekannten Metaphern, die uns tragen und zugleich immer wieder zu früh stranden lassen (wie es eben dieser Satz es macht...).

Die Dichterin ergreift hier das Wort, um es an Land zu ziehen und es genauer zu betrachten. Das hat nichts mit Linguistik zu schaffen, sondern wird bei ihr zu einem zärtlichen Zerlegen von Zellen – ganz ohne darauf zu bestehen, dass es einen Kern der Sache geben muss.

Es ist schön, zu sehen, dass diese Gedichte auch vor Uferlosem nicht zurückscheuen:

„[...]
wer nicht schwimmen kann läuft
über die schwarze Wasserglut
über die Rabenrufe

findet vielleicht ein Schiff

flicht Feuerflocken zu reißendem Fluss
wagt sich an seinen Rand

sei du mein Seestück
und weiter vorn und
weiter hinten
halte ich deine Hand.“

Wird sie halten, diese Hand? Wir wissen es nicht. Und dieses „Wir-wissen-es nicht“ bleibt eine der Stärken dieses viereckigen Bändchens: Von einem schwankenden Standpunkt aus greifen die Worte dennoch hartnäckig nach dem, was uns erreichbar, was fassbar sein könnte. Und nähern sich ihm. Stück für Stück.

Dietlind Frieling: Wasser_Stücke, Lyrik und Aquarell, Hyperzine Verlag, Mai 2020, 47 Seiten

Das Buch ist in den inhabergeführten Buchhandlungen BellingProsa, Buchfink, Arno Adler, Langenkamp, maKULaTUR und Buchstabe erhältlich.

Britta Koth
Britta Koth
alias Serra Sand, geburtenstarker Jahrgang, Schwäche für Literatur, Studium der Germanistik und Philosophie in Heidelberg, Studium der Germanistik und Sozialwissenschaften in Göttingen (Magistra), Studium der Psycho-Gerontologie in Erlangen-Nürnberg (Diplom), Training Werbe-Texterin (Berlin), Texterin in div. Werbeagenturen in Berlin, Hamburg und Lübeck, Freie Autorin und Lyrikerin mit Wohnsitz in Mecklenburg am Schaalsee.
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