Gus Van Sant: Trouble

Kulturfabrik Kampnagel in Hamburg
Internationales Sommerfestival auf Kampnagel - Finale

Holger KistenmacherVon

Die dritte Woche des wunderbaren Sommerfestivals begann bei immer noch sehr warmen Temperaturen recht besinnlich und moderat. Da las zum Beispiel der schwarze britische Schriftsteller JJ Bola auf der Waldbühne aus seinem neuen Buch, während im grellbunten Festivalgarten die Tanzwütigen stumm mit Kopfhörern bewaffnet nach der Musik der DJs JaJaJa abtanzten.

Dann ging es in der tief dunkelblauen Performance „Ugly Part 3: Blue“ von Raja Feather Kelly um schwarze Queerness, bei der der Tänzer und Performer zunächst mit Riesen-TüTü über die Bühne stolzierte, dann als römischer Gladiator mit Schwert kämpfte und später von einem gelben Huhn Besuch bekommt. Alles sehr elegant und mystisch, aber auch etwas geheimnisvoll.

Dann wurde der geniale PopArt-Künstler Andy Warhol von dem nicht minder bewunderten Star-Regisseur Gus Van Sant in seinem Musik-Theater-Stück „Trouble“ auf die Bühne gebracht. Mit einer relativ jungen portugiesischen Theater-Truppe hat er erstmals ein Stück für die Bühne produziert. Dabei spielen die jungen Schauspieler/innen (17 - 27 Jahre) die meist älteren Protagonist/innen in dem biografischen Stück über die Kunst-Ikone. Dies habe der Film-Regisseur mit Absicht so gestaltet, weil es ja auch im Umfeld von Warhol in seiner Factory sehr viele junge Menschen gab. Neben den berühmten PopArt-Künstlern und ihren Galeristen tauchen dementsprechend auch seine ersten Superstars, wie Nico oder Velvet Underground auf. Es geht aber auch um Drogen-Missbrauch, Queerness und moderne Kunst und Kommerz. Ein Stück in englischer Sprache, in der Gus Van Sant seinem schwulen Kunst-Idol ein würdiges Stück auf den Leib geschrieben hat.

Raja Feather Kelly - Ugly Part 3: BlueRaja Feather Kelly - Ugly Part 3: Blue

Dann allerdings wurde es heftig. Die berühmt-berüchtigte Skandal-Choreografin Florentina Holzinger und ihr gänzlich weibliches Bühnen-Personal (insgesamt 24 junge und alte, dicke und dünne nackte Frauen) hatte sich mit ihrem neuen Stück angekündigt. Und es kam wie erhofft (befürchtet). Mit die „Göttliche Komödie“ (A Divine Comedy), im weitesten Sinne nach Dante, geht es um Tod und Weiblichkeit, über Sterben und Rituale und die Fantasie Dantes bezüglich Himmel und Hölle. Und natürlich lässt Florentina Holzinger nichts aus: Anfangs wird per Hypnose eine junge Frau zu Dante, die allerdings ein drängendes Bedürfnis hat. Also rollen drei streitbare Dixie-Klos über die Bühne. Gleichzeitig werden auf Video-Leinwänden im Detail die Arbeit einer Tier-Präparatorin gezeigt, die ein weißes Pelztier entfleischt.

Dann folgt ein nackter Hürdenlauf von vier Tänzerinnen, während eine rasante Motorradfahrerin scheinbar ins Publikum rast. Gleichzeitig beginnen erste Holzarbeiten. Per Kettensäge schneidet eine Performerin Scheiben aus einem Baumstamm. Später folgen sechs nackte Holzfällerinnen, geschützt allerdings mit Eisenschuhen und Beinschonern, die sich mit riesigen Äxten an Stämmen abarbeiten, während im Hintergrund zwei Stunt-Frauen sich rückwärts von den beiden Showtreppen fallen lassen. Dazu wird nackt gegeigt und getrommelt, während auf den Video-Wänden das Höllenfeuer brennt. Zwischendurch wird immer mal wieder die alte Neumeier-Tänzerin Beatrice Cordua per Rollstuhl auf die Bühne geschoben, deren Tod hier eigentlich verhandelt wird.

Gus Van Sant: TroubleGus Van Sant: Trouble

Es folgen weitere grenzwertige Aktionen, wo sich so mancher Besucher entweder die Augen oder Ohren zuhält. Es wird einer Tänzerin Blut abgezapft, welches später für den expressiven Grabstein (Gemälde) der Toten gebraucht wird, während im Vordergrund vier Damen ihr Gedärm auf einer Farb-Palette entleeren und weiter hinten sich mehrere Frauen die Treppen runterstürzen. Außerdem gibt es folgend eine Farb-Orgie aus Blut, Wasserfarben und buntem Farbpulver, die doch ziemlich an die expressiven Blut-Orgien-Spektakel eines Herrmann Nitsch erinnern. Extrem laute, von Strohboskop-Licht-Gewittern begleitete Techno-Musik bringt dann die Mädels zum Tanzen, während sich diverse Besucherinnen die Ohren zuhalten.

Was fehlt noch? Eine ältere Dame, die sich explizit mit einem Massagestab selbst befriedigt, zwei Autos, die von der Decke hängen, eine Person, die in Brand gesteckt wird und das fertig präparierte Pelztier, das einer Blut-beschmierten Tänzerin in den Mund gestopft wird. Am Ende stirbt die alte Tanz-Diva, nachdem sie noch einmal von einer anderen Tänzerin mit vorgeschnalltem Dildo penetriert wurde - alles im Detail gut sichtbar auf den Leinwänden. Das erwartbar skandalöse und teilweise humorvolle Spektakel hinterlässt eine Bühne der Zerstörungen.

Florentina Holzinger: Göttliche KomödieFlorentina Holzinger: Göttliche Komödie

Trotzdem muss man Florentina Holzinger bescheinigen: Sie lässt absolut nichts aus, was provokant oder grenzwertig ist, gleichzeitig verfolgt sie seit Jahren eine Form der feministischen Theaterarbeit, die sich anscheinend immer noch steigern lässt. Sehr konsequent setzt sie seit Jahren nur noch weibliche Darsteller, wie Performerinnen, Tänzerinnen und Musikerinnen ein. Ihre Arbeiten sind mutig, schamlos, begeisternd, erschreckend, schockierend und oft über sämtliche Schamgrenzen gehend, aber anderseits schafft sie Bilder und Bühne-Szenarien, die an historische Schlachten-Gemälde erinnern. Ein ganz großes Gesamtkunstwerk, welches vom sehr toleranten Publikum gefeiert wurde, während allerdings auch einige Besucher/innen empört die Halle verließen.

Welch grandios-schräger Schluss-Akkord eines wunderbaren Festivals, welches einmal mehr gezeigt hat, dass Avantgarde-Kunst auch die großen Massen begeistert. Die meisten Veranstaltungen waren restlos ausverkauft, die Sehnsucht der Menschen nach außergewöhnlicher Kunst und Kultur in Zeiten von Krieg und Krisen ist immens. András Siebold und seinem vielköpfigen Künstler- und Mitarbeiter-Team sei Dank für ein großartiges Festival voller Highlights im Großen wie im Kleinen.

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Fotos: (c) Holger Kistenmacher

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.
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