Merle Kröger, Foto: (c) Rainer Schleßelmann

Herbstzeit – Lesezeit

Holger KistenmacherVon

Manchmal wundert man sich, wie schnell ein Buch durchgelesen ist. Mir ist das bei meinem letzten Marokko-Trip passiert. Ich war drei Wochen unterwegs in einem äußerst spannenden und interessanten Land voller Sehenswürdigkeiten, großartiger Natur, freundlicher Menschen – also volles Programm, eigentlich. Trotzdem habe ich nebenbei mehrere ziemlich dicke Bücher gelesen, denn Zeit zum Lesen gibt es immer. Ob nun am Strand von Essaouira, auf der Dachterrasse meines Riads in Marrakesch oder auf der Sanddüne am Rande der Sahara.

Stundenlanges Lesen ist doch so viel schöner als immer in die Glotze schauen, besonders jetzt, wo es draußen stürmt und gießt. Also schnell die Flimmerkiste ausgeschaltet und ein gemütliches Eckchen zum genüsslichen Schmökern gesucht. Diesmal habe ich fünf Bücher ausgewählt, in denen es auf die eine oder andere Art irgendwie immer um Leben und Tod geht, mal als Krimi, mal als Autobiografie, dann wiederum als subtiles Kammerspiel oder als existenzialistisches Drama um Schuld und Sühne.

Beginnen möchte ich meine Herbst-Lese-Tipps mit dem Bestseller-Krimi Havarie von Merle Kröger. Dieser Roman ist absolut auf der Höhe der Zeit, denn er thematisiert das Flüchtlingselend im Mittelmeer aus der Perspektive von vier Schiffen und elf unterschiedlichsten Protagonisten. Ausgangspunkt dieses grandiosen Stücks dezidiert politischer Literatur im Gewand eines spannenden Kriminalromanes war ein Video, welches die 1967 in Plön geborene Autorin und Filmemacherin zufällig gefunden hatte. Darin war ein Flüchtlingsboot zu sehen, gefilmt von einem Touristen von Bord eines Kreuzfahrtschiffes, nur wenige Kilometer vor der spanischen Küste. Daraufhin recherchierte Merle Kröger zwei Jahre lang im Mittelmeerraum, reiste auf einem Luxusliner, einem Rettungskreuzer und einem Frachter und traf dabei auf ganz unterschiedliche Menschen und Schicksale. Sie erlebte eine Welt, in der einerseits betuchte Menschen zum Vergnügen auf Luxusdampfern herumschippern, andererseits verzweifelte Menschen in kaum seetüchtigen Seelenverkäufern oder Schlauchbooten versuchen, auf der Flucht vor Krieg und Elend einen sicheren Hafen in Europa zu erreichen. Wenn diese Welten aufeinanderprallen, wird es unbequem. Es geht um Verlustängste, Verantwortung, Solidarität und Gerechtigkeit, um Leben und Tod. Das Mittelmeer wird zum Fokus globaler Konflikte.  

In Havarie geht es um die fiktive Geschichte einer schicksalhaften Begegnung auf dem Meer, erzählt aus der Perspektive von elf Menschen aus aller Welt. Im Hafen von Oran/Algerien liegt der alte Frachter Siobhan aus Dublin zum Auslaufen bereit. Der ukrainische Ingenieur Oleksij Lewtschenko überwacht das Zollprozedere. An Bord des Kreuzfahrtschiffes turteln die nepalesische Sicherheitsoffizierin Lalita Masarangi und der philippinische Schiffsmusiker Joseph Quezon, bis er unter mysteriösen Umständen verschwindet. Unter den Passagieren befindet sich eine deutsch-jüdische Dame, die einst aus ihrer Heimat flüchten musste. Das Kreuzfahrtschiff kollidiert beinahe mit einem Boot voller Flüchtlinge, besetzt mit Menschen aus Syrien, aber an Bord dürfen sie nicht. Ein Seenotrettungsschiff aus Cartagena in Spanien wird zu Hilfe gerufen, doch die Hoffnung auf Rettung und ein besseres Leben für den kranken Flüchtling Marwan Fakhouri und den algerischen Bootsführer schwindet. Ihre Geschichten kreuzen sich mit denen der anderen Reisenden, wie auch sich die Wege des irischen Frachters mit dem des Rettungskreuzers überschneiden. In einem Interview sagte Kröger, dass es ihr um Menschen, um ihre Biografien mit den persönlichen Brüchen, Spuren von Verfolgung, Ausbeutung, Flucht und Krieg geht. „Was nützt es uns, wenn wir Bilder sehen von 400 Menschen, von 500 Menschen, von 1000 Menschen, aber vergessen haben, dass jeder einzelne Mensch eine Zukunft und eine Vergangenheit hat und einen Namen?“

