Man nannte ihn den Prince of Darkness, wegen seines introvertierten, vibratolosen Trompetenstils, das der Inbegriff von Coolness wurde. Mit „Kind of Blue“ spielte Miles Davis das meistverkaufte Album der Jazzgeschichte ein - es verkaufte sich über 6 Millionen Mal. Daneben war der wohl faszinierendste, einflussreichste und vielseitigste Musiker der Jazz-Ära aber auch eine große Diva mit Charisma - ein cooler Verführer.
Ich selbst durfte die Jazz-Ikone und Musikgenie selbst noch am 30 Juli 1990, ein Jahr vor seinem verfrühten Tod (28.9.1991) erleben. Damals gab Miles Davis ein umjubeltes Open-Air-Konzert auf der Hamburger Kunstinsel vor der Kunsthalle. Vorgefahren in einem Ferrari und umhüllt in einem glitzernden Umhang spielte er mit dem Rücken zum Publikum ein grandioses Set und verschwand dann wieder grusslos.
Miles 100 Marathon - Pop-Up-Bar im 5. Stock des Kaispeichers, Foto: (c) Sophie Wolter
Am 26. Mai wäre die Jahrhundergestalt an der Trompete 100 Jahre alt geworden. Die Elbphilharmonie gratuliert dem bahnbrechenden Jazzer mit einem fünfteiligen Festival in Top-Besetzung und einer Pop-Up-Bar im 5.Obergeschoss des Kaispeichers.
Miles 100 Marathon - Pop-Up-Bar im 5. Stock des Kaispeichers, Foto: (c) Sophie WolterDer Zahnarztsohn Miles Dewey Davis III kam am 26. Mai 1926 in Alton, Illinois zur Welt und wuchs in East St.Louis am Mississippi auf, in für schwarze US-Amerikaner damals ungewöhnlich begüterten Verhältnissen. 1945 ging er als 18jähriger nach New York, wo ihn Charly Parker und der Trompeter Gizzy Gillespie unter ihre Fittiche nahmen. Es war die Zeit des Bebop, die mit Melodien im Turbotempo durch komplexe Akkorde jagten und nebenbei so etwas wie ein neues Alphabet für den Jazz erfanden. Miles lernte schnell und klang früh anders als alle anderen. Als tüchtiger junger Spieler hatte er von seinem Trompetenlehrer Elwood Buchanan gelernt, dass das Vibratospiel schon von allein komme, wenn man alt und zittrig wird.
Also spielte er tänzelnd, reaktionsschnell, abwartend, mit einem unglaublichen Gespür für Timing. Es folgten Jahre mit neuen Musiker-Kollegen wie John Coltrane, Gil Evans und Gerry Mulligan, die mit intimen Big-Band Sound durch ambitionierte Stücke, die dem Bebop sein halsbrecherisches Tempo nahmen, eine weitere neue Ära einleiteten. Und Miles immer mitten drin. Trotz diverser Eskapaden mit Drogen, Alkohol und Sex war der Paradiesvogel Miles Davis ein ewiger Magier, der auf der Bühne noch das wildeste musikalische Tohuwabohu seiner Bandmitglieder mit einem einzelnen Ton auf der Trompete zu einem spirituellem Schweigen bringen konnte.
Miles 100 Marathon - Pop-Up-Bar im 5. Stock des Kaispeichers, Foto: (c) Sophie Wolter
Sein Ton auf der Trompete, gefiltert durch einen Dämpfer, klang oft heiser und brüchig wie seine Singstimme, die bereits in den 50er Jahren kaputt gegangen war. Ab 1969 in Zeiten der Hippies und Woodstock verfremdete Miles sein Spiel mit technischen Effektgeräten und drang so scheinbar auch in Spähren jenseits planetarischer Grenzen vor. Schwer beeinflusst von Jimi Hendrix, Sly Stone und James Brown entwickelte er den Jazz eigenen Gegenentwurf der Flower Power Generation und schuf mit „Bitches Brew“ (1969) das Einstiegsalbum für den Jazzrock. Aufgenommen mit Größen wie den Pianisten Chick Corea und Joe Zawinul, dem Saxophonisten Wayne Shorter, dem Gitarristen John McLaughlin, dem Bassisten Dave Holland und dem Drummer Billy Cobham, die später mit ihren eigenen Projekten wie Weather Report große Karrieren entwickelten. Der Sound wurde härter, lauter, rockiger, mit einer Verschiebung der musikalischen Parameter zugunsten von Rhythmus und ausgedehnter Improvisationen, die unmittelbar an die Psychedelic -Vibes der Zeit anknüpften.
Miles 100 Marathon - Pop-Up-Bar im 5. Stock des Kaispeichers, Foto: (c) Sophie Wolter
Aber das wilde Leben forderte auch seinen Tribut. So pausierte Davis ausgelaugt von Drogen und einer musikalischen Krise zwischen 1975 und 1981 über fünf Jahre und nahm auch keine Alben mehr auf. Heute würde man das Burnout nennen. 1981 feierte er sein Comeback und vollzog einen weiteren musikalischen Wandel. Inspiriert von Funk-Pop-Genie Prince setzte Miles jetzt auf Synthesizer, Drum-Computer und E-Gitarren und entdeckte den HipHop und Rap für sich. Wie immer entdeckte Miles dabei auch wieder neue Musiker, wie den grandiosen Bassisten Marcus Miller oder die Percussionisten Mino Cinelu und Darryl Jones, mit denen er die großartigen Alben „Tutu“ und „We want Miles“ einspielte. Eine immer noch existierende Formation mit Bill Evans am Saxophon und Mike Stern an der Gitarre, die für den grandiosen Abschluss des kleinen Miles-Marathons am 9. Juli sorgen wird.
