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Internationales Sommerfestival auf Kampnagel bricht alle Rekorde
Avantgarde für alle

Holger KistenmacherVon

Selten sah man so viele Kinder durch die Hallen und den Avant-Garden von Kampnagel wuseln.

Das Internationale Sommerfestival 2018 hatte unter anderem mit dem Auftritt der amerikanischen „Streb Extrem Action-Truppe“, die mit ihrer fantastischen Mischung aus Stunt-Show, DJ-Musik-Power, New York City-Avantgarde und Superhelden-Comic-Attitüde für ein zeitgenössisches Adrenalin-Feeling für Action-Fans aller Altersstufen sorgte, für eine volle Hütte gesorgt. Dazu kam besonders bei den lauschigen Abendtemperaturen ein verspielter Avant-Garden mit Riesenschaukel und „Betrunkenem Karussell“, welche von großen und kleinen Kindern bis spät in die Nacht umlagert waren.

Streb Extrem Action: Singular Extreme Actions, Foto: Holger KistenmacherStreb Extrem Action: Singular Extreme Actions, Foto: Holger Kistenmacher

Gleich zu Beginn des Festivals gab es mit der französisch-österreichischen Künstlerin und Choreografin Gisèle Vienne und ihrer neuesten Arbeit „Crowd“ einen ersten Höhepunkt für Tanz-Liebhaber. In einem Bühnenbild, das wie drei Tage Wacken (Sandwüste mit Abfall und leeren Flaschen) daherkam, versammelte sich nach und nach eine tanzwütige Horde junger Raver, die sich allerdings in Zeitlupentempo zu extrem harter Electro-Music bewegte. Teilweise wurde der gesamte Tanz eingefroren, während die Techno-Beats weiter hämmerten. Trotzdem wurden alle Gefühle und Emotionen wie Liebe und Hass, Gewalt und Sexualität plastisch ausgelebt: ganz großes Tanz-Kino der Extra-Klasse.

Gisèle Vienne: Crowd, Foto: Holger KistenmacherGisèle Vienne: Crowd, Foto: Holger Kistenmacher

Die für ihre provokativen und radikalen Shows bekannte Performerin und Regisseurin Florentina Holzinger (Österreich) hatte diesmal mit „Apollon“, einer Neuinterpretation des Ballettstücks von George Balachine und Igor Strawinsky, eine wahre Freakshow zu bieten, die zwar mit der ursprünglichen Geschichte kaum noch was zu tun hatte, dafür aber für Grausen, Horror, Abscheu, aber auch viel Gelächter sorgte. Sechs nackte Tänzerinnen gaben von Spitzen-Tanz, Bullen-Reiten, feministischen Sado-Maso-Spielchen, Selbstverstümmelung und Fäkalien-Real-Absorbierung fast alles, um das Publikum zu irritieren. Eigentlich benahmen sich die Frauen wie Männer, obwohl es laut Regisseurin keinen männlichen Apollon mehr geben sollte: „Ich wollte auf der Bühne eine Art Utopie rekonstruieren, in der Männer nicht existieren.“ 

Florentina Holzinger: Apollon, Foto: Holger KistenmacherFlorentina Holzinger: Apollon, Foto: Holger Kistenmacher

Dazu gab es zu später Stunde noch zwei beeindruckende Musikabende mit alten, schwarzen Musikern. Die direkt vom Saturn eingeflogenen Free-Jazzer von Sun Ra Arkestra machten einen noch immer sehr erfrischenden, intergalaktischen Sound, auch wenn der Namensgeber längst verstorben ist und durch den, inzwischen auch schon 94-jährigen Saxophonisten Marshall Allen ersetzt wurde. Alleine ihre Show und die verspielten Glitzer-Klamotten waren das Eintrittsgeld wert. Ähnlich alt und radikal in ihrer Musikauffassung kamen die drei alten Herren aus Harlem, „The Last Poets“, daher. Die als Urväter des HipHop geltende Formation zeigte sich kampfbereit und brachte mit ihrer radikalen „Spoken Word Performance“ so manchen zum Denken plus Tanzen.

Sun Ra Arkestra, Foto: Holger KistenmacherSun Ra Arkestra, Foto: Holger Kistenmacher

Aber auch der großen, alten Lady des Noise-Sounds, der Wegbereiterin der Riot-Grrrl-Bewegung und der No-Wave-Underground-Ikone der 80er-Jahre Lydia Lunch kann im Zeitalter von „grab her by the pussy“ kaum eine der jüngeren Musikerinnen der Gegenwart das Wasser reichen. Eine Wand aus Gitarren-Drums-Gesang sorgte dafür, dass die Ohren gehörig durchgeblasen wurden. Mit ihrer subversiven Sexyness und knallhartem Punk-Rock sorgte sie auch wieder für Begeisterungsstürme bei Jung und Alt. Qualität ist eben nicht totzukriegen.

Lydia Lunch, Foto: Holger KistenmacherLydia Lunch, Foto: Holger Kistenmacher

Genau für diese außerordentliche Qualität sorgte zum Abschluss mein persönlicher Tanz-Höhepunkt: Die „Company Wayne McGregor“ aus England zeigte mit dem Stück „Autobiography“ ein Gesamtkunstwerk aus Gegenwartstanz, Licht, Bühnenbild und Musik von der Elektro-Zukunfts-Ikone Jlin. Zehn erstklassige, im klassischen Ballett geschulte Tänzer und Tänzerinnen boten modernen Tanz aus Dynamik, Eleganz, Präzision und Schönheit – Genuss pur.

Company Wayne McGregor: Autobiography, Foto: Holger KistenmacherCompany Wayne McGregor: Autobiography, Foto: Holger Kistenmacher

Der britische Choreograf und Regisseur Wayne McGregor, der auch Harry-Potter-Filme und Radiohead-Musikvideos gestaltete und ansonsten die größten Ballett-Companien Europas leitet, hatte sein Genom entschlüsseln lassen und daraus 23, seinen Chromosomenpaaren entsprechende Szenen geschaffen. Aus Spitzentanz-Pirouetten, eleganten Biegungen, kraftvollen Hebefiguren und dynamischen Schwingungen kombinierten die Hochleistungstänzer/innen klassisches Ballett-Repertoire und modernen Gegenwartstanz, wie er selten zu sehen war – großartig und ein bewegender Abschluss eines grandiosen Sommer-Festivals.

Man sieht sich nächstes Jahr.

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Fotos: (c) Holger Kistenmacher

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.
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