Diana Schweizer, Nadine Garling (c) B. Zarnack

„... so blickt der Krieg in allen Enden durch“
Lübeck im Kriegsalltag 1914 bis 1918

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Das Lübecker Stadtarchiv veröffentlicht seit vielen Jahren Forschungserträge, die Auskunft über die Stadtgeschichte geben. Der neueste Band 54 wurde von den Doktorandinnen Nadine Garling und Diana Schweitzer herausgegeben. Er trägt den Titel „… so blickt der Krieg in allen Enden durch“. In diesem Buch beschäftigen sich verschiedene Autoren mit dem Kriegsalltag in der Hansestadt in den Jahren 1914-1918.

Der Leiter des Stadtarchivs, Dr. Jan Lokers, der bei der Buchvorstellung zusammen mit Hans Wißkirchen und Cornelius Borck (Zentrum für kulturwissenschaftliche Forschung, ZKFL) das Buch vorstellte, erläuterte, dass über die Zeit des 1. Weltkrieges in Bezug auf die Stadtgeschichte Lübecks bisher wenig Wissen vorhanden ist. Die Zusammenarbeit des Stadtarchivs mit dem ZKFL eröffnet Doktoranden die Möglichkeit, auf diesem Gebiet (auch als Stipendiaten) zu forschen. Ziel ist es, Erkenntnisse für das gesamte 20. Jahrhundert zusammenzutragen, denn für diese Zeit besteht noch ein großer Forschungsbedarf – so Jan Lokers. In diesem speziellen Fall war auch der Verein für Lübeckische Geschichte an dem Projekt beteiligt.

Die Arbeit an dem Thema wurde von der Aufforderung an Familien der Hansestadt begleitet, dem Archiv Briefe, Dokumente und Fotos für die Forschung zur Verfügung zu stellen. Anlass war eine Tagung, die 2014 der 100. Wiederkehr des Kriegsbeginns gedachte. Durch diesen Aufruf an die Bürger der Stadt konnte das Stadtarchiv zum Beispiel Fotoalben und Feldpostbriefe aus der Zeit des 1. Weltkrieges aus privatem Besitz übernehmen. Die beiden Herausgeberinnen des Buches erhielten auf diese Weise zusätzliche Grundlagen für ihre Forschungen.

Der ebenfalls anwesende Historiker Christian Rathmer stellte seine Erkenntnisse über die Entwicklung der Wirtschaft Lübecks während des 1. Weltkrieges vor. Je länger der Krieg dauerte, desto schwieriger wurde die Versorgungslage der Bevölkerung. Lediglich mit Einschränkung galt diese Feststellung jedoch für diejenigen Betriebe in der Hansestadt, die direkt oder indirekt mit der Kriegswirtschaft zu tun hatten. Zwar standen immer weniger (männliche) Arbeitskräfte zur Verfügung – sie wurden durch Frauen und Kriegsgefangene ersetzt. Die kriegswirtschaftlich relevanten Betriebe jedoch, etwa Dräger (mit Gasmasken, Tauchrettern, Sauerstoffversorgung, Granatenzündern) und Possehl (Eisenerzimport und -verarbeitung), gewannen in den Kriegsjahren eine wichtige betriebswirtschaftliche Basis, auf der sie (auch) in den schwierigen Nachkriegsjahren aufbauen konnten. Es gab allerdings nicht nur erfolgreiche Betriebe; eine Reihe von Unternehmen in der Hansestadt blieb im Krieg auf der Strecke.

Die Historikerin Diana Schweitzer (Stipendiatin am ZKFL) beschäftigt sich in ihrem Beitrag zum Buch mit der Ernährungssituation im Ersten Weltkrieg in der Hansestadt und mit Fundstücken aus dieser Zeit; die Judaistin Nadine Garling, ebenfalls Stipendiatin, bearbeitete die Situation der jüdischen Gemeinde Lübecks, die offensichtlich in ihrer religiösen Führung zwischen Patriotismus und Ernüchterung hin- und hergerissen war.

Weitere Themen des Buches sind: Die lutherische Landeskirche und der Erste Weltkrieg (H. Buss), Die kriegspropagandistische Inanspruchnahme Emanuel Geibels (C. Volkmann), Lübeck im August 1914, Änderungen im öffentlichen Raum (A. Reitemeier), Das Infanterieregiment 162 im Ersten Weltkrieg und die Rezeption des Ersten Weltkriegs (W. Muth), Die Positionen der Gebrüder Mann im Ersten Weltkrieg (K. A. Richter)

Doktorandin Nadine Garling betonte, dass im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg noch vieles unerforscht sei, beispielsweise die Situation der Frauen und Kinder, die Versorgung der Hinterbliebenen und die Ereignisse der Novemberrevolution in der Hansestadt.

Nadine Garling, Diana Schweizer (Hg.): „…so blickt der Krieg in allen Enden durch“, Schmidt-Römhild, 8. November 2016 , 272 Seiten

Das Buch ist in den inhabergeführten Buchhandlungen Buchfink, Arno Adler, Langenkamp, maKULaTUR und Buchstabe erhältlich.

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