(c) Elinor Carucci: Three generations

Familie in der aktuellen Fotografie der Hamburger Deichtorhallen
Family Affairs

Holger KistenmacherVon

Gezeigt werden aktuelle künstlerische Projekte von insgesamt 23 internationalen Fotografen und Fotografinnen zum Thema Familie von der Geburt bis zum Tod. Rund 400 Fotos werden präsentiert, die sowohl die Diversität fotografischer Herangehensweisen als auch die Unterschiedlichkeit familiärer Lebensweisen, Familienmodelle und komplexer Dynamiken weltweit sichtbar machen sollen. 

Ursprünglich war die „Ausstellung zur Pandemie“, wie man die aktuelle Fotoschau eigentlich sehen könnte, bereits für den November 2020 vorgesehen, wie Deichtorhallen Chef Luckow im Beisein von Kurator Ingo Taubhorn, sowie der Foto-Künstlerinnen Katharina Bosse und Linn Schröder in seiner Eröffnungsrede betonte. Gerade in Coronazeiten und allgemeinem Lockdown verbringt ja fast jeder und jede momentan besonders viel Zeit mit seiner/ihrer Familie.

Ermöglicht wird dem Besucher ein Rundgang durch 13 Räume, wobei dem jeweiligen Künstler oder der jeweiligen Künstlerin genügend Platz für eine individuelle Vorstellung der eigenen Position geboten wird. Die Präsentation der Werke beginnt mit der Geburt, mit dem Künstler Vincent Ferrané, der seine Serie „Milka Way“ - das Stillen ihres Babys in den ersten 6 Lebensmonaten - ungeschönt und ehrlich erlebbar macht und endet mit dem „Spielzimmer“, wo jeder Besucher und jede Besucherin sich sein eigenes Bild von Familien mit Hilfe von magnetischen Bildplatten der Ausstellung zusammenstellen kann.

Das Thema Familie bewegt den Kurator schon seit über 20 Jahren, als er ein Interview dazu führte. Für ihn soll die Ausstellung als Projektionsfläche für die eigene Vorstellung, was jeder als Familie für sich versteht, dienen. Denn Familie bedeutet für ihn nicht nur Herkunftsfamilie sondern auch ein Konstrukt aus politischer Verantwortung, Wahlverwandtschaft oder alternativer Lebensformen. „Die Familie ist das machtvollste Geflecht, in das man geraten kann. Nichts prägt uns stärker als unsere Herkunft“.

Katharina Bosse in der Deichtorhalle, Foto: (c) Holger KistenmacherKatharina Bosse in der Deichtorhalle, Foto: (c) Holger Kistenmacher

Der fotografische Blick durchbricht dabei das Alltägliche und stellt vorherrschende Normen infrage. Überkommene und neue Rollenbilder, intime Momente des Elternseins und des Älterwerdens, Überforderung und Chaos werden ebenso thematisiert wie Liebe, Halt und Verzweiflung an der eigenen Familie. So zeigt die in Finnland (1968 in Turku) geborene Künstlerin Katharina Bosse, die lange in den USA, aber jetzt in Deutschland lebt, in ihren großformatigen Aufnahmen den Prozess der Verwandlung, den sie durchlief, als sie ihre Kinder bekam. „Die Mutter-Bilder entstanden aus dem Gefühl heraus, dass es in Deutschland an einer Diskussion darüber fehlt, was es für eine Frau bedeutet, Mutter zu werden“.

Auch die in Hamburg geborene Fotografin Linn Schröder (1977) thematisiert ihre Mutterschaft in ihren erzählerischen, teils surrealistischen Werken. Gleichzeitig spielt bei der Geburt ihrer Zwillinge aber auch ihre eigene Brustkrebs-Erkrankung eine wichtige Rolle. Ihr Selbstportrait einer Frau mit Zwillingen und nur einer Brust hat sie als „Madonnen-Bild“ zwischen Leben und Tod inszeniert.

Linn Schröder in der Deichtorhalle, Foto: (c) Holger KistenmacherLinn Schröder in der Deichtorhalle, Foto: (c) Holger Kistenmacher

Ähnlich ist der Ansatz der amerikanischen Künstlerin Nancy Borowick, die in einer dokumentarischen Installation von schwarzweiß Fotografien und persönlichen Erinnerungen ihre Familiengeschichte des Lebens und Vergehens dokumentiert. Fast gleichzeitig bekamen ihre Eltern Howie und Laurel Borowick die Diagnose, an unheilbarem Krebs erkrankt zu sein. Zärtlich, einfühlsam, aber auch schonungslos hat sie den Prozess des Endes ihrer eigenen Familie begleitet. „Während die Welt voller Farben war, fühlte sich meine Welt im Zuge der Erkrankung meiner Eltern oft farblos an - Zeit und Raum verschwammen“.

