Tischtennis-König, Foto: SFI

NFL-ABC
Ein sehr persönlicher Rückblick auf die 50. Nordischen Filmtage Lübeck

Gerda VorkampVon

Arne treffe ich genau einmal im Jahr – bei den NFL. Dieses Jahr hatte ich nicht mit ihm gerechnet, und nun ist er einer der ersten, dem ich begegne, aber warum sollte man(n) seinen Auslandseinsatz in Myanmar nicht eigens für das heimische Festival unterbrechen!?

Butterbrote im Rucksack sind sehr zu empfehlen, denn der ein oder andere unverhoffte Film kommt dem Zeitplan meist doch noch in die Quere, der Magen fängt an zu knurren, und Proviant ist dann höchst willkommen.

Charlotte wählt die Filme tatsächlich nach der für sie am günstigsten gelegenen Spielzeit aus und notiert sie in roter Schrift auf einem kleinen Zettel bzw. auf mehreren, alternativ zu ihrer Wunschliste Nr. 1, falls sie für diese nicht mehr alle Karten bekommt. So ist sie offen für alles, was da auf sie zukommen mag, und in den meisten Fällen begeistert, wie sie sagt.

Damentoiletten (wie vermutlich ebenfalls die Herrentoiletten) werden jeweils im Anschluss an die Hauptfilme stark frequentiert, befinden sich aber dennoch in erfreulich gutem Zustand. In diesem Jahr sind sogar die Handtuchspender bis zum Ende der Filmtage stets gut bestückt, wo sie früher doch regelmäßig bereits nach einem halben Tag den Geist aufgaben.

Englische Untertitel zu verfolgen, bedarf einer gewissen Gewöhnung und kann leider leicht von der Konzentration auf die schauspielerischen Fähigkeiten ablenken. Ein wenig skandinavische Sprachkenntnisse sind da ganz nützlich. Die bei Kinderfilmen deutsch eingesprochenen Kommentare hingegen stören überhaupt nicht, im Gegenteil, wenn sie gut vorgetragen werden, erfreuen sie nicht nur die Ohren der Jüngsten.

Frauke, die wir unter anderem für ihre gelungenenModerationen schätzen (schade, dass wir dieses Mal keine von ihr miterlebenkonnten!), hat natürlich vorab schon einige Filme gesehen und deshalb immergute Tipps parat. Sie ist aber auch dankbar für ebensolche von uns, hat es sichdoch schon öfter gezeigt, dass wir in etwa denselben Filmgeschmack teilen.

Gonger, der erste schleswig-holsteinische Horrorfilm, und den habe ich nun leider verpasst, wie man immer (mindestens) irgendeinen Film verpasst. Ich gucke sonst nie Horrorfilme, aber wo mir doch schon bei einem kleinen Ausschnitt, in dem eigentlich gar nicht so viel passierte, die Haare zu Berge standen trotz aller Überzogenheit, die schon wieder komisch wirkte, wollte ich auch in diese Gefühlswelt versuchsweise einmal eintauchen. Da hoffe ich halt auf eine Wiederholung im Kino Koki.

Hommage Selma Lagerlöf: An einem ansonsten gewöhnlichen Donnerstagmittag „Das Mädchen vom Moorhof“ angucken zu können, einen 1935 gedrehten UFA-Film nach einer Erzählung der großen Schriftstellerin, empfinde ich wie ein Geschenk, und das erweckt sogar den Neid meiner 89-jährigen Mutter, die die Namen fast aller im Film mitwirkenden SchauspielerInnen noch auswendig weiß und sich natürlich auch an den Inhalt erinnert. Da kann ich ihr gegenüber nur mit dem mageren Zusatzwissen aufwarten, dass der Film in Worpswede gedreht wurde. Großartig auch der vorweg gezeigte 5-Minuten-Stummfilm-Streifen von 1926, der Selma Lagerlöf in ihren heimischen Gefilden zeigt!

Ingeborg, ihres Zeichens Künstlerin, hat sich selbstverständlich „Ich, Immendorf“ angeschaut (wie sie überhaupt ihre Filme ausschließlich nach inhaltlichen Kriterien auswählt) und ist ganz angetan davon. Aber lassen sich 165 Minuten „Edvard Munch“ aushalten oder ist das nur etwas für die ganz Hartgesottenen? Nach den Gesichtern derer zu urteilen, die am Ende aus der Vorführung kommen, braucht’s tatsächlich einiges an Durchhaltevermögen. Heiderose fand das Werk sehr anstrengend, aber nicht bloß der Länge wegen, sondern aufgrund der Sprunghaftigkeit, der hektischen Schnitte und ständigen Perspektivenwechsel. Trotzdem ein interessanter und guter Film, meint sie, aber offenbar nichts, wenn man unausgeschlafen ist, und wer ist das nicht nach mehreren Tagen Mammutprogramm einschließlich Spätvorstellungen!

