„Wie hätte ich malen können, wenn ich diese Ausstellung nicht gesehen hätte?“. Mit diesem Zitat von Carl-Henning Pedersen anlässlich seines Besuches der Ausstellung "Entartete Kunst" 1939 in Frankfurt beginnt Noura Dirani ihre Einführung zur neuen Ausstellung über das dänische „Power-Kunstpaar Alfelt und Pedersen“ in der Lübecker Kunsthalle. Damit bleibt sie ihrem Anspruch treu, die Kunsthalle als Ort für Demokratiebildung, internationalen Austausch und Diskurse für alle im Rahmen von Gegenwartskunst zu öffnen und zu erweitern.
Überhaupt ist bei den Eröffnungsreden der verschiedenen Persönlichkeiten, die diese großartige Retrospektive des dänischen Kunst-Paares Alfelt-Pedersen einleiten, viel von Freiheit und internationaler Kooperation die Rede. So lobte Prof. Dr. Wolfgang Sandberger, der Vorsitzende der Possehl-Stiftung, den Mut und die Offenheit von Douranis Museumsarbeit, die Räume der Kunsthalle zu öffnen für Kunst mit internationaler Ausrichtung und Kooperationen, wie in diesem Fall zwischen Dänemark, Norwegen und Deutschland. Gerade in heutigen Zeiten von Kriegen und Krisen stelle dies einen unschätzbaren Wert dar. Die Verbindung nach Skandinavien, die in Form des Fehmarn-Belt-Tunnels gewiss kommen wird, spiele eine überragende Rolle, betonte ebenfalls Tilmann von Stockhausen, der Direktor der Lübecker Museen.
Noura Dirani (Direktorin Kunsthalle St. Annen) und Prof. Troels Svane (Musikhochschule Lübeck)
Und auch die Kulturministerin Dr. Dorit Stenke, die extra zur Eröffnung aus Kiel gekommen war, befand, dass der Begriff Freiheit nicht immer sofort mit Sicherheit in Verbindung gebracht werden muss, wie diese Ausstellung zeige, sondern Dimensionen der Freiheit auch Selbstermächtigung, kreativer Widerstand und gesellschaftspolitisches Engagement bedeuten sollten. Insofern stellt diese Ausstellung die Kontinuität der vergangenen künstlerischen Ausrichtung der Kunsthalle unter Beweis. Nach der großartigen und international sehr aufmerksam verfolgten Schau mit Werken der indischen Possehl-Preisträgerin Shilpa Gupta wird dieser kreative und radikale Weg jetzt mittels einer dänisch-deutschen Museums-Kooperation fortgeführt.
Es werden insgesamt 150 Werke von Carl-Henning Pedersen und seiner Partnerin Else Alfeld im Rahmen einer groß angelegten Retrospektive erstmals in Deutschland gezeigt. Die beiden Künstler, die außerhalb von Dänemark bisher kaum Beachtung fanden, sollen damit international die Anerkennung finden, die ihnen eigentlich zusteht, verlangt Finn Poulsen, der Vorsitzende der Carl-Henning Pedersen Foundation, die mit den vielfältigen Leihgaben die Schau erst möglich gemacht hat. Lübeck diene dabei in gewisser Weise als „Eisbrecher“ für weitere geplante europäische Kunstorte, die im Rahmen einer Ausstellungstournee vorgesehen sind. Zwischen den Eröffnungsreden sorgte der dänische Cello-Spieler und Musiklehrer an der Musikhochschule Lübeck, Professor Troels Svane mit drei virtuos gespielten Stücken von Per Nørgård, Johann Sebastian Bach und Hans Abrahamsen für musikalische Zwischentöne.
Carl-Henning Pedersen und Else Alfelt, 1966, (c) Carl-Henning Pedersen und Else Alfelts Museum
Die Entwicklung der beiden Künstler*innen war zunächst nicht absehbar. Sie lernten sich 1931 kennen und lieben, als Else Alfelt ein naturalistisches Porträt von Carl-Henning Pedersen anfertigte. Da war sie bereits autodidaktisch geschulte Malerin, während ihr späterer Ehemann noch völlig andere Ziele verfolgte. Sein Erweckungserlebnis in Sachen Kunst war der Besuch einer Ausstellung der Nazis über sogenannte „entartete Kunst“ 1939 in Frankfurt am Main. Daraufhin begann auch er mit expressionistischer, farbintensiver Malerei. Beide beteiligten sich in widerständigen, künstlerischen Vereinigungen, um sich gegen die Nazi-Herrschaft im besetzten Dänemark zu positionieren.
Nach 1945, als überall die Abstraktion als Kunstform ihren Siegeszug begann, blieben sich das dänische Künstlerpaar treu in ihrer Malerei aus Bild- und Formensprache. Gleichwohl wurden sie Teil und führende Mitglieder der internationalen CoBrA-Bewegung, die sich innerhalb der künstlerischen Avantgarde nach den Traumata des 2. Weltkriegs als alternative Kunstbewegung jenseits gesellschaftlicher und akademischer Zwänge gebildet hatte. Sie beeinflussten mit ihren gestisch-expressiven Malstilen aus Mythologie, nordischer Folklore und Kinderzeichnungen die Bewegung nachhaltig. Geeint im klaren Widerstand gegen Normen und gesellschaftlicher Grenzen, hinterfragten sie beide aber auch immer wieder ihre eigene künstlerische Praxis.
