Jörg-Uwe Neumann (Direktor Kunsthalle Rostock) vor Werner Tübkes Werk 'Verspottung eines Ablasshändlers'

Perspektivwechsel. Kunst nach 1945 aus den Sammlungen der Kunsthallen in Lübeck und Rostock
Wenn Ost und West in den künstlerischen Dialog treten

Holger KistenmacherVon

Eigentlich liegen Rostock und Lübeck nur 116 Kilometer voneinander entfernt und die deutsche Wiedervereinigung liegt auch schon 31 Jahre zurück. Trotzdem erscheint ein künstlerischer Austausch und Dialog zwischen den jeweiligen Kunsthallen wie ein Neuaufbruch in Sachen Kunst und Zusammenarbeit. Gerade deshalb stellt die Doppel-Ausstellung in Rostock und Lübeck einen weiteren Höhepunkt der diesjährigen Kunstschauen gerade in Lübeck dar.

Die Hansestadt beweist sich dadurch als momentaner Hotspot der Kunst, wie Lübecks Museums-Chef Prof. Dr. Hans Wißkirchen in seiner Begrüßung stolz betonte. Neben der international sehr bedeutsamen Cranach-Kemmer-Schau, die kürzlich eröffnet wurde, stellt die neue Doppel-Ausstellung Lübeck-Rostock ein weiteres Beispiel in Sachen Kunst in Umbruch-Zeiten dar. Einmal die Neuorientierung durch die Reformationszeit und jetzt die Kunst nach der Wiedervereinigung.

Dass solche Projekte, die in den langen Jahren der innerdeutschen Teilung undenkbar gewesen wären, heute möglich sind, erfreut auch Monika Frank, Senatorin für Kultur und Bildung der Hansestadt Lübeck. Und Dr. Antje-Britt Mählmann, die Leiterin der Lübecker Kunsthalle ergänzt, dass gerade in der Vorbereitung der Schau viele Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede zwischen den Häusern sichtbar wurden, die aber produktiv in Sachen Forschung und Perspektiven genutzt wurden.

Melanie Ohst (Kuratorin Kunsthalle Rostock)Melanie Ohst (Kuratorin Kunsthalle Rostock)

Organisiert wurden die beiden Ausstellungen von den jungen Kuratorinnen Ann-Kristin Jürgensen (Kunsthalle Lübeck) und Melanie Ohst (Kunsthalle Rostock). Die beiden wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen sind noch so jung, dass die deutsche Wiedervereinigung für sie eine Selbstverständlichkeit ist und die Trennung zwischen den beiden Staaten längst unbekannte Geschichte für sie bedeuten.

Gezeigt werden Arbeiten von über 90 Künstler/innen aus Ost und West, Norddeutschland und dem Ostseeraum, darunter hervorragende Werke von Norbert Bisky, Jörgen Buch, Hanna Jäger, Andreas Mühe, Willi Sitte, Werner Tübke, Günter Uecker und Andy Warhol, um nur einige zu nennen. Gegliedert wird die Ausstellung in beiden Häusern durch die Themenbereiche „Polaritäten“, „Parallelen“, „Brückenschlag und Austausch“, „Wiedervereinigung“ und „Gegenwart“. Dabei legt die Kunsthalle St. Annen den Schwerpunkt vornehmlich auf die Gegensätze vor 1989, die Biennale der Ostseeländer, die individuellen Erwerbswege zwischen Ost und West sowie auf künstlerische Positionen der Gegenwart aus den Beständen beider Häuser. Diese Themen werden auch räumlich sehr gut vermittelt.

Polit-Plakate der dänischen Künstler- und Musik-Gruppe Röde MorPolit-Plakate der dänischen Künstler- und Musik-Gruppe Röde Mor

So gibt es einen ganzen Raum mit verschiedensten Werken zwischen Malerei, Skulptur und Installation, die von den Biennalen aus Ostsee-Anrainer-Staaten von Dänemark, Finnland, Polen, usw. stammen. Ein weiterer Raum zeigt den künstlerischen Weg der viel gereisten Künstler/innen Jo Jastram (Rostock), dessen Skulpturen seine Reisen nach Äthiopien, die Mongolei oder Usbekistan spiegeln, während die Lichtobjekte und zarten Zeichnungen von Hanna Jäger (Lübeck) ihre Bezüge zum Minimalismus und zur Konzeptkunst belegen (USA-Reisen). Während aus dem Osten natürlich viel sozialistischer Realismus präsentiert wird (Ulrich Muchalla, Willi Sitte), zeigen die Werke aus Lübeck häufig Abstraktes und Informell (Werner Heisig und Emil Schumacher).