Jan Troell und „Die ewigen Augenblicke der Maria Larsson“, das große schwedische Erzählkino schlechthin (wieso eigentlich nicht „gut-hin“?). Die Fähigkeiten des international renommierten Regisseurs sind sicherlich unbestritten; jede Einstellung ist ja ein Kunstwerk für sich. Aber dennoch scheiden sich hier die Geister: Für manche der beste Film der NFL überhaupt, finden andere ihn zu klischeehaft und daher stellenweise gar langweilig. Das ist interessant; darüber lässt sich streiten. Ich habe jedenfalls keine Minute bereut, und welches Thema könnte passender zum 50-jährigen Film-Jubiläum sein als die Bedeutung einer Kamera für eine Frau zu Beginn des vorigen Jahrhunderts?

Kurzfilme sind oft wahre Kleinodien zwischen ihren größeren Geschwistern. Früher war es noch Kult, das Filmfest mit der Kurzfilmnacht beginnen zu lassen, wo man sich auch gerne einen Döner mampfend auf die Treppen quetschte, um dieses Ereignis samt den eifrigen Diskussionen mit den anwesenden Filmschaffenden bloß nicht zu verpassen. Vielguckende begnügen sich inzwischen mit den einzelnen Kurzfilmen vor den Hauptfilmen. Die Kurzfilme des Filmforums jedoch sind hier nur gebündelt zu betrachten, werden aber glücklicherweise auch im Koki wiederholt. „Spielzeugland“ ist sicher ein herausragendes Machwerk, ein paar Minuten höchster Spannung, hinter der sich ein Drama von größter Tragweite verbirgt, mit großartigen Schauspielern glänzend verfilmt. Oscar-nominiert – zu Recht!

Letzte Reihe, beste Plätze, denn es lohnt sich auch, das Publikum ab und zu im Blick zu haben, solange der Saal noch nicht dunkel ist. Dieses Jahr scheint es angesagt zu sein, die Haare ausgiebig zu striegeln. Würden die aus der Bürste entfernten Überbleibsel nicht auf dem Boden landen, ginge es ja gerade noch. Weit weniger schön ist der Anblick einer Frau, die auf der noch hochgeklappten Sitzfläche hockend ihr gesamtes Gebiss minutenlang mit Zahnseide bearbeitet. Eine andere leitet ihren Gefährten per Handy flüsternd hinter vorgehaltener Hand ganz nach hinten in die letzte freigehaltene Ecke, damit er sich bloß nicht verläuft. Ein kleines Mädchen nimmt mit der Ablage als Sitz vorlieb, damit ihr Begleiter, ein riesengroßer Kuschel-Eisbär, gut sehen und sitzen kann. Direkt vor mir wickelt eine Dame einen offenbar frisch gekauften Blumenstrauß aus der Plastikfolie aus, arrangiert ihn akribisch komplett neu, um dann eine Gartenzange aus der Handtasche zu holen und die Pflanzenstiele ume twa 15 cm zu kürzen. Warum nicht? Der Abfall wird immerhin fein säuberlich entsorgt. Einer Finnin, Begleiterin eines Rollstuhlfahrers, neben dem sie gerne sitzen würde, gelingt es trotz guten Zuredens nicht, eine bis auf einen Platz am Ende vollbesetzte Reihe von Leuten zum Aufrücken um eben diesen einen Platz zu bewegen. Bevor es gänzlich peinlich wird, begnügt die Finnin sich ohne viel Aufhebens mit dem freien Sitz fern von ihrem Schutzbefohlenen, wobei sie noch einmal hin- und hergehen muss, um ihm diese unabänderliche Tatsache zu erklären. Als ein Moderator nach dem Regisseur Ausschau hält, der irgendwo im Publikum sitzen soll, meldet sich zum großen Entsetzen seiner Bekannten ein Mann seitlich von mir, der nicht der Regisseur ist. Kleiner Scherzbold.