Carl-Henning Pedersen: Den flyvende røde hest (The Flying Red Horse), 1941, (c) Carl-Henning Pedersen und Else Alfelts Museum, Foto: Ralf T. Søndergaard
Die ältere Alfelt (1910 - 1974) und ihr Ehemann Pedersen (1913 - 2007) lebten zwar in völliger ehelicher Vertrautheit mit ihren beiden Töchtern, schufen aber völlig unterschiedliche, eigenständige Kunst. Während Pedersen der Poesie eines Marc Chagalls nacheiferte und sich von Motiven der nordischen Folklore und der mystischen Märchen inspirieren ließ, erinnern Alfelts kristalline Landschaften aus sanften Pastelltönen eher entfernt an die geometrischen Konstruktionen eines Lyonel Feiningers. Sie ist fasziniert vom unergründlichen Kosmos. Seit den späten 30er Jahren steht nicht mehr der Mensch, sondern die Stimmungen der Natur, die Himmelskörper und das Universum im Mittelpunkt ihrer Kunst. Somit schuf sie eine neue Landschaftsmalerei. Sie wirkt, als sei sie vom Himmel aus schauend entstanden.
Die Freiheiten nach dem Krieg nutzten die künstlerischen Eheleute häufig auch zum Reisen. Während Alfeld monatelang nach Lappland reiste anstatt nach Paris, wie es viele berühmte Kolleg*innen taten, weil sich dort die Boheme traf, suchte sie die Einsamkeit und Großartigkeit der nordischen Natur.
Else Alfelt, Himmelbuen (Firmament), 1946, (c) VG-Bild Kunst, Carl-Henning Pedersen und Else Alfelts Museum, Foto: Ralf T. Søndergaard
Wie noch in der damaligen Zeit üblich, fand das Werk Alfelts weniger Beachtung als die Arbeiten ihrer männlichen Kollegen. Geschlechterklischees und strukturelle Ausgrenzung führten die prekäre Position von Künstlerinnen innerhalb der eigentlich progressiven und avantgardistischen Kunstszene der Nachkriegsmoderne vor Augen. Umso wichtiger war die künstlerische Beziehung des Paares, die von gegenseitiger Einflussnahme und Unterstützung geprägt war. Pedersen betonte häufig, wie wichtig seine Frau für seine künstlerische Praxis war. Er habe viel von ihr gelernt, wenn auch sein Malstil völlig anders war als ihrer. Beide experimentierten mit Mosaiken als Vorarbeiten für große Werke, wie der Regenbogen von Alfelt oder Gebirgslandschaften von Pedersen. Aber auch ihre gemeinsamen Reisen, die später möglich wurden, beeinflussten ihr Werk. Sie reisten gemeinsam nach Island, Italien, Indien und Japan und erweiterten ihre Motivwelten, die dann zu formalen und thematischen Transformationen ihrer Sichtweisen führten.
Als Alfelt überraschend nach der Rückkehr aus Japan auf offener Straße stürzte und sich dabei 1974 eine Reihe von Hirnblutungen zuzieht und dann verstirbt, beginnt Pedersen ein Jahr später ein neues Leben mit seiner zweiten Frau Sidsel Samson, die er 1975 in Jerusalem trifft. Danach entsteht sein Spätwerk aus Bronze-Skulpturen und großen düsteren Malereien zwischen Kosmos und Chaos, die überwiegend im Untergeschoss des Museums ausgestellt sind. Obwohl sich viele Werke beider Künstler*innen nicht sofort erschließen, sondern einen zweiten intensiven Blick erfordern, lohnt sich ein Besuch der Ausstellung, um ein bis dato kaum bekanntes Künstlerpaar aus unserer dänischen Nachbarschaft kennen zu lernen.
Blick in die Ausstellung: Späte Werke von Carl-Henning Pedersen, Foto: Holger Kistenmacher
Wie üblich in der Kunsthalle gibt es wieder ein sehr umfangreiches Begleitprogramm zur schau, wie Workshops für Kinder und erwachsene, mehrsprachige Rundgänge, Zusammenarbeiten mit dem Seniorenbeirat und andere partizipartorische Formate, die die Hemmschwelle Museum für jung und alt senken sollen. Auch das allseits beliebte Art-Menü wird in der angeschlossenen Gastronomie angeboten. Aber auch die Verbindung von der historischen Retrospektive zur modernen Gegenwartskunst findet ihre Bedeutung, indem zum Beispiel die dänische Künstlerin Benedikte Bjerre ab dem 19. Juni eine Heerschar aus aufblasbaren Pinguinen im öffentlich zugängigen Foyer installieren wird. Die mit Helium gefüllten Ballons reagieren auf geringste Luftbewegungen und sollen durch den Raum tanzen. Das Werk nennt sich „The Birds“ und soll auf das Verschwinden der Königspinguine in der Antarktis aufmerksam machen.
Zur Ausstellung ist ein sehr umfangreicher und mit allen ausgestellten Werken abgebildeter Katalog erschienen, der in der Kunsthalle erworben werden kann. Die Retrospektive läuft in der Kunsthalle St. Annen bis zum 25. Oktober 2026.
Fotos: Holger Kistenmacher













