Mit dem Stinkefinger zum Erfolg
Ai Weiwei – Monografie über Leben und Werk des chinesischen Ausnahmekünstlers

Holger KistenmacherVon

Konzeptkünstler, Maler, Bildhauer, Architekt, Selbstdarsteller, Social-Media-Star, Fotograf, Filmemacher, Musiker, Dissident und vor allem Dorn im Auge des Regimes in Peking: Ai Weiwei, bekanntester zeitgenössischer Künstler der Volksrepublik China. Jetzt hat der Kölner Taschenverlag die erste allumfassende Monografie zu Leben und Werk des Aktivisten und Künstlers Ai Weiwei herausgebracht.

Angefangen mit impressionistischen Bildern, die niemand wollte, begann der junge chinesische Künstler Ai Weiwei, der 1981 seiner Freundin nach New York gefolgt war, sich für die Helden der Konzeptkunst wie Marcel Duchamp oder Andy Warhol zu interessieren. In der Idee von Duchamp, die Künstlerexistenz als eine Haltung, einen Lebensstil auszuleben, fand er seine künstlerische Identität. Doch der konkrete Durchbruch wollte nicht gelingen, obwohl Ai Weiwei reichlich Inspiration erfuhr.

Als er 1993 nach China zurückkehrte, weil sein berühmter Vater, der wegen seiner Texte bereits 1950 mitsamt seiner Familie in den unwirtlichen Norden des Landes verbannt wurde, schwer erkrankt war, konnten viele Freunde seinen Schritt kaum nachvollziehen. Erste illegale Ausstellungen mit gleichgesinnten einheimischen Künstlerkollegen wie Fuck off, die jederzeit von der Polizei geschlossen werden konnten, machten ihn in Kunstkreisen bekannt. Es folgten seine berühmten Stinkefinger-Fotografien, die er weltweit zwischen 1993 und 2011 vom Pekinger Tianamen-Platz bis zum Weißen Haus in Washington von seinem gestreckten Mittelfinger mit berühmten Orten im Hintergrund von sich gemacht hatte. Inspiriert hatte ihn übrigens ein Werbeplakat mit verbundenem Zeigefinger, das vor dem Abbrennen von Feuerwerkskörpern warnen sollte.

Doch der richtige Durchbruch in der internationalen Kunstszene gelang 1999, als ihn Harald Szeemann zur Biennale nach Venedig eingeladen hatte. Heute kennt man Ai Weiwei nicht nur als Künstler, sondern auch als politischen Aktivisten, der mit seinen sozialen Aktionen und Performances seinen Finger in die Wunden seines Landes legt.

Die jetzt aktuell erschienene Monografie entstand in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler selbst vor Ort in seinem Atelier und mit direktem Zugang zu seinem Privatarchiv. Auf über 600 Seiten sind unzählige Fotos von ihm selbst, seinen Werken und von seinen diversen Ausstellungen und Performances weltweit zu sehen und teilweise von ihm selbst kommentiert. Herausgegeben von Hans Werner Holzwarth mit Texten von Documenta-Kurator Roger M. Buergel, den China-Kennern William A. Callahan, James L. Lally und Carlos Rochas und dem Kunstsammler Uli Sigg ist eine Gesamtausgabe aus Kunst, Leben und Gedankenwelt dieses außergewöhnlichen Künstlern entstanden.

Heute ist Ai Weiwei einer der bedeutendsten Künstler der Gegenwartskunst. Ausgehend von seiner ihn prägenden Begegnung mit Konzeptkunst und Appropriation Art in New York, wo er Skulpturen aus Alltagsgegenständen baute und unzählige Dokumentarfotos machte, waren es hauptsächlich seine sozialen Aktionen und Performances sowie seine Objektkunst, die ihn zum weltweit führenden Konzeptkünstler machten, aber auch ins Gefängnis brachten. Spätestens seit er 2011 für 81 Tage von der chinesischen Polizei inhaftiert wurde, ist er auch einer breiten, kunstfernen Weltöffentlichkeit bekannt, und zwar als Social-Media-Phänomen, politischer Aktivist und Künstler, der für das Recht auf freie Meinungsäußerung und individuelle Selbstentfaltung in China kämpft.

Für Fairytale brachte er 2007 zur Documenta in Kassel 1001 Chinesen aus allen Schichten und Regionen des Landes mit zur Ausstellung. Zwar wurde seine riesige Skulptur aus historischen chinesischen Türen, die er in die Kasseler Auen gestellt hatte, von einem Sturm in sich gedreht und umgeweht, aber der umtriebige Künstler erklärte das Ergebnis kurzerhand als noch besser als gedacht.

In der Londoner Tate Modern ließ Ai Weiwei 100 Millionen in China aus Porzellan gefertigte Sonnenblumenkerne auf dem Boden auslegen, um über Individium und Masse zu reflektieren. Die Außenwand des Münchner Hauses der Kunst tapezierte er mit chinesischen Schriftzeichen, gestaltet aus Kinder-Schulranzen, die auf die Tragödie des Erdbebens in der Provinz Sichuan verwiesen, wo Tausende, meist Schulkinder, in eingestürzten Gebäuden und Schulen getötet wurden, weil korrupte Bauherren, geschützt durch ebensolche Politiker, miese Materialien verwendet hatten. Dazu gab es eine Bodeninstallation aus verbogenen Armiereisen, die er aus Schutthalden bergen ließ. Für diesen Protest wurde er von örtlichen Polizeischergen zusammengeschlagen und erlitt dabei eine lebensgefährliche Kopfverletzung, wie sich bei einer späteren medizinischen Untersuchung seines lädierten Schädels herausstellte.

Selbst seine Inhaftierung in China, wo er buchstäblich für 81 Tage verschwunden war und erst nach weltweiten Protesten und Aktionen für seine Freilassung aus dem Gefängnis kam, verarbeitete er in dem Kunstprojekt S.A.C.R.E.D. So zeigte er 2013 bei der Biennale in Venedig in einer Kirche große graue Kästen, in die man durch kleine Guckfenster schauen konnte. In verschiedenen Stationen war zu sehen, wie er als fast menschengroße Figur dargestellt, rund um die Uhr von zwei Polizisten sowohl beim Essen, Lesen, Schlafen oder auf Toilette beobachtet und bewacht wurde.

Gleichzeitig vertrat er Deutschland mit einer riesigen Skulptur aus alten chinesischen Hockern im deutschen Pavillon auf der Biennale. Das zeigt, dass Ai Weiwei in den letzten Jahren immer stärker aktuelle Themen ins Visier nahm, erst in seiner Kunst und dann später über die sozialen Medien. Insofern ist die vorliegende Monografie ein historisches Dokument, das belegt, wie sich Ai Weiwei als private Person, Künstler und Aktivist in den letzten Jahren, selbst als er nicht reisen konnte, weil man ihm den Pass abgenommen hatte, zu einer untrennbaren Einheit entwickelt hat, die mittlerweile seine weltweite Anerkennung findet.

Ai Weiwei, Monografie, Herausgegeben von Hans Werner Holzwarth, Taschen Verlag Köln, Februar 2016, 600 Seiten.

Das Buch ist in den inhabergeführten Buchhandlungen 
BuchfinkArno AdlerLangenkampmaKULaTUR und Buchstabe erhältlich.

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.
Weitere Artikel

Sie haben keine Berechtigung hier einen Kommentar zu schreiben.