Patti Smith und Robert Mapplethorpe

Patti Smith
Just Kids - Die Geschichte einer Liebe

Holger KistenmacherVon

Mit Just Kids hat Patti Smith, die große, mittlerweile 63jährige alte Dame der New Yorker Punkbewegung der 60er und 70er Jahre, eine berührende Liebesgeschichte und Biografie geschrieben. Mit großer Offenheit, Humor, Authentizität und Wärme berichtet sie in ihrer eigenen, teils rotzigen, teils lyrisch kraftvollen Sprache von ihrer Liebe zu Robert Mapplethorpe, einem der großartigsten und einflussreichsten Fotografen des letzten Jahrhunderts und ihren gemeinsamen wilden Zeiten in einer Epoche von Love and Peace, Drogen und Sex, Freiheit und Revolution.

Begonnen hatte alles im Jahre 1967, in einem Sommer, als die ersten Hippies den "Summer of Love" proklamierten, John Coltrane starb, Jimi Hendrix in Monterey seine Gitarre in Brand steckte und China die erste Wasserstoffbombe testete. Zufällig liefen sich die beiden in New York über den Weg. Beide nahezu mittellos, aber entschlossen, Künstler zu werden. Mapplethorpe, genauso wie Patti Smith waren junge Zwanzig, beseelt von Freiheit und Leichtigkeit, auf der Suche nach Abenteuer und der kreativen Sucht, etwas ganz neues zu schaffen. Es begann eine intensive Liebesbeziehung, die sich später zu einer lebenslangen Freundschaft entwickelte bis zum dramatischen Tod von Robert Mapplethorpe im Jahre 1989.

Die beiden "Montagskinder" - beide sind an einem Montag im Jahre 1946 geboren - hatten ihre Kindheit und Jugend abrupt beendet. Smith war ungewollt schwanger geworden und mußte ihr Kind zur Adoption freigeben. Mapplethorpe befreite sich aus einer militärisch-katholischen Erziehung und ging mit einem Kunststipendium an das Pratt-Institut nach New York. Als er auch dieses schmiss, war er genauso wie Patti Smith ohne Einkommen, eigener Unterkunft und regelmäßiger Nahrung, aber frei und nur dem unbändigen Willen verpflichtet, ein großer berühmter Künstler zu werden. Gemeinsam schlugen sie sich mit Gelegenheits-Jobs als Kellner, Buchladen-Kassiererin, Kartenabreisser im berühmten Filmore East oder Stricher durchs Leben. Dabei beschützten und unterstützten sie sich gegenseitig, inspirierten sich in ihrer Kunst und gaben sich Halt in schwierigen Zeiten. "Wir waren zu jung, um uns Sorgen zu machen. Ich war glücklich, einfach nur frei zu sein".

Während Robert unter Drogeneinfluss malte und erste Fotos schoss, schrieb Patti, von Dichtern wie Tom Verlaine oder Rimbaud beeinflusst, erste Gedichte und zeichnete. Sie liebte Dali, Picasso, Modigliani und Dubuffet. Sie und Robert sahen sich wie Schöpfer und Muse, wie ihre Vorbilder Diego Rivera und Frida Kahlo. Auch Musik spielte eine große Rolle. Auf ihrem alten Plattenspieler liefen John Lennon, Bob Dylan, Joan Baez, Vanilla Fudge, Tim Buckley und Tim Hardin. Bei seinem Job als Kartenabreisser sah Mapplethorpe im berühmten Filmore East die aufkommende Janis Joplin und verschaffte Patti, die eigentlich nie Geld für Konzerte oder Kinobesuche hatte, die Möglichkeit, die Doors mit ihrem charismatischen Sänger Jim Morrison zu sehen. "Als ich Jim Morrison beobachtete, spürte ich: Das kann ich auch". Obwohl sie bis dahin keinerlei musikalische Erfahrung gemacht hatte, dürfte dies der Beginn ihrer großartigen Musikkarriere gewesen sein.

Als Robert und Patti dann in das berühmte Chelsea Hotel zogen und sich ein winziges Zimmer teilten, wohnten sie Tür an Tür mit Janis Joplin, Allen Ginsberg, Jimi Hendrix, Sam Shepard, William S. Burroughs oder Tod Rundgren. Patti taucht ein in die Welt der Rockmusik und Robert macht sich auf die Suche nach sich selbst. Er durchläuft mehrere Häutungen, wie es Patti ausdrückt, sowohl künstlerisch als auch emotional. Er beginnt, seine Homosexualität zu entdecken und auszuleben. Gleichzeitig radikalisiert sich seine Kunst, sowohl ästhetisch wie politisch. Die Fotografie übernimmt das Ruder. Später sorgt er mit seinen sexuell aufgeladenen Inhalten für
Aufsehen und Kontroversen. Robert geht nach San Francisco, um seine schwulen Phantasien auszuleben und Patti erobert die Musikbühnen von New York. Ihre erste LP Horses schlägt ein wie eine Bombe und beeinflusst Generationen von Musikern der Rock und Punkszenerie. Barfuss und wild rotzend tobt sie über die Bühne des angesagtesten Ladens, dem CBGB.

Zwar gehen die beiden jetzt nicht mehr gemeinsame Wege, die Sexualität endet, aber ihre Freundschaft und Liebe bleibt ein Leben lang. Auch in der Kunst bleiben sie verbunden, Mapplethorpe schießt mehrfach die Fotos für Pattis Plattencover. 1980 heiratet Patti Smith den Musiker Fred Sonic Smith in Detroit, mit dem sie einen Sohn und eine Tochter bekommt. Sie zieht sich aus dem Musik-Business zurück und widmet sich ausgiebig ihrer Familie. Über ihren mittlerweile verstorbenen Ehemann schreibt Patti: "Er war ein König unter den Menschen, und die Menschen wußten das". Im September 1986 wird bei Robert Mapplethorpe Aids diagnostiziert. Er hängt am Leben und kämpft über drei Jahre gegen die tödliche Krankheit. Leider sind zu diesem Zeitpunkt noch keine wirklich hilfreichen Medikamente auf dem Markt. Die Entwicklung der hochwirksamen Combitherapie, die heute viele Leben rettet, kommt für ihn um Jahre zu spät. Am 9. März 1989 stirbt Robert Mapplethorpe in einem New Yorker Krankenhaus. Und Patti Smith verabschiedet sich mit einem letzten Song von ihm:

Little emerald bird wants to fly away
If I cup my hand, could I make him stay?
Little emerald soul, little emerald eye
Little emerald bird, we must say goodbye


Patti Smith: Just Kids - Die Geschichte einer Feundschaft, KiWi-Verlag, März 2010, Amazon

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.
Weitere Artikel

Sie haben keine Berechtigung hier einen Kommentar zu schreiben.