Sebastiao Salgado, Foto: (c) Arthur Nobre

Autobiographie des brasilianischen Ausnahme-Fotografen
Sebastiao Salgado „Mein Land, unsere Erde“

Holger KistenmacherVon

Für den deutschen Filmregisseur Wim Wenders, der 2014 mit dem Dokumentarfilm „Das Salz der Erde“ eine Hommage an den befreundeten Starfotografen drehte, ist Sebastiao Salgado ein „Held des Friedens“.

Mit seiner Kamera schuf dieser „große Humanist“ (Margot Klingsporn – Fotoagentur Focus) aufrüttelnde Porträts menschlichen Leids. Dafür hat er im letzten Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels im Rahmen der Frankfurter Buchmesse verliehen bekommen. Gleichzeitig erschien seine Autobiografie: „Mein Land, unsere Erde“. Der Fotograf berichtet über seine berühmten Reportagen, skizziert seinen beruflichen Werdegang vom gelernten Wirtschaftswissenschaftler zum Ausnahme-Fotografen und gewährt Einblicke in sein Privatleben.

Sebastiao Salgado wurde 1944 in Aimorés, Brasilien geboren. Er wuchs auf einer Farm im Bundesstaat Minas Gerais auf, in einem Tal von der Größe Portugals, welches damals zur Hälfte von Atlantischem Regenwald bedeckt war, aber auch über große Vorkommen von Gold und Eisen verfügte. 1967 heiratete er seine Frau Lélia, die er beim Studium kennengelernt hatte. Beide traten schon damals für Menschenrechte und Demokratie ein und mussten ihr Heimatland in der Zeit der Militärdiktatur aus politischen Gründen verlassen. Sie ließen sich 1969 in Paris nieder, wo Salgado eher zufällig zum Fotografen wurde.

Zunächst verdiente er sich sein Geld als Fotojournalist, der für Zeitungen und Agenturen Fotoreportagen aus aller Welt machte. Schon zu der Zeit war er besonders viel in Afrika unterwegs, was ihm früh viel Anerkennung für seinen dokumentarischen Blick auf die Welt und ihre Bewohner einbrachte. Ab 1973 machte er sich als Fotojournalist selbständig und begann seine große Reportagen, die ihn durch Afrika, Lateinamerika und an fast alle Ecken dieser Erde führten.

Gemeinsam mit seiner Frau schuf er opulente Bilder vom Zustand der Welt und machte Langzeitstudien über das Leben der Menschen am unteren Ende der Gesellschaft. So schuf er berühmte Bildserien über die Bedingungen besonders in der sogenannten dritten Welt, wie zum Beispiel der Sahelzone. In den 80ern lotete er mit seinem Projekt „Workers – Arbeiter“ die Zukunft der Arbeit in der Welt aus.

Berühmt wurden seine grandiosen Aufnahmen über die menschenunwürdigen Bedingungen der Arbeiter in einer Goldmine in der Serra Pelada, die er vor über 30 Jahren in seiner Dokumentation „Gold“ in spektakulären Schwarz-Weiß-Fotografien ablichtete. Kritiker warfen ihm dafür eine Überästhetisierung des Elends dieser geschundenen Arbeiter vor, die pro Tag 50 bis 60 Mal unendliche Leitern mit ihren Gesteinskörben hinauf - und heruntersteigen mussten. Gleichzeitig schuf er mit diesen höllenhaften Bildern über die menschliche Gier nach Gold, die einen an Schlachtenbilder aus dem Mittelalter im Stile eines Pieter Bruegels erinnerten, ein fotografisches Denkmal über Ausbeutung von Natur und Mensch.



Ich persönlich lernte Salgado mit dieser unglaublichen Bilderserie kennen und schätzen, als sie damals auch in den Hamburger Deichtorhallen ausgestellt wurden. Seine Frau organisierte seine Ausstellungen und Buchprojekte, die ihn darauffolgend weltberühmt machten. Später machte er berührende Reportagen über die Hungerkatastrophe in der Sahelzone, den Golfkrieg von Saddam Hussein oder den Völkermord von Ruanda. Er erlebte und fotografierte den Genozid und verlor dabei den Glauben an den Menschen. Obwohl er schon vorher sterbenden Menschen zugesehen, hungernde Kinder fotografiert und das Elend der Erde dokumentiert hatte, traumatisierte ihn die Hölle von Ruanda und führte schließlich zum Ende seiner Sozialfotografie.

„Glaubt mir, ich habe die Vernichtungswut des Menschen aus nächster Nähe gesehen: in brasilianischen Minen, auf brennenden Ölfeldern und in den Augen der Bürgerkriegsopfer in Ruanda“. Seitdem hat er sich zum Natur-Fotografen entwickelt und versucht, die Schönheit und Verletzlichkeit der Erde zu dokumentieren. „Manche behaupten, ich sei Fotojournalist. Das ist nicht wahr. Andere, ich sei Aktivist. Das ist auch nicht wahr. Wahr ist nur, dass die Fotografie mein Leben ist. Alle meine Fotos haben mit Augenblicken zu tun, die ich intensiv erlebt habe. Fotografie ist meine Art zu leben“.

Salgado hatte entdeckt, das auf unserem Planeten nicht nur Menschen lebten. So begann er weltweit die Tiere, die genauso wichtig für die Weiterexistenz der Erde sind, abzulichten. Für ihn sind seine Bilder ein Medium, das den Betrachter dafür empfänglich macht, dass wir alle dazu befähigt sind, das Schicksal der Menschheit zu beeinflussen. Mit seinem Zyklus „Genesis“, eine visuelle Hommage an den blauen Planeten, zeigte er archaische Vulkanlandschaften, arktische Eismassen, mäandernde Fluss-Canyons, vom Nebel umhüllte Gebirgsketten, ursprüngliche Regenwälder und endlose Wüsten. Hieraus entstand ein opulenter Bildband, sowie von seiner Frau kuratierte Wanderausstellungen, die weltweit für Furore sorgten. Gleichzeitig begann er, mit Lelia wieder in seiner alten Heimat auf seiner Farm zu leben und das riesige Gebiet mit dem ursprünglichen Regenwald aufzuforsten. Mittlerweile haben sie über zwei Millionen Bäume anpflanzen lassen!

Der Stiftungsrat des Deutschen Buchhandels, der in den letzten Jahren u.a. die deutschen Kulturwissenschaftler Aleida und Jan Assmann oder die Autoren Susan Sonntag, Siegfrid Lenz, Navid Kermani und Carolin Emcke, aber auch den Künstler Anselm Kiefer mit dem Friedenspreis auszeichneten, schrieben in ihrer Begründung für die Vergabe an Sebastiao Salgado: „Indem der Fotograf seine aufrüttelnden, konsequent in Schwarz-Weiß gehaltenen Bilder als Hommage an die Größe der Natur beschreibt und die geschändete Erde ebenso sichtbar macht wie ihre fragile Schönheit, gibt Salgado uns die Chance, die Erde als das zu begreifen, was sie ist: als einen Lebensraum, der uns nicht allein gehört und den es unbedingt zu bewahren gilt“. Ein würdiger Preisträger und einer meiner großen Helden der Fotografie.

Sebastiao Salgado mit Isabelle Francq: Mein Land, unsere Erde, Nagel & Kimche, Oktober 2019, 191 Seiten mit diversen Fotos, Amazon.

Das Buch ist in den inhabergeführten Buchhandlungen BellingProsa, Buchfink, Arno Adler, Langenkamp, maKULaTUR und Buchstabe erhältlich.

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.
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