Drei kurze Tipps
Drei kurze Bücher

Holger KistenmacherVon

Diesmal auf meiner Empfehlungsliste: jeweils ein kurzes Buch von und eines über einen meiner HeldInnen aus der Musikszene, sowie ein "hitziges" Debut eines jungen französischen Autors.

Beginnen möchte ich mit einer wunderbar kleinen Edition vom KiWi-Verlag zum Thema Musik. Bekannte Künstler, Autoren, Musiker schreiben über ihren Lieblingsmusiker oder ihre Lieblingsband: radikal subjektive Liebeserklärungen auf knapp 100 Seiten. Bisher erschienen: Leonhard Cohen, die Beatles, Take That, Die Toten Hosen und Frank Ocean.

Ich habe das Büchlein von Tino Hanekamp über Nick Cave gelesen und dabei viel Neues über den "Fürst der Finsternis" gefunden, aber auch Erinnerungsstücke, wie ein grandioser Auftritt anlässlich einer Buch-Neuvorstellung mit Musik auf Kampnagel, wo ich glücklicherweise auch zugegen war. Cave liest aus "Der Tod des Bunny Munro" und spielt zwischendurch ein paar Songs mit Warren Ellis und dem Bad-Seeds-Bassisten Martyn P. Casey. Dann kommt Blixa Bargeld, der die Bad Seeds sechs Jahre zuvor verlassen hat, liest die deutsche Übersetzung und singt mit Cave "The Weeping Song". Historischer Moment" und auch für mich damals ein absolutes Highlight voller Freude und Genuss.

Tino Hanekamp, ehemaliger Betreiber des "Uebel und Gefährlich" in Hamburg, dann Musikjournalist und Autor ist ein Fan und Kenner von Nick Cave. Mittlerweile lebt er mit Freundin Ixztel im tiefsten Süden von Mexiko, von wo aus er sich auf den Weg macht zu einem Konzert seines Musik-Helden nach Mexico-City. Dort soll er im Auftrag seines Verlages den Musiker treffen, denn er ist aufgrund einer Schreibblockade noch mit einem Buch in Verzug. In Form einer Road-Movie-Erzählung beschreibt er unterwegs seiner Freundin den Werdegang und das Leben von Cave anhand seiner Songs, Bücher und Auftritte.

Außerdem hat er mit Cave noch eine alte Rechnung offen. Als junger Musikjournalist hatte er Cave mit dreisten Fragen genervt, der hatte ihn aber cool auflaufen lassen. Das Büchlein bezaubert mit vielen kleinen Anekdoten und Privatwissen über den Künstler, mit der Beschreibung eines großartigen Konzertes und mit einem wunderbaren Interview mit einem überaus freundlichen, zugewandten Nick Cave, dessen Pathos, aber auch seine unglaublichen Stärken, selbst nach dem tragischen Tod seines Sohnes, für Bewunderung sorgen. Aber von nix kommt nix: "Head high and fuck them all", soll die Mutter von Nick Cave zu ihrem Sohn gesagt haben, als er von der University of Melbourne ein Ehrendoktorat verliehen bekam und sich unter all den Akademikern unwohl fühlte.

Tino Hanekamp: Nick Cave, Kiepenheuer & Witsch, Oktober 2019, 135 Seiten, Amazon.

Patti Smith, die Godmother of Punk, begnadete Musikerin, Poetin, Fotografin und Performance-Künstlerin hat nach ihrem grandiosen biografischen Roman "Just Kids" einen weiteren Roman mit "Im Jahr des Affen" vorgelegt. Mittlerweile ist sie 75 Jahre alt und erzählt in dem Band ihre Verluste im Katastrophenjahr 2016 und träumerisch, episodenhaft aus ihrem Leben. Je älter die einstige Punk-Ikone wird, umso mehr gibt sie ihren Träumereien Raum, die mitunter ins Mythische rutschen. Ein turbulentes Jahr, das sie zu entlegenen Orten und zu geliebten Erinnerungen führt, eine Reise zwischen Real- und Traumzustand.

Es beginnt im "Dream Inn", einem Motel an der kalifornischen Küste, in Santa Cruz. Es ist Neujahr 2016 und sie befindet sich in einer Art Schockstarre, denn ein langjähriger Freund und Produzent, Sandy Pearlman liegt nach einer Hirnblutung im Koma. Es plagen sie Gewissensbisse, denn sie hatte es nicht länger an seinem Krankenbett ausgehalten. Das Jahr des Affen aus dem chinesischen Kalender hat aber noch weitere Tiefschläge für sie zu verkraften, denn auch ihr ehemaliger Partner, der Schauspieler und Regisseur Sam Shepard leidet unheilbar an ALS. Dann wird auch noch dieser "pöbelnde Grobian und unerträgliche gelbhaarige Hochstapler" zum Präsidenten gewählt. Und angesichts dessen, dass auch noch Muhammad Ali und Prinzessin Leia das Zeitliche segnen, greift Patti Smith nicht zum üblichen Kaffee, sondern bestellt sich in einer drittklassigen Bar lieber Wodka.