Manni mischt mal wieder mit und regelt die Töne beim Offenen Kanal, der mit seinen begleitenden Beiträgen natürlich nie fehlen darf, wenn er auch in diesen Tagen nicht so präsent ist wie sonst. Faszinierend, dass sich die Aufzeichnungen immer mitten im Getümmel des Foyers abspielen, greifbar für alle Anwesenden, quasi in der Spielecke für Erwachsene, in der aber selbstverständlich auch Kinder zu Wort kommen.

Nie wieder zu viel Tee trinken vor einer Vorführung!! Rausgehen müssen und es eigentlich nicht wollen, um nicht einen Moment zu verpassen, ist wirklich zu und zu ärgerlich!

O’Horten – welch ein Highlight! Welch ein Humor! Bent Hamer hat ein unübertroffenes Händchen dafür, Skurriles in Szene zu setzen. An trüben Tagen wärmstens zu empfehlen sowie als ein möglicher Einstieg in den besonderen Charakter der Nordischen Filmtage. Zu Risiken und Nebenwirkungen … zuviel Lachen kann auch wehtun.

Pausengespräche bilden ein wesentliches Element der Filmtage mit ganz eigenem Flair und Charme. Mit verklärten Blicken tauschen wir soeben gewonnene Eindrücke aus, unterschiedlichste Gefühlswelten treffen aufeinander, Filme vom Vortag können nur mit Mühe rekapituliert werden, kaum reicht die Zeit, sich auf alle Begegnungen, geschweige denn auf die bereits nahende nächste Vorstellung angemessen einzustellen. Filmbesessene reichen ihre Erfahrungen an Neulinge weiter, die mit einer Mischung aus Befremden und entfachter Neugier auf so viel Enthusiasmus reagieren.

Qualität habe zugunsten von Quantität im Laufe der Jahren nachgelassen. Dieser Vorwurf wird immer häufiger erhoben. Nach all den fantastischen Filmen, die ich innerhalb von fünf Tagen gesehen habe, teile ich diese Einschätzung ganz und gar nicht. Natürlich hat sich das Festival von einer kleinen gemütlichen Einrichtung innerhalb von 50 Jahren aufgebläht. Wie sollte es auch anders sein! Dass sich dann der ein oder andere Flop in die immerhin noch handverlesene Filmmenge verirrt, lässt sich kaum vermeiden, ist aber doch auch in erster Linie eine reine Geschmacksfrage. „Allen zu gefallen – ist unmöglich.“ Dieses vielzitierte Motto der Dokumentation von Jan-Peter Gehrckens über die NFL muss da wieder einmal herhalten. Meine beiden Flops in diesem Jahr: „Sturmherz“, finnischer Kinderfilm von Kaisa Rastimo, und „Die Baumfreunde“, schwedischer Dokumentarfilm von Jonas Selberg Augustsén. Welch eine Wohltat dagegen der dänische Kinderfilm „Frode und seine Bande“ von Niels Chr. „Bubber“ Meyer oder die herausragende schwedische Dokumentation „Herdenleben“ von Kine Boman.

Retrospektive – dieses Mal eine Sammlung der beliebtesten Klassiker aus 50 Jahren, ausgewählt von Persönlichkeiten, die das Filmfest lange Jahre begleitet haben, wie zum Beispiel dem Gründer Rolf Hiller, ohne den es die NFL wohl nicht gäbe. Hier eröffnet sich die Chance, den einen oder anderen verpassten oder gar den eigenen Lieblingsfilm doch noch (einmal) zu sehen.

Schlange stehen gehört einfach auch dazu, wobei dieses Mal die Schlangen an den Kassen erfreulich kurz sind, die vor den Kinosälen hingegen oft erstaunlich lang, was aber die bessere Variante ist, denn dort stehen die Leute mit Eintrittskarte und sind entsprechend gelassen und in den meisten Fällen aufs Plaudern eingestellt. Im Übrigen löst sich der Stau immer verblüffend zügig auf, wenn’s denn erst mal losgeht. Ganz ohne Pannen klappt es wohl nie. Wirklich ärgerlich ist es, wenn draußen noch Leute abgewiesen werden, da die Vorstellung angeblich ausverkauft ist, drinnen aber nur die Hälfte der Plätze belegt ist. Wie ist das möglich? Und richtig peinlich wurde es wohl im Theater vor der Preisverleihung. Was war da los? Aber es gab Jahre, wo durch Internetbestellungen, die nicht gleich bezahlt werden mussten, erst mal Karten ohne Ende reserviert, dann aber doch nicht abgeholt und somit erst kurz vor Beginn der Vorstellung freigegeben wurden, was ein unglaubliches Gedränge vor den Kassen zur Folge hatte. Dieses Chaos ist glücklicherweise vorbei!