Bei dieser Kollision mit der Wirklichkeit verwebt sie virtuos verschiedene Spannungslinien zu einem dichten Geflecht von Erzählsträngen globaler Ungerechtigkeit. Ihr gelingt in dem fesselnd und elegant konstruierten Roman der Spagat zwischen Fiktion und Realität und kaum ein Leser kommt umhin, zukünftig die Menschen hinter den brutalen Nachrichtenbildern näher an sich heranzulassen.

Merle Kröger: Havarie, Argument-Verlag, Hamburg, September 2015, 240 Seiten


ImageImageAuch in meinem zweiten Buchvorschlag geht es um Flüchtlinge, diesmal aus Eritrea. Das Buch Löwen wecken stammt aus der Feder der israelischen Schriftstellerin Ayelet Gundar-Goshen (*1982). In ihrem zweiten Roman entfaltet die Autorin und Psychologin ein Panorama moralischer Fallstricke, stellt große Fragen nach Schuld und Sühne, Machtmissbrauch und dem Wert eines Menschenlebens. 

In Israel gibt es einen heißen Wüstenwind, den Chamsin, von dem es heißt, er habe Auswirkungen auf die menschliche Seele und es gebe Chancen auf Freispruch, wenn man während des Chamsins einen Mord begehe. Der Neurochirurg Etan Grien ist von seiner Frau Liat mit sanfter Energie gezwungen worden, mit ihr in die rasch wachsende Wüstenstadt Beér Scheva zu ziehen, wo an windigen Tagen buchstäblich alles von Wüstensand bedeckt wird, die Landschaft, die Menschen und die Seelen. Sie ist eine tüchtige Polizistin und kümmert sich liebevoll um die beiden bezaubernden Kinder. Als Belohnung für den ungewollten Umzug kauft sich Etan einen PS-starken, schönen, stabilen, deutschen Jeep, mit dem er nachts Rallyes durch die Dünen der Wüste fahren kann. Eines Nachts, nach einem anstrengenden Kliniktag, tut er das und tötet dabei versehentlich einen Mann aus Eritrea, einen illegalen Flüchtling. Am Wagen, typisch deutsche Wertarbeit, ist kein Kratzer zu sehen und dem sterbenden Verkehrsopfer ist nicht mehr zu helfen, wie er als Arzt schnell beurteilen kann. Also verlässt er ihn und fährt heim zur Familie. Am nächsten Morgen steht eine schöne, schwarze und stolze Frau vor seiner Tür und sagt: „Sie haben ihre Brieftasche verloren.“ Das ist der Moment, in dem sich im Leben von Etan alles ändert. Als Leser muss man scharf durchatmen und weiß, dass einen die Geschichte jetzt nicht mehr loslassen wird.

Die Eritreerin, Sirkit, macht Etan das Angebot zu schweigen, wenn er als Gegenleistung dafür illegale Flüchtlinge, die ihre mannigfaltigen Verletzungen und Krankheiten nicht im Krankenhaus kurieren können, behandelt und kostenlos versorgt. So erfindet er ein Gespinst aus Lügen und Ausreden, um Abend für Abend unter hygienisch miserablen Bedingungen in einer schäbigen Werkstatt verwundete, kranke, infizierte, schwangere oder verprügelte Immigranten zu behandeln. Währenddessen beginnt seine Ehefrau Liat zu ermitteln, aber Etan kann ihr nicht sagen, was er angerichtet hat, weil er befürchtet, dann alles zu verlieren, was er liebt.