Um das Zeigen von Diversität von Familien-Modellen geht es dem Fotografen Eric Gyamfi aus Ghana, der in einer Langzeitstudie „Just like Us“ die visuelle Präsenz der LGBTQ-Community in seinem Heimatland erforscht und dokumentiert. Seine Serie von Schwarzweiß-Fotos entwirft ein visuelles Universum über Zugehörigkeit, Freundschaft und Liebe unabhängig von Geschlechterrollen, Herkunft oder sexueller Orientierung. Mehrfach wird das „Verschwinden“ aus der Familie thematisiert, sei es durch den Tod eines Familienmitgliedes oder dem Verlust von Menschen auf der Flucht. Als Beispiel hierfür steht die südafrikanische Multimedia-Künstlerin Lebohang Kganye, die drei Jahre nach dem Tod ihrer Mutter alte Fotoalben und Kleidungsstücke nutzte, um Portraits ihrer Mutter neu zu inszenieren. Mit Hilfe digitaler Fotomontagen sind scheinbare Doppelbelichtungen entstanden, bei der Vergangenheit und Gegenwart im Einzelbild verschmelzen.

(c) Gustavo Germano: Diptico No. 08(c) Gustavo Germano: Diptico No. 08

Der Argentinier Gustavo Germano (1964) erinnert in seinen Arbeiten an das „erzwungene Verschwinden“ von Menschen während der südamerikanischen Militärdiktaturen in den 70er und 80er Jahren. Das Verschwindenlassen gehörte zu den grausamsten Methoden der Militärregierungen, die sich nicht nur gegen die Opfer richteten, sondern auch Angehörige und Freunde ewig in Unwissenheit schweben ließen. Seine Werke sind zweiteilig angelegt. Auf einer Seite stehen Familienfotos aus den 70er Jahren, auf der anderen Seite stehen nachgestellte Bilder am gleichen Ort ohne die Verschwundenen. Ähnlich arbeitet der Italiener Dario Mitidieri (1959), der syrische Familien in zwei Flüchtlingslagern der libanesischen Bekaa-Ebene portraitiert hat. In einem behelfsmäßigem Outdoor-Atelier arrangiert er die Familien zwar dem traditionellen Bildtypus entsprechend, doch lässt er Stühle leer, auf denen die auf der Flucht Zurückgebliebenen gesessen hätten.

Aber es gibt auch verschiedenste Positionen des klassischen Familienbildes, welches wir alle kennen. Wenn die Familie zu Feiertagen schon einmal versammelt ist, soll es natürlich auch ein Gruppenbild geben. Die Beispiele in der Ausstellung sind aber mit Vorsicht zu genießen. Einerseits gibt es gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern, wie bei Daniel Schumann aus Düsseldorf oder klassische Familien-Aufstellungen aus der Serie „Tribes“ der Spanierin Lucia Herrero, die sie wie Herrscherportraits glorifizierend am grellen Strand mit monochromen Hintergründen inszeniert hat. Als „Erinnerungsstücke mit tragischem Ausgang“ hat der US-Amerikaner Neil Dacosta seine Familien-Portraits des Projektes „Water is Life“ konzipiert. Sie zeigen Menschen aus dem Omo Nationalpark in Äthiopien, wo alle zwanzig Minuten ein Mensch auf Grund mangelnder Trinkwasserversorgung stirbt. Für die teilnehmenden Familien sind diese Gruppenbilder zumeist das erste und auch letzte Portrait in dieser Konstellation.

(c) Lucia Herrero: Tribes(c) Lucia Herrero: Tribes

Scheinbar hierarchische Familien-Portraits des klassischen Typus inszeniert die amerikanische Fotografin Jamie Diamond (1983). Allerdings sind die gezeigten Familienmitglieder, die da in repräsentativen Hotelzimmern posieren, allesamt im Internet gecastet. Ihre Serie nennt sie deshalb auch „Constructed Family Portraits“. Nach soviel geballter Fülle an Familie - vom intimen Einblick bis hin zum politischen Statement - hat man am Ende der Schau noch die Möglichkeit, sich aus diversen Beispielen der Ausstellung mit Hilfe von Magneten spielerisch seine eigene Weltsicht von Familie zusammenzustellen. Eigentlich ist der Raum hauptsächlich für Kinder gedacht, aber auch viele Erwachsene werden sich wohl ihr eigenes Bild machen.

Die Ausstellung in der Halle für Fotografie ist noch bis zum 4. Juli 2021 zu besichtigen. Allerdings muss sich zur Zeit noch jeder/jede Besucherin auf der Besucherseite www.deichtorhallen.de/besuch nach den jeweilig geltenden Hygiene-Vorschritten anmelden oder informieren.

Fotostrecke

Family Affairs - (c) AkihitoYoshida Family Affairs - (c) Gustavo Germano Family Affairs - (c) Daniel W. Coburn Family Affairs - (c) Vincent Ferrané Family Affairs - Linn Schröder in der Deichtorhalle, (c) Holger Kistenmacher Family Affairs - Katharina Bosse in der Deichtorhalle, (c) Holger Kistenmacher Family Affairs - (c) Elinor Carucci Family Affairs - (c) Gregoire Korganow Family Affairs - (c) Katharina Bosse, VG Bild-Kunst, Bonn 2021 Family Affairs - (c) Lebohang Kganye Family Affairs - (c) Linn Schröder Family Affairs - (c) Nancy Borowick

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.
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