Tischtennis kann er spielen wie kein anderer, der dickliche Rille, der mit einem Haufen Probleme zu kämpfen hat. Der schwedische Spielfilm „Der Tischtennis-König“ von Jens Jonsson besticht nicht nur durch eine tiefgründige Geschichte in zum Teil völlig abstrusen, komischen Szenen und tolle jugendliche Darsteller, sondern insbesondere noch durch die bis aufs I-Tüpfelchen konsequent durchgehaltene Farbgestaltung. Auch ein Hit, ebenfalls preisgekrönt!

Ulrike erfreut und belustigt in diesem Jahr ihren Freundeskreis dadurch, dass sie eine bunte Mischung gut gekühlter Biervorräte verteilt, die sie ganz unauffällig draußen in ihrer Fahrradtasche deponiert hält. Das darf sich natürlich nicht herumsprechen.

Verarbeiten lässt sich diese Fülle unterschiedlichster Eindrücke und der damit einhergehenden Gefühlswallungen wahrlich nicht von heute auf morgen. Hilfreich ist es, sich in den Tagen nach dem Festival im Freundeskreis über das Gesehene (fast möchte ich sagen „Erlebte“) zu unterhalten, sich selbst die Quintessenz jedes Films kurz zu notieren oder sich die Zeit zu nehmen, auf Spaziergängen Revue passieren zu lassen, was da alles auf einen eingestürmt ist. Bloß nicht am nächsten Tag vor den Fernseher hocken. Das ist fatal!

Weinen und Lachen liegen in diesen Tagen oft so dicht beieinander, dass für beides Taschentücher bereitgehalten werden sollten. War es nicht im letzten Jahr, als vor Beginn eines Filmes („Mit offenen Armen“ von Johan Brisinger) kartonweise Papiertücher ausgeteilt wurden? Und nach anfänglicher Belustigung gab es am Ende tatsächlich kaum eine Person, die sie nicht benutzt hätte!

Xylophone sind viele im Einsatz, wenn Martin Grubinger und seine Kollegen mit 75 Jugendlichen das Projekt „connected by drums“ verwirklichen, was im gleichnamigen und sehenswerten kleinen Dokumentarfilm zu verfolgen ist (ebenfalls als DVD erhältlich). Nicht nur Jugendliche unterschiedlichster Couleur verbinden sich hier musikalisch im gemeinsamen Rhythmus, sondern mithilfe des Films wird auch ein Bogen zwischen Musikfestival und Filmfestival geschlagen.

Yngve, der beim Tennisspielen aussieht wie ein griechischer Gott (wusste gar nicht, dass Götter diesen Sport betreiben), haben viele ins Herz geschlossen, ebenso wie Jarle, den jungen Mann, der sich in Yngve verliebt und dadurch ziemlich durcheinander gerät. Wieder mal ein skandinavischer Beitrag, der das Thema Homosexualität mit einer gewissen Leichtigkeit und Liebenswürdigkeit angeht, ohne dabei die Irrungen, Wirrungen und schmerzhaften Erfahrungen beiseite zu lassen, die ein Coming-out insbesondere für Jugendliche mit sich bringt. Die anschließende mitternächtliche Plauderei mit Regisseur Stian Kristiansen und Hauptdarsteller Rolf Kristian Larsen gestaltet sich sympathisch zwanglos und passt zur Atmosphäre des Filmes. Schön, dass gerade dieser den NDR Spielfilmpreis bekommen hat!

Zu guter Letzt bleibt das Gefühl zurück, eine ganz besondere Auszeit hinter sich zu lassen, die, wenngleich auch selbst anstrengend, im besten Fall noch tagelang helfen kann, ein wenig über den unausweichlichen Banalitäten des Alltags zu stehen.

O'Horten, Foto: NFIO'Horten, Foto: NFI

Gerda Vorkamp
Gerda Vorkamp
Geboren 1958 in Herford, Lehramtsstudium, Angestellte im Fremdsprachendienst, freiberuflich tätig als Lektorin. Bei Unser Lübeck seit Beginn als Autorin und seit 2016 als Redakteurin dabei.
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