Beim „Detect Classic Festival“ trifft klassische Musik auf Techno, Berlin auf Bröllin und große Kunst auf Liebe zum Detail
Ein Fest für 3000 Freunde

Über den Posaunen schweben Geister. Angelockt von der Musik, so scheint es, hängen sie über unseren Köpfen, eine Versammlung luftgefüllter Kleider, im Flug erstarrt. Ich selbst sitze inmitten erster Geigen. Hinter mir Celli, vorne Hörner, rechts Pauken und Harfe. Auf ihrem Podest dreht sich Dirigentin Barbara Dragan wie ein Derwisch, verteilt Einsätze und ermutigende Blicke.

Die Junge Norddeutsche Philharmonie sitzt im Kreis ums Podest, und ich, gemeinsam mit anderen Konzertgästen, mitten unter ihnen. Zwischen den Instrumentenkörpern flattern Jogginghosen, luken Cappies und Barfüße hervor, hier und da auch Adiletten. Festivaloutfits eben. Denn auf dem Detect Classic Festival folgen klassische Konzerte keinen Konventionen.

Als wir zu Beginn des Konzertes eingeladen worden sind, uns mitten zwischen die jungen Musikerinnen und Musiker auf den Boden zu setzen, habe ich gezögert. Aus Respekt. Welcher Geigenbesitzer würde schon wollen, dass ich seinem teuren Instrument gefährlich nahe komme, während er selbst darauf achten muss, beim Spielen nicht mein Auge mit dem Bogen aufzuspießen? Aber verlockt hat es mich schon, einmal im Orchester zu sitzen, und nun sehe ich mich bestätigt. Ich höre die Schönheit der einzelnen Instrumente, vergleiche den Ton dieser einen Violine mit dem der anderen. Ich sehe Rücken sich spannen und entspannen im Fluss der Musik, sehe die kleinen Bewegungen, die Teil eines großen Ganzen werden, sehe die Arbeit in den Augen der Spielenden, aber auch die Freude, die es ihnen bereitet.

Dirigentin Barbara DraganDirigentin Barbara DraganMir fällt auf, wie die Dirigentin, der ich nun ausnahmsweise auch mal ins Gesicht sehen darf, mit ihrem Dirigat den Charakter eines jeden Einsatzes vermittelt – die Harfe: verletzlich, das Blech: bedrohlich und tanzend das Holz – und wie eindrücklich dies im Orchester wirkt. Ich lausche dem Solo der Konzertmeisterin, unterlegt vom entfernt wummernden Techno-Bass. Das Detect Classic Festival auf Schloss Bröllin, im gleichnamigen 260-Seelen-Dorf bei Pasewalk, vereint auf den ersten Blick gegensätzliche Pole deutscher Musikkultur. Auf sechs Bühnen geben sich an drei Tagen Acts aus klassischer und neoklassischer Musik mit solchen der Berliner Techno-Szene die Klinke in die Hand, wird vorm Konzertflügel getanzt und vor dem DJ-Pult kontempliert.

Die Atmosphäre ist extrem harmonisch. Kinder lassen ihrer Energie freien Lauf, Eltern sind entspannt. Was auffällt: Jeder Bereich auf dem Gelände des Gutshofes, dessen wohlwollende Bezeichnung als „Schloss“ Anwohner erst in den 1970er Jahren etabliert haben, besitzt eine eigene Atmosphäre. Von der Bettenlandschaft-inspirierten Area um den als „Kokon“ bezeichneten Ambient Floor, über den „Bogen“ mit bereits beschriebenem Geister-Dekor (Hauptspielort für die instrumentalen Live-Acts) und die „Kids Bay“ bis hin zur blumig gestalteten „FLORA“. Dies erklärt Konstantin Udert damit, dass die Gestaltung vollständig einer Reihe beteiligter Kollektive überlassen wurde. Es sei jedes Jahr wieder faszinierend, mit welchen Einfällen diese das Festival bereichern würden, so der Intendant des Detect Classic. Für die Auswahl des musikalischen Programms hingegen zeichnet der Festival-Mitbegründer gemeinsam mit einem kleinen Team selbst verantwortlich. 

Die Idee zu einem solchen Festivalformat sei damals, im Jahr 2018, überhaupt nur deshalb entstanden, weil die Mitglieder der Jungen Norddeutschen Philharmonie festgestellt hätten, dass erstaunlich wenige ihrer Freunde jemals den Weg in die Orchesterkonzerte fanden, die damals in ganz klassischer Manier recht steifgehalten wurden. Ein Imagewechsel musste her. „Und wir mussten einfach raus aus Berlin“, sagt Udert. Damit die Leute auch mal ein Wochenende investieren und nicht abends noch in den Techno-Club abdüsen. Im Gegenzug brachten die Gründer den Techno nach Bröllin, wo das Festival seit 2022 stattfindet.



Man dankt es ihnen mit Planbarkeit: In diesem Jahr haben sich 2.500 Menschen auf den Weg in die vorpommersche Ländlichkeit gemacht, die meisten aus der Hauptstadt, aber auch aus dem nahegelegenen Pasewalk nutzen der eine oder die andere den Vorteil eines vergünstigten Lokal-Tickets. Und ein Großteil aller Tickets sei bereits verkauft gewesen, bevor man das Line-up überhaupt veröffentlicht habe. Das ermögliche auch ein hohes Durchschnittsniveau der Acts, freut sich Udert, da nicht ein Großteil des Budgets für drei öffentlichkeitswirksame Headliner ausgegeben werden müsse. Ein gutes Beispiel für diese Line-up-Politik ist Felix Jedeck. Bei ihm herrscht eine andere Art der Magie als inmitten des Orchesters. In der „Kids Bay“ hat der Solo-Cellist neben seinem Hauptinstrument noch allerlei Technik verkabelt: Midi-Keyboard, Looper, Effektpedal. Die Grenzen seines Cellos austestend, erschafft er sphärische Klangwelten, über denen er dann improvisiert. 