Ausgehend von dieser ethisch-moralischen Zwickmühle, gelingt es der praktizierenden Psychologin, den Leser in einen Sog aus Identifikation und Abscheu, Schuld und Sühne zu ziehen. Nebenbei zeichnet sie ein realistisches und gut nachzuvollziehendes Bild der sozialen und politischen Hierarchien Israels, welches sich aber auch leicht auf unsere Gesellschaft übertragen ließe. Die konkreten Unstimmigkeiten zwischen Israelis, Beduinen und Eritreern bettet sie geschickt in den Kontext übergreifender moralischer, zwischenmenschlicher Themen ein. Dabei hält sie bis zum Ende die Spannung hoch und beschreibt die dramatische Geschichte in eindringlicher, mal nüchterner, mal poetischer Sprache. Ein Roman mit Sogwirkung, der einen bis zur letzten Seite fesselt.

Ayelet Gundar-Goshen: Löwen wecken, Kein & Aber Verlag, Zürich, Februar 2015, 432 Seiten.

ImageImageZur Abwechslung nun ein Krimi der lustigen, skurrilen Art von Christopher Brookmyre, den ich bereits schon 2014 mit seinem Roman Angriff der unsinkbaren Gummienten vorgestellt habe. In dem bereits 2013 erschienenen Krimi Die hohe Kunst des Bankraubs geht es um eine Truppe Straßenartisten, die sich als gewiefte Ganoven entpuppen, die in Wahrheit aber echte Künstler ihres Faches sind. Fünf Artisten mit Clownsmasken, die sich durch eine Fußgängerzone albern, wirbeln sich bis in die Schalterhalle einer Glasgower Bank, bis plötzlich alle Waffen in der Hand haben und der Anführer höflich verkündet: „Herzlich willkommen, meine Damen und Herren, Sie nehmen teil an einem Banküberfall.“ Das erinnert alles ein bisschen an Ocean's Eleven und sollte möglichst bald selbst verfilmt werden.

„Einer der Clowns war ein Liliputaner (Michelle fiel die aktuell politisch korrekte Bezeichnung nicht ein, aber in ihrem Zustand musste alles außer Giftzwerg als zuvorkommend höflich gelten), der mit kunstvollen Saltos zwischen zwei anderen in der Truppe hin- und herflog und immer wieder mit dem Fuß in ihren verschränkten Händen landete. Die meisten Kunden waren bedauerlicherweise begeistert.“ Doch die Bankräuber sind nicht nur Akrobaten, sie unterhalten ihr Publikum, das sie als Geisel genommen haben, mit einer Theatervorstellung von Warten auf Godot. Die Begeisterung hält sich auch beim Leser, denn Brookmyre schafft es mit seinem literarischen Trickbetrug allererster Güte, einen Krimi zu komponieren, der aus allen Regeln platzt. Das Buch ist voller genialer Dialoge, irrwitziger Situationen, scharf umrissener Helden und einer Geschichte, die sich immer wieder um 180 Grad dreht, wenn man gerade den Faden gefunden zu haben scheint. Mal sitzt der Leser scheinbar direkt in der Handlung, dann wiederum wird das Geschehen aus verschiedenen Perspektiven vorangetrieben - das alles in einem frechen, respektlosen Ton, wie die Leute denken, es aber nicht aussprechen würden.

Hinzu kommt, dass Brookmyre mit Zal Innez einen Helden schafft, der selbst gezwungen wurde, die Bank zu überfallen, dies aber auf einzigartige Weise tut und darüber hinaus seine eigentlichen, viel weiter gehenden Ziele nicht aus dem Auge verliert. Es geht um ein mexikanisches Drogenkartell, Kunstraub, Terrorismus, christliche Fundamentalisten und die Glasgower Rivalität der städtischen Fußballclubs der Celtics und der Rangers. In dieser unwirklichen Szenerie aus Slapstick und ernsthaften und teils sehr harten Verbrechen baut der Autor eine schicksalhafte Begegnung zwischen Bankräuber und Polizistin ein, die gegen ihren Willen in den genialen Fluchtplan verwickelt wird. Ein scharf satirisches, beißend witziges, packend und unheimlich unterhaltsames Buch, das vom gelungenen Timing und einem angemessen kunstvollen Ende lebt.

Christopher Brookmyre: Die hohe Kunst des Bankraubs, Galiani Verlag Berlin, September 2014, 384 Seiten.

