Matthias Kröner, (c) Gabriele Kröner

Matthias Kröner über sein neuestes Projekt "Lyrische Post"
"Der Elfenbeinturm interessiert mich nicht."

Britta KothVon

Lyrik rettet den Tag. Gerade in Pandemiezeiten. Gerade dann, wenn Lesungen schwierig bis unmöglich sind. Matthias Kröner versendet darum ab 1. Februar kostenlos einen lyrischen Newsletter: Lyrische Post, die einmal am Tag in die Mailbox schneit.

Fragen an Matthias Kröner zum Thema: „Lyrische Post“

unser Lübeck: Matthias, Du startest am 1. Februar Dein neues Projekt „Lyrische Post“: Jeden Tag ein Newsletter mit einem Original-Gedicht von Dir. Wozu braucht das die Welt?

Matthias Kröner: Ha, wozu braucht die Welt überhaupt irgendwas? Braucht sie Menschen? Ich glaube nicht. Aber da sie sie nun einmal hat – vermutlich so, wie wir Menschen Windpocken haben –, lohnt es sich, das Beste daraus zu machen. Da helfen Gedichte ganz ungeheuerlich.

UL: Jeden Tag ein Gedicht – das ist ja auch quantitativ reichlich anspruchsvoll. Machst Du es wie das sprichwörtliche Huhn: Legst Du jeden Tag ein nestfrisches vor?

MK: Nein, das würde nicht dazu führen, was ich mit dem Projekt erreichen will: dass man sich freut auf die tägliche Dosis Lyrik! Ich habe in meinem Leben vielleicht schon 1.500 Gedichte geschrieben. 1.000 davon sind in der Schublade sehr gut aufgehoben, 300 unfertig, doch die 200 übrigen waren schon im Radio zu hören, haben kleinere Preise ergattert, sind auf Lesungen oder Slams gut angekommen, hängen in Sammelbänden von Reclam ab und machen auch mir Freude. Die besten 100 davon sind in dieser Auswahl – wobei es gut sein kann, dass ich auch mal ein spontan verfasstes Gedicht oder ein Kindergedicht und zumindest ein einziges Mal fränkische Mundart darunter schmuggele …

UL: Nun gibt es ja selbst in pandemischen Zeiten Menschen, die´s nicht so haben mit der Poesie. Was sagst Du denen, damit sie es wenigstens mal probieren?

MK: Ich schreibe für Menschen, die kein Literaturstudium brauchen. Der Elfenbeinturm interessiert mich nicht. Ich bin eher an einem Turm interessiert, den man erkunden kann, mit Geheimnissen und sagenhaften Ausblicken. Was ich also sagen würde? Lasst euch einen Moment darauf ein, genießt die Stille, die euch umgibt beim Lesen, atmet die Sätze und geht wieder zurück in die Welt.

UL: Kreisen Deine Gedichte rund um das Schwerpunkt-Thema „Corona“ oder spannst Du den Themen-Bogen weiter?

MK: Etwa ein Fünftel der Gedichte handeln vom Lockdown und was er mit uns allen anstellt. Was wir tun können, um damit klar zu kommen, wie wir uns verändern, was auch etwas Gutes haben kann … In den anderen Texten geht es um Beobachtungen, um Erkenntnisse, um Sprachwitz, um Situationen, die ungewöhnlich sind oder die viele kennen. Was will ein Gedicht? Für mich geht es beim Schreiben darum, einen Gedanken eng zu führen, etwas in einem neuen Licht zu sehen. Nach dem Lesen eines guten Gedichts fühle ich mich immer viel klarer mit mir.

UL: Hättest Du einen Beipack-Zettel für die „Lyrische Post“ – wie würden Deine Empfehlungen zur Anwendung dieses Poesie-Präparates lauten? Also lieber vor oder nach dem Frühstück lesen? Mehrmals täglich wiederholen? Gibt es vielleicht sogar Nebenwirkungen, die Lesende befürchten müssen?

MK: (Lacht.) Zu Nebenwirkungen fragen Sie Ihr Gehirn oder Ihre Psyche. Im Ernst: Literatur ist keine Religion. Entweder ein Text spricht mit einem oder er tut es eben nicht. Doch bei der „Lyrischen Post“ bin ich mir sehr sicher, dass für alle etwas dabei ist. Womöglich wird das ein oder andere Gedicht dann sogar vor und nach dem Frühstück und ein drittes Mal im Feierabend gelesen; wer weiß … Manchmal merkt man auch Tage später erst, dass sich etwas im Kopf verhakt hat. Das hat dann immer auch seinen Grund und hat sehr viel mit einem selbst zu tun.

