William Boehart
Das Judaskreuz

Manfred EickhölterVon

William Boehart, geboren 1947 in Illinois, USA, lebt und arbeitet seit Jahrzehnten im Herzogtum Lauenburg als Historiker. Sein erstes Romanprojekt nahm seinen Anfang im wachsenden Interesse für eine geschichtliche Person: einen Rechtsanwalt aus Mölln, der von der Revolution 1848 radikale Reformen erhoffte, nach deren Scheitern ein mühseliges Berufsdasein führte und 1883 in einem Armenhaus in Mölln starb.

Boeharts Blick löste sich bald vom Einzelfall auf die Zeitverhältnisse: Was war aus denjenigen geworden, die seinerzeit Veränderungen und Neuanfänge ersehnten? Was war das für eine Zeit von 1848 bis 1883, dem Jahr, in dem der Rechtsanwalt starb? Boehart vertiefte sich in weitauseinanderliegende Materialien, die scheinbar unverbunden sind: Das Gänge- und Armenviertel im alten Hamburg, der Streit um ein Lessingdenkmal auf dem dortigen Gänsemarkt, die Anfänge des organisierten Antisemitismus in Norddeutschland nach der Reichsgründung 1870. Was anfangs den Stoff hergegeben hätte für eine Erzählung, vielleicht eine fiktive Biografie, wuchs sich aus zu einem wahrhaftigen Gesellschafts- und Zeitroman von überraschender Aktualität.

In Mölln wird 1879 der Geschäftsmann Hermann Goldschmidt aus Hamburg ermordet aufgefunden. In seinem Rücken steckt ein Dolch in Gestalt eines Judaskreuzes. Ein Verdacht fällt auf den aus Schweden stammenden Ole Svensson, führendes Mitglied der verbotenen sozialdemokratischen Partei. Svensson wird umgehend inhaftiert. Dessen zwanzigjährige Tochter Hedda sucht Zuflucht und Hilfe bei dem als „Winkeladvokat“ geächteten Friedrich Sprewitz. In dessen Bibliothek entdeckt Hedda eine schmale Broschüre mit einem Traktat über die notwendige Emanzipation der Frauen einer gewissen Recha Mendelssohn. Bald schon erfährt der Leser, dass sich Advokat Sprewitz in Recha, die Jüdin mit dem unbändigen Freiheits- und Gestaltungswillen, im Anschluss an eine politische Versammlung in Lauenburg im Sommer 1848 verliebt hatte, seine große Liebe. Mehrere Jahre führen sie eine „wilde“ Beziehung, dann verschwindet Recha 1852, wie vom Erdboden verschluckt.

Weil der in Mölln ermordete Geschäftsmann Hermann Goldschmidt aus Hamburg stammte, übernimmt ein dortiger Kriminalinspektor den Fall. Goldschmidt war ein zum Protestantismus konvertierter Jude, der sich an einem Neubauprojekt beteiligte, mit dem das verwahrloste Gänge- und Armenviertel Hamburgs saniert werden sollte. Für das Projekt interessiert sich auch eine Gruppe von spekulierenden Investoren, die Informationen aus erster Hand durch eine undichte Stelle in der Hamburger Bürgerschaft erhalten.

Die Herren aus der guten Gesellschaft sind nebenher bestrebt, ein geplantes Denkmal auf dem Gänsemarkt für Gotthold Ephraim Lessing, den Verfasser des Theaterstücks „Nathan der Weise“, zu verhindern. Advokat Sprewitz, der von der Möllner Staatsanwaltschaft verdächtigt wird, sich an der nach damaligem Recht noch minderjährigen Hedda Svensson vergangen zu haben, taucht ab und quartiert sich unter fremdem Namen im Hamburger Gängeviertel ein, wo Recha Mendelssohn 1852 das letzte Mal lebend gesehen worden war. Er will die Spur der Verschollenen aufnehmen.

Boeharts Romanerstling hätte also auch unter der Rubrik „Historischer Roman“ oder „Historischer Krimi“ auf dem Buchmarkt erscheinen können. Verleger Wolf-Rüdiger Osburg entschied anders: Das 500-Seiten-Buch firmiert schlicht als „Roman“. Und das ist gut so. Boehart hat sein Handwerk bei den Erzählern des 19. Jahrhunderts gelernt, bei Viktor Hugo, Leo Tolstoi und Charles Dickens. Wie der erfahrene Komponist einer großen Symphonie oder Oper organisiert er die sich kreuzenden Lebensgeschichten von einem Dutzend Personen, jede mit wenigen Strichen plastisch dargestellt.

Und er spinnt ein komplexes Geflecht aus Haupt und Nebenhandlungen, die zusammen ein Werkganzes ergeben ohne zufällige oder überflüssige Einsprengsel. Wie die bedeutenden Romanciers des 19. Jahrhunderts hat Boehart sich mit Fakten gesättigt, dann aber dem sich beim Schreiben entfaltenden fiktiven Erzählkonzept den Vortritt gelassen und ist seinen Imaginationen gefolgt.

 Erschreckend klar erscheint bereits um 1880 der rassistisch fundierte Antisemitismus, für den ein Jude ein Jude bleibt, auch wenn er konvertiert. Und zart leuchtet von 1848 herüber die Gestalt der Recha Mendelssohn mit ihrem klugen Kopf, ihrer beredten Begeisterung für das Gute um des Guten willen und ihrer freien Art, Beziehungen zu führen.

Bücher haben ihr Schicksal. Ich meine, dass William Boehart der jungen demokratischen Tradition Deutschlands mit seinem Debütroman "Das Judaskreuz" ein ermutigendes Sinnbild geschaffen hat. 

William Boehart: Das Judaskreuz, Osburg Verlag, August 2018, 500 Seiten, Amazon

Das Buch ist in den inhabergeführten Buchhandlungen BellingProsa, Buchfink, Arno Adler, Langenkamp, maKULaTUR und Buchstabe erhältlich.

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