Richard David Precht, Foto: (c) Amanda Berens

Richard David Precht „Jäger, Hirten, Kritiker – Eine Utopie für die digitale Gesellschaft“
Pessimismus ist keine Lösung

Jennifer BalthasarVon

In den vergangenen Wochen ist viel diskutiert worden über das neue Buch von Philosoph Richard David Precht und seine Vision einer digitalen Gesellschaft. Wir wagen einen nüchternen Blick auf die Lektüre, ihre Befürworter und Gegner und fragen: Was bleibt von der Diskussion? Und auf welche Entwicklungen müssen wir uns einstellen?

Precht ist bekannt für seine offene Art, große gesellschaftliche Fragen anzugehen und einem breiten Publikum verständlich zu machen. Er ist gern gesehener Gast auf Podiumsdiskussionen, in Talkshows und Gesprächsrunden aller Art. Mit seinen Ausführungen ruft er bei Beobachtern gleichermaßen Zuspruch und harsche Kritik hervor. Sein neues Buch ist keine Ausnahme. Die einen loben Prechts Forderungen und freuen sich über Platz eins auf der Bestsellerliste, die anderen halten seine Erläuterungen für unwissenschaftlich und schlichtweg überflüssig. Beginnen wir mit einem neutralen Blick auf das Buch selbst.

Das Buch

Schon die Anspielung im Titel macht deutlich, in welche Richtung die Utopie gehen soll. Mit „Jäger, Hirten, Kritiker“ bezieht sich Precht auf eine Aussage von Karl Marx und Friedrich Engels, in der sie 1845 erstmals ihr Verständnis von Kommunismus definierten. Es ging ihnen keineswegs um einen totalitären Staat, der seine Bürger bevormundet, sondern um eine Gesellschaft, in der jeder das tun kann, was ihm Freude bereitet, zum Beispiel morgens jagen, abends Viehzucht betreiben und nach dem Essen kritisieren. Begriffe wie „klassenlose Gesellschaft“ und „totale Menschen“ bedeuteten für sie nicht Gleichmacherei und Fremdbestimmung, sondern das genaue Gegenteil, nämlich Individualismus und Selbstbestimmung. In diese Richtung müsse sich unsere Gesellschaft idealerweise entwickeln, so Precht.

Die Hindernisse auf diesem Weg sind allerdings vielfältig, wird doch die heutige Arbeits- und Leistungsgesellschaft geprägt vom Effizienzdenken des Kapitalismus, dem unablässigen Streben nach Wirtschaftswachstum und dem ständigen Zwang zur Selbstoptimierung gemäß der Fisherman’s-Friend-Logik: „Ist der Fortschritt für dich zu stark, so bist du zu schwach.“ Durch die fortschreitende Digitalisierung drohen zunehmend Arbeitsplatzverluste, digitale Großkonzerne vermarkten unsere Daten immer zielgenauer, gewinnen global an Einfluss und nehmen den staatlichen Regierungen nach und nach die Macht aus den Händen. Um diese Entwicklungen aufzuhalten, fehle es unseren Politikern an Ethos, Eigeninitiative und konkreten Visionen, kritisiert Precht. Keine echten Themen und Inhalte, sondern die Medienagenda und kluges Taktieren bestimmen ihr Handeln.

Der Autor entwirft zunächst eine Dystopie, ein Worst-Case-Szenario für die Zukunft, um dann mit einer Utopie aufzuzeigen, wie man es besser machen kann. Kernthese seiner Vision ist der Wegfall der Erwerbsarbeit, da die meisten Tätigkeiten fortan von Maschinen übernommen werden können. Weiterhin gebraucht werden allerdings wirklich gute IT-Spezialisten, geschickte Handwerker und empathische Lehrer, Ärzte und Pfleger, die individuell auf ihre Schüler und Patienten eingehen. Leben werden die Menschen künftig vom bedingungslosen Grundeinkommen, einem „festen Mindesteinkommen, das zum Leben reicht“ und mindestens 1500 Euro betragen soll. Wer möchte, kann sich durch Arbeit etwas hinzuverdienen.

Durch die finanzielle Absicherung steht die Arbeit also nicht mehr im Fokus des Lebens. Das verändert die Anforderungen an unser Bildungssystem grundlegend. Schüler müssen nicht mehr konditioniert und auf den Arbeitsmarkt zugeschnitten werden. Stattdessen müssen sie lernen, selbst für ein erfülltes Leben zu sorgen: kreativ sein, Pläne entwickeln und umsetzen, um ihrem Leben durch „Selbstwirksamkeitserfahrungen“ einen Sinn zu geben. Auch müssen Orientierungsvermögen, Urteilsbildung und „Wert“schätzung gefördert werden, damit junge Menschen lernen, verantwortungsvoll mit Informationen, Technologien und den eigenen Daten umzugehen und sich trotz Reizüberflutung Zeit zu nehmen für die Dinge und Rituale, die ihnen etwas bedeuten. Dazu sollte zum Beispiel eine gepflegte Sprache gehören.