ImageImageMein vierter Buchtipp ist ein subtiles Kammerspiel, dreht sich um den Tod und spielt auf einem Traumschiff. Dem in Berlin lebenden und 1955 geborenen Autor, Alban Nikolai Herbst gelingt dabei ein poetisch geistreicher und humorvoller Abgesang auf das Sterben. Es geht um den 69-jährigen Gregor Lanmeister, der als Ich-Erzähler in unzähligen Kladden einen voluminösen, ausführlichen Bericht verfasst. Darin erzählt er der Adressatin, der jungen ukrainischen, nur englisch sprechenden Klavierspielerin Kateryna, der er diverse Kosenamen gibt, von seinem Leben, der Zeit und dem Meer. Lanmeister ist einer von 144 „Traumschiff“-Passagieren, die das „Bewusstsein“ haben. Neben ihnen sind noch viele andere Passagiere an Bord, aber sie sind die einzigen, die nie mehr das Schiff verlassen werden. Sie bleiben, um zu gehen.

Der gesamte Roman ist ein innerer Dialog, denn Lanmeister spricht nicht mehr, aber er schreibt. Die Kladden sind weniger Tage-, denn Logbücher mit den vermeintlich exakten Reisekoordinaten des Schiffes, die als Kapitelüberschriften die Reise und ihre Ereignisse dokumentieren. Passagiere kommen und gehen und werden keines Wortes gewürdigt. Ganz anders die Gesellschaft der 144 „Bewusstseinsmenschen“, eine eigenwillige Gruppe von Persönlichkeiten, die als „Sterbegesellschaft“ intensiv und persönlich besprochen wird. Da gibt es den Monsieur Bayoun – einen Lehrmeister und Freund, der Lanmeister ein geheimnisvolles Spiel hinterlässt, ein Mah-Jongg-Spiel, auch Sperlingsspiel genannt, das aus 144 Steinen besteht. Hinzu kommt seine heimliche Liebe, seine Dulcinea, die russische Pianistin, die er aus der Ferne anhimmelt und zärtlich Lastotschka, Schwalbe, nennt. Dazu kommen die freche und dralle Frau Seifert, der schrullige und Wein trinkende Clochard zur See, die Senora Gailint, die Ärzte Doktor Samir und Dr. Björnsen, Tolsoi und seine Frau, Mister Gilburn mit seiner Lady Porto, Pattrik, Buffalo Bill und die als Zimmermädchen verkannte Schwester Tatiana. Folgt der Leser zunächst noch den poetischen Beschreibungen des Meeres, der Delfine und Mantas, die zu Feen werden, sowie den detaillierten Verläufen von Wolken, Wind und Wetter, so stutzt man, wenn Lanmeister sich wundert, dass die Kabine als Zimmer bezeichnet wird und der Überseeclub zum Frühstücksraum wird. Daneben gibt es vier Kühlzellen für die Toten an Bord. Als Tatiana, die Kellnerin, Lanmeister plötzlich waschen will, auch unten herum, was ihm peinlich ist, dämmert es so langsam: Das Traum- oder Totenschiff ist eigentlich ein Alters- oder Pflegeheim. Das Meer ist Traum und Illusion, die Reise endet mit dem Tod. Aber die Sehnsucht bleibt, denn Lanmeister ist weder dement noch geisteskrank, er träumt sich nur in seine phantastische Welt der Imagination. Das Ganze erinnert teilweise an den Zauberberg von Thomas Mann, schwelgt zwischen Realität und Entrücktheit, ist voller Humor und groteskem Pathos, aber ist mitunter auch langatmig und zäh. Das Buch verlangt vom Leser Ausdauer und Konzentration, beschenkt ihn aber auch mit poetischen Bildern und fast schon philosophischen Einsichten. Es lohnt sich.

Alban Nikolai Herbst: Traumschiff, Marebuchverlag, Hamburg, August 2015, 319 Seiten.

