(c) Manaf Halbouni

Manaf Halbouni-Ausstellung „Ostwind“ in der Kunsthalle
Ein Wanderer zwischen den Welten

Holger KistenmacherVon

Der deutsch-syrische Installationskünstler Manaf Halbouni präsentiert zur Zeit seine erste große Einzelausstellung in der Lübecker Kunsthalle St. Annen.

Bekannt geworden ist der erst 37jährige Künstler durch seine provokante Arbeit „Monument“ - eine Installation von drei hochkant aufgestellten Bussen vor der Frauenkirche in Dresden und dem Brandenburger Tor. Gerade in Zeiten von Pegida und Hasstiraden auf vermeintliche Flüchtlingshorden, die Deutschland umwandeln wollten, setzte er damit ein Zeichen für die Bewohner von Aleppo, die sich mit der Barrikade der Linienbusse vor Gewehrkugeln schützen wollten.

Als Kind einer Dresdenerin und eines syrischen Vaters musste er als Kriegsdienstverweigerer Syrien verlassen. Er ging von Damaskus nach Dresden - ein Wanderer zwischen Orient und Okzident. Diese zwei Welten spiegeln sich auch in der Kunst, die Halbouni in Lübeck präsentiert. In verschiedenen Werkgruppen geht es um Deutschland, Krieg und Frieden, Nationalismus und Abschottung.

Im Kellergeschoss sind zwei Video-Arbeiten zu sehen, wo er als sein Alter Ego, General Hadid unter der Frage „Was wäre wenn?“ ein Interview gibt oder eine Reise von Berlin nach Istanbul antritt (Nowhere is home). Dieser vermeintliche General taucht in der gesamten Schau immer wieder auf: Mal ist er im Urlaub, (Halbouni zeigt sich auf Foto-Serien in bunten Freizeithemden), dann wieder stimmt er in einer Installation die bekannten Slogans: „Yes we can“ und „I have a dream“ an. Überhaupt überzeugt der junge Künstler mit der Vielfältigkeit seiner Arbeiten und Medien, die er immer wieder in Beziehung setzt zu Werken aus der Sammlung der Lübecker Kunsthalle.

Der Genral im Urlaub, (c) Manaf HalbouniDer Genral im Urlaub, (c) Manaf Halbouni

Seine Serie „Fragmente“, die beschädigte Kirchenfenster umgeben von Beton und verbogenen Stahlstreben zeigen, korrespondiert mit dem Bild „Der Engel“ von Ernst Wilhelm Nay aus dem Jahre 1944. Beide verweisen auf kirchliche Glasmalerei und sind ein Appell für Frieden in Zeiten von Kriegen.

Im ersten Stock der Schau prangt das große Wandrelief „Mein Land“ aus Beton und in Frakturschrift. Umwickelt ist der Schriftzug von Stahldraht, in dem sich der deutsche Adler verfangen hat. Damit prangert er Nationalismus und Demokratieverlust, wie er allerorten zu beobachten ist, an. Dazu zeigt er die deutsche Kult-Kitschfigur an sich, den deutschen Gartenzwerg, ebenfalls in Stacheldraht gefesselt. Gegenüber vom Schriftzug heben und senken sich vier Pylone, wie sie für Blockaden oder Panzersperren benutzt werden, während originale Sprechchöre aus Pegida-Demonstrationen von 2015 in Dresden jeweils die Öffnung, beziehungsweise die Schließung von Grenzen fordern: „Wir sind das Volk“! Des Weiteren sind kleine Beton-Bilder zu sehen, die unter anderem das Lübecker Holstentor, gefesselt in Stacheldraht oder das Brandenburger Tor zeigen.

(c) Manaf Halbouni(c) Manaf Halbouni

In der Installation „What If“, was wäre wenn - webt Halbouni aus Texten, übermalten Weltkarten, Performance, Videos und Klang-Installationen eine komplexe Welt, die das reale Weltgeschehen umkehrt. Dabei ist die Figur des General Hadid, die der Künstler seit 2015 als Alter Ego benutzt, ein Sinnbild für die Absurdität von westlichen und östlichen Vorurteilen. Mit viel Humor macht sich der Künstler über beide Seiten lustig, ohne dabei den erhobenen Zeigefinger zu benutzen. Viele seiner Werke sind explizit politisch, weil er sich nach wie vor als Kriegskind sieht, der zwischen den Kulturen lebt.

Was wäre, wenn nicht westliche Mächte, sondern östliche Machthaber die Welt mit dem Lineal in neue Länder aufgeteilt hätten, ohne auf die dort lebenden Menschen unterschiedlicher Kulturen Rücksicht zu nehmen. Dieser politische Ansatz seiner Arbeit sind aber immer mit viel Witz und Humor in Szene gesetzt, wie man auch in der Installation „Half Home“, die abgesägte Autodächer, vollgepackt mit typisch deutschen Gegenständen zeigen, sehen kann. Es handelt sich um Fluchtautos, denen man die Räder geklaut hat. Der Bezug für den Künstler ist der Sachse auf der Flucht, der natürlich einen Kasten Radeburger Pils und einen Gartenzwerg beim Fliehen dabei hat.

Half Home, (c) Manaf HalbouniHalf Home, (c) Manaf Halbouni

Oder wie wäre es, wenn es einen Lübecker Friedensplatz geben würde, wo sich neben Holstentor und Petri-Kirchturm als Silhouette auch völlig selbstverständlich eine große Moschee ins Bild schiebt (siehe Titelbild). Bei Manaf Halbouni und seiner sehr aufregenden Kunst ist eben vieles nicht sofort als Vision erkennbar, trägt aber doch die Möglichkeit der Realität in ferner Zukunft in sich.

Die Ausstellung in der Kunsthalle St-Annen ist bis zum 8. November 2020 unter den momentan gültigen Hygiene-Vorschriften, wie Schutzmaske und Abstand zu besichtigen.

Fotostrecke

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Fotos: Holger Kistenmacher

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.
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