Erich Mühsam
Lübecker, Anarchist und feinsinniger Dichter

Wolfgang BremerVon

Das erste Mal horchte ich auf, als mein Sohn mir während seiner anarchistischen Phase von Erich Mühsam erzählte. Mit dem sollte man sich beschäftigen, meinte er.

Und das Lesen seiner Bücher macht sogar Spaß! Erich Mühsam, den Namen hatte ich auch vorher schon gehört, ja klar, aber einordnen konnte ich ihn kaum. Bei unserem Besuch des Konzentrationslagers Oranienburg am nördlichen Rand von Berlin tauchte der Name dann wieder auf. Ein Anarchist, ein Kabarettist, ein fleißiger Schriftsteller – und obendrein stammte er aus Lübeck.

„Sich fügen heißt lügen“ ist mit Sicherheit die berühmteste Zeile aus Mühsams umfangreichem Werk. Am bekanntesten dürften heute seine kabarettistischen und satirischen Gedichte sein. Aber auch die anderen Texte sind immer noch und gerade heute wieder angesichts des zunehmenden Rechtspopulismus ausgesprochen wichtig: seine politischen Artikel, die er unermüdlich in den beiden von ihm herausgegebenen Zeitschriften „Kain“ und „Fanal“ publizierte, seine Autobiographie „Unpolitische Erinnerungen“ und nicht zuletzt seine skurril-witzige „Tanthologie“ mit dem Titel „Die Psychologie der Erbtante“.

Erich Mühsam wurde 1878 geboren und war damit gerade mal drei Jahre älter als Thomas Mann. Sind die beiden sich wohl ab und zu über den Weg gelaufen, frage ich mich und stelle mir solch ein Zusammentreffen vor. Vielleicht vor dem Burgtor oder bei der Marienkirche. Oder in der Mengstraße? Geboren wurde Erich Mühsam aber gar nicht in Lübeck, sondern in Berlin. Aber schon während seines ersten Lebensjahres zog die Familie nach Lübeck, um hier eine Apotheke zu betreiben.

Mühsam flog vom Katharineum und machte sein Abitur in Parchim. Während seiner Apothekerlehre ging er nach Berlin und später nach München, wo er sich in der dortigen Bohème in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg anscheinend sehr wohlfühlte und regelmäßig im Kabarett auftrat. Ein Prophet des freien Lebens und der freien Liebe. Nach dem Krieg setzte er sich aktiv für die Münchner Räterepublik ein und wurde nach deren Sturz wie viele andere in Festungshaft genommen. 1924 kam er frei und zog nach Berlin, wo er seine publizistische und politische Arbeit wieder aufnahm.

 Noch in der Nacht des Reichstagsbrandes wurde Erich Mühsam verhaftet und verschleppt. Er stand ganz oben auf den Listen der Nazis. Etwas mehr als 14 Monate später wurde er nach endlosen Torturen und Folterungen in mehreren Konzentrationslagern und Gefängnissen in der Nacht auf den 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg von der SS ermordet. Günter Grass beschreibt dies in seinem Buch „Mein Jahrhundert“ und setzt Mühsam damit ein kleines literarisches Denkmal.

Dazu ein Veranstaltungshinweis: Am Mittwoch, den 17. April 2019 um 19.00 Uhr veranstaltet Dreas Stuv Kultur Unterwegs in Lübeck im SOFA, St. Annen-Str. 1, einen Erich-Mühsam-Abend mit Texten, Musik, Fotos und Informationen. Reservierungen unter Tel. 0151/10993438
Mühsam, Lübeck und das Kabarett der 20er Jahre

Foto: Erich Mühsam, Wikimeda Commons

Wolfgang Bremer
Wolfgang Bremer
Wolfgang Bremer, Jahrgang 1959, Autor, Vortragskleinkünstler und Personalmanager, empfindet die 70er Jahre als ausgesprochen prägend für sich und seine Generation. Weiterer Schwerpunkt: gestaltet Abende über die 20er Jahre (Kästner, Tucholsky, Fallada, Mühsam, Ringelnatz)
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