ImageImageEin ganz anderes literarisches Kaliber ist der autobiografische Roman des Schweizer Schriftstellers Claude Cueni: Script Avenue. Der erfolgreiche Drehbuchautor von deutschen Krimiserien wie Tatort und Eurocops, Verfasser von Historien-Romanen und Erfinder von Computerspielen, schreibt, um das eigene Sterben zu vergessen. Als Meisterwerk und großartige Lebensbilanz gefeiert, gelingt ihm mit dem unglaublich phantasievollen, eindringlichen und humorvollen Roman Script Avenue eine Art Pulp Fiction in Buchform. Seine Rückschau auf sein teils desaströses, aber oft komisches Leben beginnt mit der niederschmetternden Diagnose seiner Ärzte: akute Leukämie. „Der 8. Juli 2009 versprach ein sonniger Tag zu werden. Ich wachte mit einem Lächeln auf, stieg aus dem Bett – und fiel wie ein Stein auf die Knie. Meine Arme waren eingeknickt, der Kopf schlug auf dem Steinboden auf.“ Die Folge sind Monate auf der Isolierstation im Spital, Bestrahlung und Chemotherapie, währenddessen er im Kopf sein Leben Revue passieren lässt.

Aus der Perspektive seines sechsmonatigen Krankenlagers erinnert er sich an seine mehr als abenteuerliche Lebensgeschichte, die ihren Anfang in einem von religiösem Wahn, sexuellen Zwängen und Gewalt geprägten Milieu im schweizerischen Jura nimmt. Weil seine Mutter bei der Geburt fast stirbt, wird er zur Großmutter gegeben, wächst in einer Schraubenkiste auf. Mit viel Selbstironie und ohne den geringsten Funken Political Correctness schreibt Claude Cueni von seinem Überlebenswillen, seinem Schreibzwang, dem Tod seiner ersten Frau, über die Liebe im Allgemeinen und zu seinem spastischen Kind im Besonderen, über schlaflose Nächte, herzzerreißende Abschiede und über das Glück. Immer wieder träumt, flüchtet er sich in die Phantasiewelt der Script Avenue, um seinem Leid zu entkommen. Als kunstvoller Griff geschieht dies über Filme und Musik, die sein Leben von Anfang an begleitet haben – ein opulentes Gemälde von den sechziger Jahren bis in die Gegenwart. Cueni ist sich der Ausuferung bewusst, kein Wunder bei 640 Seiten, thematisiert dies aber charmant und äußerst glaubwürdig. Immer wieder wendet er sich direkt an den Leser und dankt ihm für die Geduld und die wertvolle Aufmerksamkeit. „Von der Schraubenkiste bis zum Millionär war es natürlich ein weiter Weg. Deshalb hat dieses Buch so viele Seiten.“ Man kann dem Autor auch nicht böse sein, denn obwohl die Geschichte gespickt ist mit Gewalt und historischen Abschweifungen, verlässt ihn nie der Humor. Sein Tableau an Figuren reicht von Fremdenlegionären, Krebskranken, Roulettespielern, Pädophilen, Heldenfiguren, Römern, Westernhelden bis hin zu Hongkonger Nächten und der New-Economy-Blase. Seine magische Welt, sein Paradies im Kopf ist die Script Avenue, wo all die Figuren und Schauplätze ihren Anfang nahmen. Sie ist die einzige Möglichkeit für Cueni, die gehasste Realität zu verlassen. Aber das Schreiben hat ihn schlussendlich gerettet. Trotz seiner diversen Schicksalsschläge verhilft es ihm, sein Leben zu ertragen. Und das gelingt ihm mit einem Feuerwerk an Komik und Desaster und eine alle Sinne bezaubernde Betrachtung über die Kürze des Lebens, die Vergänglichkeit aller Dinge und die Versöhnung mit dem Tod.

Claude Cueni: Script Avenue, Wörterseh-Verlag, Schweiz, Mai 2014, 638 Seiten.

Die Bücher sind in den Lübecker Buchhandlungen Arno AdlerLangenkampmaKULaTURCatarina RexAntiquariat Tautenhahn und Rathaus-Buchhandlung erhältlich.

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.
Weitere Artikel

Kommentar schreiben
Wir freuen uns über konstruktive Kommentare, die die Nettiquette beachten. Unsere Autoren schreiben ehrenamtlich für "unser Lübeck". Bitte schreiben Sie nur, was Sie dem Gegenüber auch ins Gesicht sagen würden. Für ein kultiviertes Internet!

Unsere Kommentare werden moderiert! Wir bitten um Verständnis, dass wir Kommentare löschen oder nicht freischalten, die werblichen, strafbaren, beleidigenden oder anderweitig inakzeptablen Inhalts sind.