Liv Lisa Fries (Charlotte Ritter), Foto: Babylon Berlin

Charlotte Ritter und Co.
Starke Frauen der Weimarer Republik

Wolfgang BremerVon

Charlotte Ritter geht ihren Weg in der Serie Babylon Berlin und setzt sich in der Männerwelt der 20er Jahre durch. Eine Frau, die sich durchkämpft.

Es gab sie wirklich, die starken Frauen in dieser Zeit des Umbruchs, der Möglichkeiten und der ungebärdigen Sucht nach Neuem. Mit Bubikopf, engen Kleidern und großem Selbstbewusstsein. Zum Beispiel gab es sie in der lebendigen und vielfältigen Literaturszene.

Eine davon ist Gabriele Tergit. Sie schrieb Gerichtsreportagen und Bücher. Ihr Roman „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“ von 1931, erschienen im Rowohlt Verlag, gibt unmittelbare Eindrücke in die Journalisten- und Künstler-Szene. Ein paar Jahre älter war Vicki Baum. Sie hatte 1929 einen Welterfolg mit ihrem Buch „Menschen im Hotel“, auch im damaligen sehr populären Kino.

 Mascha Kaléko und ihre an Erich Kästner erinnernden Gedichte wurden von dem umtriebigen Lektor des Rowohlt Verlags Franz Hessel entdeckt, der selber auch Schriftsteller war – und der das reale Vorbild für die Figur des Jules in François Truffauts Film „Jules und Jim“ war. Hessel war mit einer weiteren starken Frau der Zeit verheiratet. Helen Hessel, die allerdings die meiste Zeit mit seinem besten Freund Henri-Pierre Roché in Paris zusammenlebte und über die dortige Modewelt berichtete. Und nicht zuletzt Irmgard Keun, die mit ihrem Debütroman „Gilgi – eine von uns“ 1931 eine andere Charlotte Ritter schuf. Eine Charlotte der Angestelltenwelt der Büros.

Gabriele, Vicki, Mascha, Helen und Irmgard, 5 Frauen, deren Leben und Wirken wir uns in unserer heutigen Zeit durchaus aus aktuellen Gesichtspunkten genauer anschauen sollten. Die Parallelen der Weimarer Republik zu unserer Situation in der politischen und ökonomischen Welt sind augenfällig. Diese fünf Frauen waren alle erfolgreich mit ihrem Schreiben und ihrem selbstbestimmten Leben. Sie alle mussten ab 1933 als „volkszersetzende“ Literatinnen aus Deutschland fliehen und im Exil zu überleben versuchen oder in Deutschland in die Illegalität gehen. Ihre im Nazideutschland zurückgebliebenen Geschlechtsgenossinnen wurden nach der Machtübernahme von den Nationalsozialisten umgehend wieder an den Herd und zum Kinderbekommen ins Haus verbannt. Dem Manne untertan.

Aus unserer heutigen Weltsicht ist das alles kaum noch nachvollziehbar. Armes damaliges Deutschland, unvorstellbar arme damalige Kulturszene der 30er und 40er Jahre. Wie gut, dass wir in anderen Zeiten leben. Erhalten wir sie uns! Und wie gut, dass die Werke dieser und anderer Frauen – und Männer – heute wieder gut zugänglich sind. Und dabei ausgesprochen populär und spannend!

Veranstaltungs-Hinweis:

Duo Ungeniert und Wolfgang BremerDuo Ungeniert und Wolfgang BremerAm 30.11.2018 findet in Lübeck im SOFA (ehemaliges Marli-Café) der große Abend mit Live-Musik (Duo Ungeniert) über vier starke Frauen der Weimarer Republik statt: „Power-Frauen schreiben in der Weimarer Republik“ über Irmgard Keun, Vicki Baum, Gabriele Tergit und Mascha Kaléko. Mit starken Texten und Songs der Zeit von und über Frauen. Start ist um 19.30 Uhr. Karten reservieren unter 0151/10993438. www.dreasstuv.de

ACHTUNG! Aufgrund eines Krankheitsfalls im Ensemble wird der Abend über Schriftstellerinnen der Weimarer Republik auf Freitag, den 1. März 2019 verschoben!!!

Wolfgang Bremer
Wolfgang Bremer
Wolfgang Bremer, Jahrgang 1959, Autor, Vortragskleinkünstler und Personalmanager, empfindet die 70er Jahre als ausgesprochen prägend für sich und seine Generation. Weiterer Schwerpunkt: gestaltet Abende über die 20er Jahre (Kästner, Tucholsky, Fallada, Mühsam, Ringelnatz)
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