Miles 100 Marathon - Pop-Up-Bar im 5. Stock des Kaispeichers, Foto: (c) Sophie Wolter
Aber bis dahin gibt es noch viel Musik rund um das Trompeten-Genie Miles Davis zu erleben. Wie bereits erwähnt, öffnet die Pop-Up-Bar im 5. Obergeschoss bei freiem Eintritt jeweils schon nachmittags vor den offiziellen Konzerten bis tief in die Nacht. Die Stimmung dort ist tiefenentspannt. An den Wänden hängen alle Alben, die der DJ Stück für Stück auflegt im Ambiente eines Wohnzimmers mit Perserteppich. Auf dem Plattenteller dreht sich „Miles smiles“ von 1966 - Miles lächelt und das Publikum auch. Man ist gechillt mit Blick auf den Hafen und die Elbe, einen Drink in der Hand (mit Alkohol „Miles High“ oder ohne „Free Jazz“). Rund 100 Alben hat der exzentrische Trompeter im Laufe seiner Karriere aufgenommen. Davon werden hintereinander 64 Alben gespielt, zusammen gut 50 Stunden Miles Davis.
Während unten das Vinyl knistert, spielt oben im Großen Saal die 10köpfige Band rund um den wunderbaren Schlagzeuger Bobby Previte, der sich seit Jahren mit Miles Davis und im Speziellen mit dem bahnbrechendem Album „Bitches Brew“ beschäftigt. Ihm und seiner illustren Band geht es dabei aber nicht um die konkrete Umsetzung des Albums, sondern mit seinem Konzept Bitches Brew Reimagined soll die Ekstase der Ära und der Spirit des Albums, „das alles veränderte“, eingefangen werden.
Bobby Previte Reimagines „Bitches Brew“, Foto: (c) Daniel Dittus
Bobby Previte, der unweit der Niagara Falls auf der amerikanischen Seite geboren und aufgewachsen ist, ging nach New York und wurde dort mit dem Drummer Tony Williams bekannt, der noch mit Miles gespielt hatte. Sein spezielles Konzert-Konzept, das ich auch in Hamburg erleben durfte, beruht darauf, dass er sich mit jeweiligen lokalen Größen der dortigen Jazz-Szene zusammentut.
So sind in der Elphi unter anderem der junge Jazz-Geiger José Francisco Pérez Colón, der mit seinem lässigen Sound bereits die Pop-Ikone Adele begleitete, die Flötistin Clemence Menachére, der Saxophonist Lasse Golz (Rocket Man), die Posaunistin Lisa Stick, der ToyToy-Gitarrist Alex Eckert sowie Denny Seidel (Dizzy Rodriguez) am Piano dabei. Als Fels in der Brandung der wilden Improvisationen wirkt dabei stoisch und cool die Bass-Ikone Brad Jones, sowie der Österreicher Fabian Rucker an der Bass Klarinette und der Saxophonist Michael Kammers.
Bobby Previte Reimagines „Bitches Brew“, Foto: (c) Daniel Dittus
Zu Beginn des Konzert erklärt der quirlige Drummer von einer Einladung in die Sony-Studios von New York, wo sämtliche Entwürfe des berühmten Albums vorlagen und die belegten, dass der Sound und die Arrangements immer wieder wechselten und verworfen wurden. Eine Grundlage, die auch in das jetzige Konzept umgewandelt wurde. So ist offensichtlich, dass es zum Beispiel keine Trompete dabei ist. Stattdessen trumpfen die Flötistin Manarchére mit höchsten Tönen und fast schon gesungenen Parts auf ihrer Querflöte und der lässige Geigensound von Colón in wilden Improvisationen auf. Wie ein Schamane wieselt der Schlagzeuger über die Bühne und treibt seine Musiker als Dirigent zu Höchstleistungen an.
Vom Original ist kaum etwas als die Titel zu hören. Mal dezent ruhig, fast schon andächtig werden die Stücke immer wieder neu interpretiert. Ausgehend vom exakten Schlagzeugspiel von Bobby Previte, der vom stoisch eleganten Bassspiel von Brad Jones die rhythmischen Grundlagen liefert, improvisieren sich die anderen Musiker*innen durch psychedelische wilde Eskapaden der Sound-Kunst. Wah-Wah-Gitarren-Riffs von Alex Eckert treffen auf pulsierende Bass-Töne, die an den Herzschlag erinnern, werden vom Geiger überspielt mit einer Lieblichkeit und Akkuratesse, dass einem fast die Tränen kommen.
Bobby Previte, Foto: (c) Daniel Dittus
Nachdem Previte die Band vorgestellt hat, gibt es noch eine wunderbare Version von „Sarahs Dance“ und als Zugabe ein ganz leise und elegant gespieltes „In a silent way“ von Joe Zawinul, wobei Previte seine Trommel ganz zärtlich mit den Puschel-Sticks bearbeitet. Ein sichtlich beeindrucktes Publikum verlässt zufrieden und strahlend den Großen Saal und wird zuhause bestimmt noch einmal das Original von Miles Davis aus dem Plattenschrank holen.
Ich freue mich bereits auf das Konzert am Donnerstag, den 9. Juli, wo Marcus Miller als Bassist und Bandleader mit seinen Mit-Musiker-Größen das Comeback der Superlative „We want Miles“ zelebrieren werden. www.elbphilharmonie.de