Teilweise hat das Buch Witz, wenn sie zum Beispiel erzählt, wie sie von einem schrägen Paar berichtet, das sie nur unter der Bedingung als Mitfahrerin mitnimmt, während der Fahrt kein Wort zu sagen und sie dann an einer Tankstelle stehen lässt. Dabei hatte Patti sich nur dazu hinreißen lassen, die geschmackvolle Playlist zu loben. Andererseits gleitet das Buch teilweise ins esoterische, altkluge, philosophische Geschwurbel ab. Weil sie normalerweise immer eine kleine Kamera und ein Notizbuch dabei hat, erfreuen aber die vielen kleinen Schwarz-Weiß-Fotos das Auge, wenn sie wieder einmal träumerisch vor sich hin spinnt.

Wie auch eines ihrer großen literarischen Idole, W. G. Sebald, nutzt auch sie die Kraft der Bilder, um das Geschriebene zu begleiten. Leider kommt dieser schmale Band nicht an das Preis-gekrönte Werk "Just Kids" heran, aber Fans von Patti Smith und ihrer transzendenten, melancholischen Poesie werden einige Schwachstellen und Kitsch verschmerzen können.

Patti Smith: Im Jahr des Affen, Kiepenheuer & Witsch, 7. Mai 2020, 208 Seiten, Amazon.

Mein dritter Tipp ist das Romandebüt des 1994 im französischen Nantes geborenen Jungautor Victor Jestin: "Hitze". Es erzählt vom Urlaubshorror eines Jugendlichen, der mit seinen Eltern die Sommer-Tage auf einem Campingplatz verbringt. Genussvoll wird der Grusel von Gruppenduschen und Tütensuppe, von kollektiven Sonnenbränden in Dauerhitze, Zeittotschlagen ohne Intimsphäre und beglückt schwitzenden Leibern unter Anfeuerungen eines Animateurs im Kaninchenkostüm als Abschreckung zelebriert. Es geht um einen spätpubertierenden Außenseiter, der gleich zu Beginn ein traumatisches Ereignis erlebt.

"Oscar ist tot, weil ich ihm beim Sterben zugesehen habe, ohne mich zu rühren", so lautet der erste Satz des Buches. Die Beweggründe für die unterlassene Hilfestellung und die daraus resultierenden Schuldgefühle und seelischen Abgründe des 17jährigen Leonhard bleiben aber seltsam diffus. Er begräbt Oscar in den Dünen, der sich selbst stranguliert hat und nimmt sogar sein Handy mit. Leonhard torkelt durch die Hitze der letzten zwei Urlaubstage über den Campingplatz, hin und her gerissen zwischen ersten Annäherungen an Sex und Leidenschaft.

Hoffnung vermischt sich mit Angst. Freundschaften entstehen für ein paar Tage, Herzen entflammen sich und erkalten schnell wieder. Alles schreit nach Unterhaltung, Vergnügen, Parties und Körperlichkeit. Dramen auf engstem Raum, wobei sich sein Kumpel, der nur "Ficken" im Kopf hat, schlussendlich als schwul herausstellt. Die totale Verunsicherung eines Jugendlichen. Inmitten der Hitze des Sommers brennt die Glut der Seele eines vereinsamten jungen Mannes. Man mag es dem jugendlichen Alter des Autors zugute halten, dass so einiges im Oberflächlichen hängen bleibt, wenn die Gefühle zwischen Euphorie und Depression hin und her schlagen.

Sprachlich ist er bereits auf der Höhe, auch wenn die seelischen Abgründe eines von der Pubertät und der aufkeimenden Lust und Gier eines jungen Mannes in der Hitze des infernalischen Sommers eher an der Oberfläche bleiben und viele Fragen offen bleiben. Trotzdem gelingt ihm ein heilsamer Einblick für all die Erwachsenen, die mit zunehmendem Alter vergessen, welche Katastrophen in jener Zeit der Adoleszenz stattfinden. Nichts von Süße, keine Romantik, keine Schmetterlinge, nur die Angst vor Einsamkeit und Ausgrenzung, vor allem vor den Rätseln der Liebe.

Victor Justin: Hitze, Kein & Aber, 12. Mai 2020, 160 Seiten, Amazon.

Die Bücher sind in den inhabergeführten Buchhandlungen BellingProsa, Buchfink, Arno Adler, Langenkamp, maKULaTUR und Buchstabe erhältlich.

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.
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