„Was bleibt von mir, wenn ich nicht mehr bin?“
Fotoausstellung im Dom

Susanne BirckVon

Niemand beschäftigt sich gern mit dem eigenen Ableben. Und dennoch ist es dem Menschen eigen, sich seiner Vergänglichkeit bewusst zu sein. Irgendwann kommt bei jedem der Zeitpunkt, an dem man sich über das Danach oder das Verbleibende Gedanken macht.

Wird man sich in der übernächsten Generation überhaupt an mich erinnern? Wenn ich noch etwas zu geben habe: Wie setze ich es möglichst sinnvoll ein, sogar über meinen Tod hinaus? Hat mein Dasein einen bleibenden Wert? Was bleibt von mir? Über sich selbst hinaus denken, Werte weitertragen – elf Prominente aus Kunst und Kultur, Gesellschaft und Wissenschaft wurden mit der Frage „Was bleibt?“ in Bild und Wort porträtiert.

Diese Fotoausstellung mit Werken der Fotografin Bettina Flitner zeigt jeweils in einem Triptychon elf Persönlichkeiten: Egon Bahr, Günter Grass, Richard von Weizsäcker, Wim Wenders, Margot Käßmann, Dieter Mann, Ulf Merbold, Reinhold Messner, Anne-Sophie Mutter, Christiane Nüsslein-Volhard und Friede Springer. Bei dem Porträt geht man dem Menschen so nah, dass man meint, ihm oder ihr beim Denkprozess zusehen zu können. Das zweite Bild zeigt den Porträtierten im größeren Zusammenhang, als Teil der Welt in Szene gesetzt, in einer vom Porträtierten selbst gewählten Umgebung. Die zwei Fotos werden mit einem Zitat vervollständigt. Zu der Ausstellung ist auch ein Buch mit den Gesprächen zwischen der Fotografin und den Persönlichkeiten erschienen, in denen die Porträtierten Einblicke in ihre Gedanken, Wünsche und Hoffnungen gewähren.

Etwa 3,1 Billionen Euro werden bis zum Jahr 2024 in Deutschland vererbt werden, so das Deutsche Institut für Altersvorsorge in einer aktuellen Studie. Und die Zahl der Alleinstehenden und Kinderlosen wächst stetig. Aus der GfK-Studie „Gemeinnütziges Vererben in Deutschland“ geht hervor, dass sich viele der über 60-Jährigen vorstellen können, einen Teil ihres Erbes einem gemeinnützigen Zweck zukommen zu lassen. Die übergreifende Initiative „Mein Erbe tut Gutes. Das Prinzip Apfelbaum“ ist ein Zusammenschluss gemeinnütziger Organisationen, deren Anliegen es mit dieser Ausstellung ist, die Möglichkeit des Vererbens zu einem guten Zweck bekannter zu machen. Und natürlich möglichst für sich selber Spender zu gewinnen. „Viele Menschen wollen mit ihrem Erbe Bleibendes schaffen, die eigenen Werte und Anliegen auch über den Tod hinaus wirken lassen“, sagt Susanne Anger, die Sprecherin der Initiative bei der Eröffnung der Ausstellung im Dom.

Eröffnet wurde die Ausstellung am 3. Juni 2016 im Dom zu Lübeck in Anwesenheit des Bürgermeisters Bernd Saxe. Er stellte in seiner Rede sodenn auch die Frage nach dem Fortwirken des eigenen Schaffens: „Auch Politiker fragen sich das: Was bleibt? Was bleibt im Bewusstsein der Nachbleibenden?“ Pastorin Margrit Wegner, die diese Ausstellung in den Dom geholt hat, stellte in ihrer Rede den christlichen Bezug her: Die Thematik Sterben liege doch besonders in einer Kirche nahe, deshalb sei der Ausstellungsort passend. Um zur Ausstellung zu gelangen, muss man erst mal durch das Kirchenschiff gehen, vorbei an Gräbern und an dem großen Triumphkreuz von Bernt Notke. Über den eigentlichen Schwerpunkt der Ausstellung hinaus gab Wegner ein klares Zeugnis, worum es in christlicher Hinsicht beim Sterben geht: „Mit dem Tod ist nicht alles vorbei. Statt Exitus spreche ich als Theologin vom Introitus. Wir wissen nicht, was uns erwartet, aber wer.“

Ausschnitte der hervorgehobenen Zitate in dieser Ausstellung:

„Den Mut zu haben, das Undenkbare zu denken und auch danach zu handeln, ist das, was bleibt.“ Egon Bahr

„Ich bin überzeugt: Die Liebe bleibt. Wenn wir Liebe zurücklassen, wird diese weiterwirken. Damit leben auch wir ein Stück weiter, bei anderen, mit anderen und durch andere.“ Margot Käßmann

„Das Leben der Menschen zu erleichtern – das ist mein Mosaiksteinchen in einem großen Bild aus vielen bunten Steinchen. Vielleicht bin ich das, was ein großes Bild komplett macht. Aber ein ganz kleines Steinchen nur.“ Friede Springer

„Gute Stücke haben immer eine Bedeutung. Dazu müssen wir sie so spielen, dass sie andere etwas angehen. Wenn ich es geschafft habe, Menschen in die Lage zu versetzen, das Wesentliche zu erkennen, ist das etwas sehr Schönes.“ Dieter Mann 

www.bettinaflitner.de

Das Prinzip Apfelbaum. 11 Persönlichkeiten zur Frage "Was bleibt?"
Mit Fotografien von Bettina Flitner
Eine Ausstellung der Initiative Mein Erbe tut Gutes
3. Juni – 2. Juli 2016
Täglich 10-18 Uhr (außer während Gottesdiensten, Amtshandlungen und Konzerten)
Eintritt frei
Dom zu Lübeck, Ostchor

  Fotostrecke

Das Prinzip Apfelbaum Das Prinzip Apfelbaum - Triptychon Ulf Merbold Das Prinzip Apfelbaum - Vor dem Triptychon Richard von Weizsäcker Das Prinzip Apfelbaum - Zitat Wim Wenders Das Prinzip Apfelbaum - Bürgermeister Bernd Saxe eröffnet die Ausstellung Das Prinzip Apfelbaum Das Prinzip Apfelbaum - Pastorin Margrit Wegner Das Prinzip Apfelbaum - Bernd Saxe und Susanne Anger vor Triptychon Margot Käßmann Das Prinzip Apfelbaum - Triptychon Anne-Sophie Mutter Das Prinzip Apfelbaum - Triptychon Christiane Nüsslein-Volhard Das Prinzip Apfelbaum - Triptychon Friede Springer Das Prinzip Apfelbaum - Hintergrund Triptychon Günter Grass

Fotos: Susanne Birck

Fotos: Susanne Birck

 

Susanne Birck
Susanne Birck
Jahrgang 1969, nennt Lübeck seit 2003 ihre Wahlheimat. Die studierte Kulturwissenschaftlerin ist als Kulturjournalistin schreibend und fotografierend in der Stadt unterwegs. Schwerpunktthemen für Unser Lübeck: Filmkritiken, Interviews, Bildende Kunst.
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