Im Publikum finden sich hier mehrheitlich junge Eltern. Barfuß sitzen sie auf dem Teppichboden in der alten Lagerhalle zwischen Spielzeugen und Sportgerätschaften, während ihre Sprösslinge umherlaufen, schreien, sich gegenseitig schminken. Manche aber hören Jedeck aufmerksam zu, inspizieren ihn und sein Instrument ganz genau und kommen so mit Musik in Berührung, zu der andere erst später und manche nie den Zugang finden. Manchmal, so sagt Jedeck, schließe er beim Spielen die Augen. „Wenn ich sie dann wieder öffne, steht da so ein Kind einen halben Meter vor mir und guckt mich an.“ Stören tut das den Solisten aber nicht, im Gegenteil. Kinder seien ein viel besseres Stimmungsbarometer, als Erwachsene. Wenn die Musik sie langweile, liefen sie halt weg. Wenn sie aber vor einem stehen bleiben, wisse man, dass man etwas richtig mache. Und das gäbe eine besondere Energie.
Felix spielt auch im Kairos Kollektiv, das später am Abend Kammermusik mit zeitgenössischem Tanz verknüpfen wird.

Der Begriff der klassischen Musik ist beim Detect Classic sehr weit gefasst. Die Schnittmengen nicht nur zur elektronischen Musik, sondern insbesondere zum Techno werden offensichtlicher, je länger ich mich über die verschiedenen Bühnen treiben lasse. Das Projekt Changing Rules zum Beispiel spielt mit Gitarre, Piano und Live-Elektronik Stücke von Komponistinnen und Komponisten, die zu ihrer Zeit die Regeln der etablierten Musik gebrochen haben, so zum Beispiel das Minimal-Stück Piano-Phase von Steve Reich, bei dem sich grundsätzlich gleiche Melodien gegeneinander verschieben.



Der englische Begriff to detect bedeutet „entdecken“, im Falle des Festivals aber auch „neu-entdecken“ oder besser: klassische Instrumente auf ihre Grenzen testen und Hörgewohnheiten aufbrechen – von beiden Seiten. Denn eine Herausforderung an die eigene musikalische Eingefahrenheit ist das Festival durchaus. „Jetzt hätte ich zur Abwechslung gerne mal eine Runde ganz einfachen Pop“, konstatiert ein Besucher beim mittäglichen Matjesbrötchen abseits des Festivalgeländes, wo Bröllinerinnen und Brölliner das kulinarische Angebot auf eigene Faust erweitern. Hier zeigt sich eine weitere fusionierende Seite des Detect Classic Festivals: Anwohner bieten selbstgegrilltes, gebackenes, belegtes und gebrühtes zu fairen Preisen und bis weit in die Nacht hinein an und öffnen so ihre den Rest des Jahres über geruhsame Heimat für die lebensbejahende, aber auch sehr großstädtische Atmosphäre, die dieser Tage das Schloss Bröllin erfasst.

Maria Bertel entdeckt die Posaune neu – und das in einem Raum, der zwar frisch saniert, aber dafür umso historischer ist. Die Kirche von Bröllin stammt von 1478, Dachstuhl und Chorraum sind im Original erhalten, wie uns der heimische Pastor im Vorfeld des Konzerts stolz erklärt. Für eine Gemeinde mit 60 Mitgliedern beachtlich. Ebenso viele lauschen nun Maria Bertel, wie sie ihre Posaune unter Zunahme einiger Verkabelung verwandelt. Im ersten Stück mimt sie überzeugend das Didgeridoo, nur irgendwie bedrohlicher. Ein weiteres lässt Bilder von durchdrehenden Reifen auf Schnee vor dem inneren Auge aufziehen – vielleicht möchte Hans Zimmer einmal vorbeikommen und ein paar Samples nehmen? Für das nächste Sci-Fi-Epos?



Seit einiger Zeit steht das Festival unter der Schirmherrschaft der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern. Diese endet, ebenso wie die Bundesförderung, mit der aktuellen Ausgabe des Festivals. Zwar hätte es auch Argumente für eine weitere Zusammenarbeit gegeben, so der Intendant, betont aber auch: „Wir sind den Festspielen sehr dankbar.“ Für Know-how, Strukturen zum Beispiel. Zugleich biete sich nun auch die Chance, alles in Eigenregie zu gestalten. Das Auslaufen der Bundesförderung macht ihn nicht nervös, auch wenn sich das Festival noch nicht selbst trägt. Es gäbe schon einige Stiftungen, die reinwollen, ins Detect Classic. Für das nächste Jahr wünscht er sich 3.000 Besucher.

Je weiter die Schatten die Oberhand gewinnen, desto mehr Raum nimmt sich, was die Mehrzahl der Festivalbesucher wohl ihren heimischen musikalischen Boden nennen dürfte. Ganze Tische mit DJ-Equipment werden ab- und an anderer Stelle wieder aufgebaut, mit zunehmender Dunkelheit setzt sich das regelmäßige dumpfe Wummern in der Brust fest wie ein zweiter Herzschlag. An der Liquid Hörbar spürt man es ebenso wie auf dem abgemähten Weizenfeld, das als zweiter Campingrasen dient. Die letzten Sonnenstrahlen begleitet es und auch die ersten am Ende einer durchtanzten Nacht, bevor es einen, nach einer Dusche und Filterkaffee Marke Bröllin, in die musikalischen Abenteuer des nächsten Tages entlässt.


Fotos: (c) Leonhard Calm


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