Francesco Spampinato
Art Record Covers

Holger KistenmacherVon

Totgesagte leben länger. Der Vinyl-Schallplatte wurde schon vor Jahrzehnten das Ende vorhergesagt, aber noch immer gibt es Musikliebhaber und Platten-Fetischisten, die die ölgepresste Musik lieben.

Gleichzeitig war der Griff ins Plattenregal ja auch schon immer eine kleine optische Reise durch das Museum der jeweiligen Gegenwartskunst. Denn die jüngste Kunstgeschichte ist auf Albumcovern bestens repräsentiert. Dem Kölner Taschen-Verlag ist es zu verdanken, dass 500 der besten Plattencover jetzt fast durchgängig in Originalgröße von 30 mal 30 Zentimetern versammelt sind, und damit eine Dokumentation der Plattenhüllen-Kunstgeschichte als dickes Buch erschienen ist.

Andy Warhol: Album Cover Diana RossAndy Warhol: Album Cover Diana Ross

Zusammengetragen haben diese Sammlung der Kunsthistoriker und Schriftsteller Francesco Spampinato und der Grafikdesigner und Kunstredakteur Julius Wiedemann. In ihrer Recherche für das Buchprojekt haben sie insgesamt 3000 Musikcover gesichtet, beginnend mit dem Jahr 1955 bis heute. So sind sechs Jahrzehnte Beziehung und Zusammenarbeit von Kunst und Musik dokumentiert, die gleichzeitig die Entwicklung der Kunstgeschichte in ihren verschiedenen Phasen von Modernismus, Pop-Art, Konzeptkunst, Postmodernismus und den Strömungen der Kunst nach dem Millennium aufarbeitet.

Ich selbst kann mich noch erinnern, dass man früher Stunden lang durch die Regalreihen der Plattenläden gestromert ist und nach neuen Scheiben gesucht hat, wobei der Kauf einer neuen Platte oft durch das besonders fantasievolle oder Kunst-affine Cover beeinflusst war. Wer erinnert sich nicht an die legendäre Stones-Scheibe mit dem Reißverschluss (Sticky Fingers) oder dem Gegenstück mit der Banane für Velvet Underground und Nico von Andy Warhol? Dabei hat der Großmeister der Pop-Art noch diverse andere Plattencover gestaltet, wie zum Beispiel für John Lennon, Paul Anka, Billy Squier, Diana Ross oder Aretha Franklin, heute alles Ikonographien der Pop-Art.

Nobuyoshi Araki: Album Cover BjörkNobuyoshi Araki: Album Cover Björk

Überhaupt liest sich der dicke Band wie das Who is Who sowohl der Musik- wie der Kunstgeschichte. Rund 270 Künstler alphabetisch aufgelistet versammelt das 450-seiten starke Buch. Darunter viele der absoluten Größen der Gegenwartskunst von Banksy, Keith Haring, Jeff Koons, Gerhard Richter, Robert Rauschenberg, Roy Lichtenstein bis hin zu Nobuyoshi Araki, Mike Kelley, Robert Mapplethorpe und Martin Kippenberger. Von Malerei über Collage zur Fotografie.

Abgebildet sind auch Cover, die lizenzierte Kunstwerke von René Magritte (Jeff Beck Group), Henry Matisse (Ella Fitzgerald) oder Pablo Picasso (Francesco Geminiani) zeigen. Dabei begann die Geschichte der visuell gestalteten Hülle mit dem US-Grafikdesigner Alex Steinweiss, der erstmals 1940 für Columbia Records ein illustriertes Cover entwarf.

1969 läutete David Bowie die Ära der Op-Art auf Plattenhüllen ein, indem er ein Gemälde von Victor Vasarely für "Space Oddity" nutzte. Andere Musiker arbeiteten reihenweise mit Künstlern zusammen, wie Damien Hirst, der mehrere Cover für The Hours (u.a. seine berühmten Totenschädel) oder Raymond Pettibon, der diverse Alben von Black Flag und OFF gestaltet hat

Raymond Pettibon: Album Cover Sonic YouthRaymond Pettibon: Album Cover Sonic Youth

Einige Künstler nutzten das Albumcover als Vehikel, um ihr Publikum zu schockieren, was in anderen Kunstsparten vielleicht weniger möglich gewesen wäre. So mischte etwa Andres Serrano für das Metallica-Album "Load" Sperma, Urin und Blut zusammen, um der einflussreichsten Metall-Band noch mehr Gehör zu verschaffen.

Genauso hat die rebellische Energie von Punk die Kunst inspiriert wie auch umgekehrt, wie wilde Arbeiten von Kunst-Enfants Terribles wie Albert Oehlen oder Martin Kippenberger belegen. „Sie trafen mit dem gleichen respektlosen Ethos auf die Musik wie auf die visuelle Kunst“, schreibt Francesco Spampinato in seinem Vorwort. „Die gleiche ungeformte Punk-Energie findet sich beim HipHop, dieser weiteren fruchtbaren Subkultur für Cross-Over-Projekte“. Straßenkünstler wie Jean-Michel Basquiat, Futura 2000 oder Keith Haring bemalten nicht nur Straßenwände und U-Bahnzüge, sondern schufen durch ihre Plattencover auch visuelle Identität. Aber auch die nachfolgende Streetart-Szene (Banksy und Shepard Fairey) fand ähnliche Inspiration in der Musik, während sie ihren Guerillaansatz gleichzeitig auf Hauswand und Plattencover verewigte.

Albert Oehlen: Album Cover Gastr Del SolAlbert Oehlen: Album Cover Gastr Del Sol

Diese und weitere Hintergründe, Anekdoten und wissenswerte Kuriositäten finden sich nicht nur im Vorwort, sondern auch in den Kurzbiografien zu Bands und Künstlern. Neben den gut gemachten Fotos helfen sie, den Überblick zu behalten. Darüber hinaus ergänzen Interviews mit Kim Gordon (Sonic Youth), Raymond Pettibon und Albert Oehlen den interessanten Textteil und geleiten durch diesen äußerst sehenswerten 450-Seiten Wälzer, der nicht nur etwas für Musikfans ist, sondern auch einem Spaziergang durch eine Kunstgalerie der Gegenwart gleicht.

Francesco Spampinato: Art Record Covers, (Hrsg.) Julius Wiedemann, Taschen Verlag Köln, 25.01.2017, 448 Seiten, Amazon.

Das Buch ist in den inhabergeführten Buchhandlungen Buchfink, Arno Adler, Langenkamp, maKULaTUR und Buchstabe erhältlich.

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.
Weitere Artikel

Kommentar schreiben
Wir freuen uns über konstruktive Kommentare, die die Nettiquette beachten. Unsere Autoren schreiben ehrenamtlich für "unser Lübeck". Bitte schreiben Sie nur, was Sie dem Gegenüber auch ins Gesicht sagen würden. Für ein kultiviertes Internet!

Unsere Kommentare werden moderiert! Wir bitten um Verständnis, dass wir Kommentare löschen oder nicht freischalten, die werblichen, strafbaren, beleidigenden oder anderweitig inakzeptablen Inhalts sind.