Selbstbildnis mit Lampionblume, 1912 Wien, (c) Leopold Museum

Egon Schiele – Enfant terrible der Wiener Moderne in XXL-Format

Holger KistenmacherVon

Zeit seines sehr kurzen Lebens (1890-1918) galt der Wiener Maler Egon Schiele als melancholischer Provokateur. Als Erotomane verschrien, schuf er in nur zehn Jahren künstlerischer Arbeit einen malerischen Kosmos, für den er weder gesellschaftliche Konventionen noch Tabus akzeptierte.

Der Zeitgenosse von Oskar Kokoschka und Gustav Klimt wird heute als Superstar der Malerei gefeiert und in seiner Exzentrik und Selbstdarstellung als Referenzfigur zu Popstars wie Madonna oder David Bowie gehandelt. Der Kölner Taschen-Verlag hat jetzt mit dem 5 Kilo schweren Prachtband „Sämtliche Gemälde 1909 bis 1918“ ein neues Werkverzeichnis vorgelegt, das nicht nur Schiele-Fans jubilieren lässt.

Bildnis Hans Massmann, 1909 Kunsthaus Zug, Stiftung Sammlung KammBildnis Hans Massmann, 1909 Kunsthaus Zug, Stiftung Sammlung KammDrei Jahre Arbeit stecken hinter diesem Mammutwerk der Kunstgeschichte. Tobias Natter, ehemaliger Direktor des Wiener Leopold-Museums hatte gleich nach seinem Rücktritt 2013 die Recherche zum neuen Werkverzeichnis begonnen, die auf insgesamt sechs seit 1930 publizierten Vorgängern aufbauen konnte. Denn seit 1990, der letzten Zusammenfassung von Schieles Werk durch Jane Kallir, der Enkelin des Schiele-Sammlers Otto Kallir, war durch diverse Ausstellungen, neue Literatur über den Künstler und neue Provenienzforschung eine erweiterte Sichtweise auf den oft verkannten Malerei-Star notwendig. Und die viele Arbeit hat sich gelohnt: Herausgekommen ist ein wahrer Kunst-Ziegel in XXL-Format.

Neben der wissenschaftlichen Leistung – über 600 Seiten, sechs Essays, ausführliche Werkbeschreibungen und ein Abgleich mit älteren Verzeichnissen – ist besonders die außerordentliche Qualität der Abbildungen, die sofort ins Auge sticht und jeden Kunst-Liebhaber ins Schwärmen bringt. Fast 150 Zeichnungen und über 220 Gemälde sind durchgängig in Farbe und auf unterschiedlichen Spezialpapieren abgebildet. „Erstmals sind alle im Original bekannten Gemälde Schieles in Farbe publiziert“, so Natter, „und die Aquarelle sind auf Spezialpapier gedruckt, im Grund Faksimile-Reproduktionen in Größe, Papierqualität und Farbe. An der Farbabstimmung allein haben wir mit italienischen Litho-Fachleuten ein halbes Jahr getüftelt.“

Bildnis Wally Neuzil, 1912 Wien, (c) Leopold MuseumBildnis Wally Neuzil, 1912 Wien, (c) Leopold Museum

Dieser wunderbare Prachtband scheint der momentanen Euphorie und Wertschätzung des einstmals schwer gehassten Künstlers angemessen, der auch schon mal wegen seiner Tabulosigkeit und seiner Provokationen im Gefängnis saß. Weltweit wird das Werk des Ausnahmekünstlers präsentiert, die Preise für die wenigen auf dem Markt befindlichen Werke steigen ins Unermessliche. Dabei speist sich das Interesse an Egon Schiele – man könnte auch von einem regelrechten Hype sprechen – zuallererst aus der Persönlichkeit Schieles und seiner nie erlahmenden Beschäftigung mit sich selbst, die keine Tabus und Konventionen zuließ, seiner packenden Ästhetik, die zwischen Expressionismus, perfekter Inszenierung und körperlicher Identitätssuche steht. Für die einen war er schamlos, für andere hingegen ein Genie, das weder sich selbst noch seine Modelle geschont hat. Ständig hat er sich selbst neu erfunden: „Am Vormittag tritt er als Dandy vor den Spiegel, der Bursche mit Pfauenweste, der liebe Bub und eitle Geck, und am Nachmittag zieht er sich aus, verrenkt sich und macht etwas völlig anderes.“ 

In den meisten Selbstporträts inszeniert er sich hohlwangig zwischen Genie und Wahnsinn und ist völlig tabulos gegenüber sich selbst. Aber immer richtet er seinen Blick direkt auf sein Publikum, den Betrachter. Er weiß und er will, dass wir ihn anschauen. Dass ist aus heutiger Sicht purer Existenzialismus, mit dem er spielt wie heutige Popstars, die sich ja auch gerne in provokanten Posen präsentieren. Gerade das macht seine Faszination noch heute so groß. Seine Bilder strahlen eine magische Anziehungskraft aus und fordern förmlich die genauesten Erkundungen heraus. Das Ausgemergelte seiner Selbstbildnisse, das Angespannte der nackten Körper, die weit aufgerissenen Augen setzen den Menschen eindringlich in Szene. Erkennbar wird ein getriebener, leidender, aber auch aufrührerischer Mensch, der sich lustvoll inszeniert, dessen Kunst weit mehr ist als Ausdruck einer gequälten Seele.

Bildnis Eduard Kosmack, 1910, (c) Belvedere, WienBildnis Eduard Kosmack, 1910, (c) Belvedere, Wien

Gerade diese Zwiespältigkeit in der Deutung des Werks von Schiele bearbeitet Tobias Natter in seinen begleitenden Essays. Er deutet die Schiele-Forschung als Minenfeld. So glaubt er nicht an die Interpretation, dass sich Schiele am Bildnis des Heiligen Franziskus orientiert habe. Natürlich gibt es Christus-ähnliche Bildnisse, aber gleichzeitig zeigt er sich als Monster mit nur einem Zahn. Geliebt und gehasst, hat Egon Schiele in nur zehn Jahren ein unglaublich reiches Werk geschaffen, welches von der Kühnheit der Linien, der Schönheit der Farben und der performativen Inszenierung seiner Modelle lebt. Leider verstarb er bereits 1918 mit gerade einmal 28 Jahren an der Spanischen Grippe. Was natürlich heute zu seinem Mythos als verkannter „Junger Wilder“ seiner Zeit führte. Ein Status, der ihn in Parallelwelten, vergleichbar dem ewig jungen Filmidol James Dean, versetzt oder in die vermeintliche Wesensverwandtschaft mit schillernden Figuren der internationalen Pop-Art wie Jean-Michel Basquiat. Und er selbst hat das frühzeitig erkannt. Auf seinem Totenbett am 31. Oktober 1918 soll er gesagt haben: „Nach meinem Tode, früher oder später, werden die Leute mich gewiss lobpreisen und meine Kunst bewundern.“

Recht hatte er. Und wunderbarerweise gibt es jetzt dazu diesen einmaligen, wenn auch nicht besonders billigen Prachtband, den man sich notfalls ja auch selbst unter den Tannenbaum legen kann, falls man ihn nicht als Geschenk an eine/n geliebte/n Kunstfreund oder -freundin verschenken möchte.

Tobias G. Natter (Hg.): Egon Schiele. Sämtliche Gemälde 1909-1918; 612 Seiten, 578 Abbildungen, Taschen-Verlag Köln, Mai 2017, Amazon.

Das Buch ist in den inhabergeführten Buchhandlungen Prosa, Buchfink, Arno Adler, Langenkamp, maKULaTUR und Buchstabe erhältlich.

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.
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