Mit einem besonderen Konzept sollen vor allem neue und junge Besucher in die Ausstellungen gelockt werden. So wurde ein musikalisches Crossover-Projekt gestartet, das eine besondere Führung zu den Bildern mit Audioguides schafft. Die zu ausgewählten Werken komponierten Musikstücke von SYNTHESIA (Rostock) in Zusammenarbeit mit dem Lübecker Kontrabassisten Florian Galow vom Verein WaldZimmerKultur e.V., geben den Besucher/innen die Möglichkeit, ihre ästhetischen Eindrücke zu erweitern. Daneben gibt es eine CD mit den Instrumental-Nummern zwischen Neo-Classic, Rock, Electro und Pop plus Podcast-Telefonaten zwischen Museumsmachern und Künstlern, einen Film und ein ganz besonderes Konzert, das mittels Technik zeitgleich in Rostock und Lübeck gespielt werden soll.

Die Musiker von SYNTHESIA vor Susanne Kandt-Horn 'Eines Tages werden die Menschen wie Brüder sein'Die Musiker von SYNTHESIA vor Susanne Kandt-Horn 'Eines Tages werden die Menschen wie Brüder sein'

Weitere Kooperationen sind mit Schülern aus beiden Städten durch das Fotoprojekt „Meine Stadt“ und Hotels in den jeweiligen Städten entstanden. Die gesamte Schau steht unter der Schirmherrschaft vom Ministerpräsident a.D. Björn Engholm, der auch noch ein Gemälde gestiftet hat.

Zur Vernissage am Dienstag, den 9. November um 18.30 Uhr in der Kunsthalle St. Annen wird außerdem eine illustre politische Diskussionsrunde kommen. Erwartet werden die jeweiligen aktuellen Ministerpräsident/innen Daniel Günther und Manuela Schwesig und die Bürgermeister der beteiligten Städte Jan Lindenau aus Lübeck und Claus Ruhe Madsen aus Rostock. Danach folgt ein kunsthistorischer Dialog mit teilnehmenden Künstler/innen und Björn Engholm, sowie den Kuratorinnen und den Chefs der Kunsthallen. Also ein dickes Programm im Austausch zwischen Ost und West. Musikalische Beiträge kommen von SYNTHESIA. 

Die Ausstellung läuft bis zum 23.Januar 2022 und ein Katalog zu den Schauen wird für 29.90 Euro angeboten. Die CD von SYNTHESIA ist auch im Handel erhältlich und kostet 15 Euro.

Fotostrecke

Perspektivwechsel. Kunst nach 1945 aus den Sammlungen der Kunsthallen in Lübeck und Rostock Perspektivwechsel. Kunst nach 1945 aus den Sammlungen der Kunsthallen in Lübeck und Rostock - Polit-Plakate der dänischen Künstler- und Musikgruppe Röde Mor Perspektivwechsel. Kunst nach 1945 aus den Sammlungen der Kunsthallen in Lübeck und Rostock Perspektivwechsel. Kunst nach 1945 aus den Sammlungen der Kunsthallen in Lübeck und Rostock - Maix Mayer: Fotoserie mit Bauten von Ulrich Müther Perspektivwechsel. Kunst nach 1945 aus den Sammlungen der Kunsthallen in Lübeck und Rostock - Andreas Mühe: Egon vor dem Haus Perspektivwechsel. Kunst nach 1945 aus den Sammlungen der Kunsthallen in Lübeck und Rostock - Die beiden Kuratorinnen Perspektivwechsel. Kunst nach 1945 aus den Sammlungen der Kunsthallen in Lübeck und Rostock - Die Musiker von SYNTHESIA vor dem Gemälde von Susanne Kandt-Horn 'Eines Tages werden die Menschen wie Brüder sein' Perspektivwechsel. Kunst nach 1945 aus den Sammlungen der Kunsthallen in Lübeck und Rostock - Rostocks Kunsthallen-Chef vor Werner Tübkes Werk 'Verspottung eines Ablasshändlers' Perspektivwechsel. Kunst nach 1945 aus den Sammlungen der Kunsthallen in Lübeck und Rostock - Melanie Ohst vor dem Gemälde 'Black and White von Björn Buch'

Fotos: Holger Kistenmacher

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.
Weitere Artikel

Sie haben keine Berechtigung hier einen Kommentar zu schreiben.