Svealena Kutschke, Foto: (c) Anne Schönharting, Ostkreuz

Svealena Kutschke
Stadt aus Rauch

Manfred EickhölterVon

Geboren und aufgewachsen in Lübeck, vertraut mit den Literaturen und Ereignissen der Stadt im 20. Jahrhundert, hat Svealena Kutschke aus diesen Lebens- und Wissenssphären eine große Erzählung geformt, einen poetischen Kommentar, der Eigenes und Fremdes, Erlebtes und Freigelegtes aus der Perspektive der sogenannten kleinen Leute in den Blick nimmt.

Topographisch ist der Text angesiedelt zwischen Gröpelgrube und Alternative auf der Wallhalbinsel, Gestapozentrale im Zeughaus und geschlossener Psychiatrie. Es ist kein historischer Roman und die zeitliche Spanne zwischen Kaiserreich und Wiedervereinigung wird nicht linear erzählt.

Aus der Trave zu kommen, in die Trave zurück zu müssen, mit zu rennen in revolutionären Situationen, wie unbeteiligt in Saalschlachten zwischen Deutschnationalen und Nationalsozialisten zu stehen, sich selbstbewusst für das Pathos des Punk zu entscheiden, zu betteln, um vogelfrei sein zu können, kaputtgeschlagen zu werden von „Jung-Glatzen“, gehört zum Alltag der Hauptfiguren. Ein Stammbaum als Grafik ordnet die Hauptpersonen zu drei Generationen. Michél, Lucie und Christoph, Freya, Jessi, Schwani, Lasse und Bjarne, diese so überraschend anders als erwartet gearteten Erben der Buddenbrooks, leben verstrickt in Alkoholexzessen, Morphium und Heroin, im Inneren blitzwach konzentriert auf die Frage: Was erinnerst Du von dem Tag, dem Augenblick, als Du entdecktest, dass Du mich liebst?

Verstörende Bilder heimgekehrter „Kriegshelden“ 1918, Szenen zärtlichster Nähe, endlose Wege zwischen Wakenitz und Stadtgraben, Mühlenteich und Travemünder Strand, erzeugen beim Leser einen Leserhythmus zwischen Durchhalten-Müssen und Innehalten-Wollen.

Erzählerischer Höhepunkt sind Ereignisse in einer Winternacht um die Wende zum 21. Jahrhundert. Nach dem Freitod von Schwani, Lasses Geliebten, nehmen seine Bauwagenkameraden einen Mix aus Alkohol und chemischen Drogen zu sich. Sie erreichen den Märchenwald im Stadtzentrum. Der Erzähltext webt Märchen, Delirium, Fieberträume, Wahnvorstellungen und Erinnerungen zu einem Erzählgebilde, das tiefe Traurigkeit und Staunen über so viel Erzählkunst freisetzen kann.

Svealena Kutschke macht sich nicht zum Richter ihrer Figuren, sie begleitet sie aufmerksam mit anteilnehmender Wärme in einer detailgenauen Sprache, die Welten entdecken will. Der Schatz dieses Textes liegt in seinen genauen Beobachtungen. Schwer zu beantworten ist die Frage, wer diesen Roman erzählt, der Teufel, die wichtigste Nebenfigur, ist es jedenfalls nicht. Der Mann mit dem schwarzen Haar und den roten Lippen, den nur Lucie sieht und mit dem sie gelegentlich eine Zigarette raucht, ist untröstlich, weil er nicht ins Geschehen eingreifen darf.

Svealena Kutschke, die in Berlin lebt, hat den lesenden Zeitgenossen unserer Stadt, aber nicht nur ihnen, ein Lebensmittel zubereitet, das hilfreich sein will, um gegenwärtig zu werden. „Stadt aus Rauch“ bietet auf 668 Seiten eine bewegende Großerzählung, die zum Zitieren in Tourismusbroschüren und zur Lektüre vor dem Einschlafen nicht empfohlen werden kann.

Svealena Kutschke: Stadt aus Rauch, Eichborn Verlag, August 2017, 672 Seiten.

Das Buch ist in den inhabergeführten Buchhandlungen Prosa, Buchfink, Arno Adler, Langenkamp, maKULaTUR und Buchstabe erhältlich.

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