UL: Hast Du mal erlebt, dass ein Gedicht Dich aus einer scheinbar ausweglosen Situation gerettet hat? Falls ja – welches Werk hat das geschafft?

MK: Gedichte bringen einen über Abgründe. Keine andere sprachliche Kunstform ist so genau, so exakt. Keine kann mich derart schnell in Euphorie versetzen. Für mich sind gut gesetzte Worte so etwas wie Raketen, die in den Weltraum starten. Dabei sind Gedichte keine Wissenschaft, die nach Zahlen agiert, sondern haben immer diesen Schuss Wahnsinn. Wahn und Sinn eben. Zurück zur Frage! Mich haben schon viele Gedichte gerettet. Manchmal waren es sogar die eigenen, da die Worte wie Haltegriffe in einer Felswand tragen.

UL: Die meisten von uns leiden nicht nur unter kulturellem Stillstand, sondern auch unter dem Mangel an Austausch. Kann man sich über Deine Gedichte mit Dir persönlich austauschen?

MK: Das ist Teil des Projekts. Mir ist es wichtig, in Kontakt zu kommen. Gerade jetzt, wo keine Lesungen möglich sind und Social Distancing angesagt ist. Alle Gedichte können kommentiert, interpretiert, kritisiert, gelobt oder was auch immer werden. Das kann per Mail an mich geschehen oder auf meiner Facebookseite www.facebook.com/matthias.kroener, auf der das Gedicht des Tages jeweils stehen wird.

UL: Ist es geplant, dass aus dem Newsletter und z.B. lyrischen Resonanzen auch ein Buch entsteht – wie das z.B. bei der Berliner lockdownlyrik passiert?

MK: (Lacht.) An mir soll es nicht scheitern. Es kommt darauf an, ob sich ein Verlag dafür interessiert. Doch die meisten Verlage fürchten sich vor Lyrik, weil sich die Leserinnen und Leser häufig davor fürchten. Es muss mit der Schule zu tun haben. Dort musste man Gedichte entweder auswendig lernen oder unter Notendruck interpretieren. So geht jede Schönheit kaputt.

UL: Die „Lyrische Post“ ist für alle Abonnenten nicht nur garantiert viren-, sondern auch kostenfrei. Wie geht das mit den Null-Kosten?

MK: Nun, als Reisebuchautor verdiene ich momentan keinen Cent. Lesungen mit Gedichten oder Erzählungen sind auch nicht möglich. Es ist keine einfache Zeit für Kunstschaffende, die meist „soloselbstständig“ sind. Schon allein über dieses Wort könnte man sich stundenlang aufregen. Wegen solcher schräg ins Leben gebauter Existenzen wie dieser wilden „Soloselbstständigen“ läuft der gesamte Laden! Was würden Verlage ohne Autoren machen? Was die Buchhändler? Was die Filmbranche? Was alle anderen Menschen, die sich nach der Arbeit entspannen wollen?
Sorry, wie war die Frage noch mal? Genau, wie es finanziell aussieht! Da der Staat noch keinen müden Euro für mich locker gemacht hat (Stichwort „Soforthilfe“), meine Steuern aber gerne einkassiert, habe ich mich selbst auf die Suche begeben. Dank des großartigen „KulturFunken*“ und der nicht minder großartigen Possehl-Stiftung wird die „Lyrische Post“ unterstützt und gefördert. Das hilft mir sehr.

UL: Letzte Frage: Wie komme ich bis zum 1. Februar noch schnell an meine tägliche Portion Poesie?

MK: Einfach eine Mail an mich schreiben unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! mit dem Betreff „Lyrische Post, ja“. Auch mit einer Message über meine Facebookseite kann man sich anmelden. Ein Angebot für alle, die Lust auf Lyrik haben.

Mehr über den Autor unter: Matthias Kröner www.fairgefischt.de
Das Interview führte Britta Koth.

Britta Koth
Britta Koth
alias Serra Sand, geburtenstarker Jahrgang, Schwäche für Literatur, Studium der Germanistik und Philosophie in Heidelberg, Studium der Germanistik und Sozialwissenschaften in Göttingen (Magistra), Studium der Psycho-Gerontologie in Erlangen-Nürnberg (Diplom), Training Werbe-Texterin (Berlin), Texterin in div. Werbeagenturen in Berlin, Hamburg und Lübeck, Freie Autorin und Lyrikerin mit Wohnsitz in Mecklenburg am Schaalsee.
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