Video: Richard David Precht spricht in der Schweiz über die Mängel des heutigen Bildungssystems und seine Vision für die Zukunft


Die Diskussion

Precht präsentiert seine Überlegungen anschaulich, unterhaltsam und untermauert sie durchweg mit historischen Beispielen, Zitaten und wissenschaftlichen Studien. Der Autor versteht es, die richtigen Fragen zu stellen und Fehlentwicklungen klar zu benennen. So fordert er die Politiker auf, den Digitalkonzernen endlich ihre Grenzen aufzuzeigen und die Privatsphäre der Menschen adäquat zu schützen. Er lobt die zu erwartenden Fortschritte in der Medizin und im Straßenverkehr, diskutiert deren Vor- und Nachteile und führt ethisch-moralische Bedenken an. Auch auf die Bedeutung grundlegender Themen wie Glück, Freiheit, Autonomie, Gerechtigkeit und Humanität geht er ein, hinterfragt den Zeitbegriff und unsere Vorstellung davon, was den Menschen eigentlich ausmacht.

Einigen Kritikern ist das zu allgemein. Ihnen fehlt die Tiefe der Argumentation, die allerdings gar nicht Zielsetzung dieses Buches ist. Precht geht es um den gesamtgesellschaftlichen Blick. Weitere Kritik kommt von Datenschutzexperten, die seine mangelnde Sachkenntnis im IT-Bereich monieren. Die großen Digitalkonzerne würden gar keine Nutzerdaten, sondern nur Werbeplätze verkaufen, heißt es. Die bekannten Datenskandale seien vielmehr die Folge von Datenlecks. Kontrovers ist die Debatte um das Ende der Erwerbsarbeit. Neben den von Precht zitierten Stimmen gibt es Studien, die sogar eine gegenteilige Entwicklung, nämlich einen Anstieg an Arbeitsplätzen durch die Digitalisierung voraussagen.

In jedem Fall macht es Sinn, sich gedanklich mit einem möglichen Wegfall der Erwerbsarbeit auseinanderzusetzen und sich zu überlegen, wie man die Besetzung der weiterhin benötigten Berufsfelder sicherstellen kann, falls das bedingungslose Grundeinkommen tatsächlich eingeführt wird. Denn mit dieser nicht ganz neuen Idee und seinem ebenfalls nicht ganz neuen Finanzierungsvorschlag kann der Autor überzeugen. Umsetzen ließe sich das Konzept laut Precht am besten mithilfe einer Finanztransaktionssteuer, also einer Mikrosteuer auf internationale Geldgeschäfte, die so gering ausfallen würde, dass sie nur „Extremzocker“ wirklich zu spüren bekämen. Konkrete Berechnungen stehen noch aus.

 Insgesamt zeichnet Precht ein positives Bild von der Zukunft. Pessimismus ist für ihn keine Lösung. Es gelingt ihm, das ungute Bauchgefühl in Worte zu fassen, das viele Menschen angesichts der digitalen Zukunft schon heute empfinden. Er spricht aus, was viele intuitiv denken und das mit treffenden Worten und nicht ohne Humor. Auch wenn der Autor im Rahmen seines Buches nur Leitlinien formulieren und keine fertigen Lösungswege anbieten kann, muss man ihm zugestehen: Precht hat Recht.

Richard David Precht: Jäger, Hirten, Kritiker – Eine Utopie für die digitale Gesellschaft, Goldmann Verlag, 23. April 2018, 288 Seiten, Amazon.

Das Buch ist in den inhabergeführten Buchhandlungen Prosa, Buchfink, Arno Adler, Langenkamp, maKULaTUR und Buchstabe erhältlich.

Jennifer Balthasar
Jennifer Balthasar
Publizistin M.A., Magisterstudium der Publizistik, Psychologie und Soziologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Freiberuflich tätig in den Bereichen Journalismus, Öffentlichkeitsarbeit und Unternehmenskommunikation. Ihre Schwerpunkte bei „unser Lübeck“ sind moderne Klaviermusik, Alte Musik, Weltmusik und Crossovers sowie klassischer und moderner Tanz.
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Kommentare  
# Blick auf PrechtSabine Stadtlander (19.07.2018, 19:05)
Danke für diesen wirklich „nüchternen Blick“ auf Prechts neues, für mich sehr wichtiges Buch. Es hat richtig gut getan, ihn nicht wieder als „Popphilosophen“ abgestempelt zu sehen wie kürzlich in den Lübecker Nachrichten (Buchbesprechung von Wilfried Mommert). Danke!!
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