Schloß Bothmer

RESPICE FINEM - Landeskunstschau im Schloss Bothmer
Ausflug mit Kunst- und Gourmet-Genuss

Holger KistenmacherVon

Eigentlich führt mein alljährlicher Sommer-Kunstausflug nach Büdelsdorf bei Rendsburg zur dortigen Nordart, aber dieses Jahr fiel die internationale Schau für Gegenwartskunst, wie so vieles in der Kulturwelt, dem Corona-Virus zum Opfer. Eine gern genommene Alternative führt jetzt ins benachbarte Bundesland Mecklenburg-Vorpommern.

Seit Tagesausflügler wieder nach Meck-Pomm gelassen werden, steht einem Besuch im wunderschönen Schloss Bothmer nichts mehr im Wege. Die Tour in das Juwel barocker Backsteinarchitektur lohnt sogar aus mehreren Gründen: Einerseits ist die prächtige Schlossanlage, 1726 in Auftrag gegeben von Graf Hans Caspar von Bothmer, der damals als Berater des englischen Königs in London in der berühmten 10 Downing Street residierte, wo jetzt ein Brexit-Verfechter und Trump-Double haust, schon allein eine Reise wert, andererseits gastiert dort momentan die 30. landesweite Kunstschau des Künstlerbundes Mecklenburg-Vorpommern. Darüberhinaus lässt sich der Kulturbesuch im dortigen Café oder in der Orangerie mit einer bodenständigen Küche oder herzhaften Kuchen-Buffet kombinieren.



Die 30. Ausgabe der Kunstschau läuft unter dem Titel: RISPICE FINEM (Bedenke das Ende). Eigentlich das Lebensmotto im Wappen von Graf Bothmer, das aber durch die Zusätze play, stop, rewind eine Brücke in die Gegenwart schlägt. Gerade heute kommt dem Satz „Was auch immer du tust, handle klug und bedenke das Ende“ eine fast prophetische Bedeutung zu.

Insgesamt 50 KünstlerInnen aus Meck-Pomm und England loten in ihren aktuellen Arbeiten verschiedenste Aspekte der Thematik aus, die sowohl philosophische Fragestellungen von (Über-)Leben und Tod, Endlichkeit und ewigem Leben als auch alltägliche Herausforderungen im Umgang mit der Natur berühren.

Angela Preusz: Gute AhnenAngela Preusz: Gute AhnenZu sehen sind die Werke im wunderbaren Schlosspark als auch im westlichen Pferdestall. So spielt Angela Preusz im Park in einer Art Gedankenraum mit den riesigen Bäumen unter dem Titel „Gute Ahnen“ mit der Natur und mit den Gästen. Ausgewählte Bäume tragen ein Band mit den GPS-Daten des jeweiligen Standortes, und gleichzeitig sollen sich die Betrachter per Mail dazu Gedanken machen, was sie den Nachkommen der zukünftigen Generation bei diesem Baumtreffen gerne mitteilen möchten bezüglich der Beziehung Mensch-Natur-Kultur.

Für die Schau in der früheren Kutschenremise und im westlichen Pferdestall wurden insgesamt 50 künstlerische Positionen ausgewählt, deren Spektrum von der aktuellen Verarbeitung existenzieller Widersprüche, Naturzerstörung und Erhaltung der Umwelt über neue Interpretationen des barocken Vanitasgedankens, dem Verarbeiten von Erinnerungen und den individuellen Erfahrungen von Zeit bis hin zur Infragestellung von Fortschrittsglauben und moralischem Handeln reichen. Also ist eine große Bandbreite von medienübergreifenden Arbeiten fast aller künstlerischer Genres zu besichtigen.

Vorangestellt ist der sehenswerten Ausstellung ein Zitat von Tom Waits: „The world died screaming while I lay dreaming“.

Sylvester Antony: AmbitionsSylvester Antony: Ambitions

So versucht Sylvester Antony dem Gedanken der Vanitas-Kunst, der Darstellung von reglosen und toten Gegenstände als Stillleben durch sein Fotogemälde „Ambitions“ nachzueifern. Lena Biesalski zeigt Detail-Fotos von toten Vögeln. Renate Schürmann setzt sich hingegen in ihrer Installation „Statt Roter Rosen“ mit der weltweiten Aufrüstung auseinander, wobei Deutschland als fünftgrößter Waffenexporteur eine unrühmliche Rolle spielt. Ihre nachgebauten Pistolen stehen als Blumenersatz in einer Vase auf Goldpodest.

Dem Thema Wunderkammer widmet sich Sibille Wolfram in ihrer Mix-Media-Installation. Zu sehen sind unter dem Titel „Wunde - Wunder - Würde“ Schaukästen mit Fell, Federn, Knochen, Organen oder Zähnen. Ähnlich gruselig sieht die Installation-Skulptur von Susanne Gabler und Petra Steeger aus, die aus Fundstücken und medizinischen Gerätschaften zusammengesetzt ist. „Look at me“ zeigt scheinbar einen seltsamen Fisch, der an Infusion-Utensilien hängt.

Sibille Wolfram: Wunde - Wunder - WürdeSibille Wolfram: Wunde - Wunder - Würde

Christine de Boom hat unter dem Titel „Erschütterung der Sinne“ insgesamt 72 unscharfe Fotos von den herrlichen Alleebäumen, die auf die Schlossanlage führen in einer Art Tremor der Sinne installiert. Ihr geht es darum, Spuren der Zeit sichtbar zu machen. Surreal kommt das Gemälde von Andreas Grellmann daher. Sein Werk „Wolke“ zeigt die Unmöglichkeit, Leitern an eine Wolke zu stellen, um es mit höheren Mächten aufzunehmen.

Monika Ortmann: Chain CodeMonika Ortmann: Chain CodeEine weitere großartige Rauminstallation stammt von Monika Ortmann, die in Wittenhagen lebt und arbeitet. Ihr Material zur Arbeit „Chain Code“ besteht aus geschreddertem Papier älterer Studien, Projekte oder Rechnungen. Dieses hat sie zu einer Art Garn verwoben, Shifu genannt, welches sie zu verschieden großen Kugeln aufrollt, die dann in Ketten installiert werden. Sehenswert und voller Nachdenklichkeit. Außergewöhnlich auch die Arbeit von Klaus-Dieter Steinberg, der unter dem Titel „Hinterlassenschaft“ eine fiktive Marslandschaft mit Astronaut und Müll geschaffen hat. Er verwendet dabei Original Nasa-Aufnahmen und kopiert das Juri-Gagarin-Denkmal von Bondarenko aus Moskau.

Darüberhinaus gibt es noch jede Menge Fotos, Gemälde, Raum-Installationen und mehr, die zu entdecken sich lohnen. Also auf nach Klütz, wo auch die Ostsee nur 4 Kilometer entfernt liegt. Die Ausstellung ist noch bis zum 11. Oktober 2020 im Schloss Bothmer zu sehen.

Fotostrecke

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Fotos: (c) Holger Kistenmacher

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.
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