„Bitte vergesst uns nicht! Keine Vergebung – niemals!“ Das sind im KZ Ausschwitz die letzten Worte Katjas, Lehrerin war sie in Smolensk. Gerade ertönte ihre Lagernummer aus dem Lautsprecher. Alle wissen: es ist der Befehl zum Marsch zur Vergasung. Die letzten Worte ruft sie denen zu, die noch warten müssen, oder soll man sagen, noch „dürfen“?
Das ist eine der grausamen Szenen aus Mieczysław Weinbergs Oper „Die Passagierin“ mit ihrer äußerst dramatischen und zugleich sensiblen Musik, zu der Alexander Medwedjew ein so feinsinniges wie dramatisches Libretto geschrieben hatte. Wie an anderen Orten hinterließ sie auch in Lübeck großen Eindruck, denn Bernd Reiner Krieger, der schon mehrmals in Lübeck inszeniert hatte, brachte sie spannungsreich und glaubwürdig, zugleich realitätsbezogen auf die Bühne. Bei Jüngeren wirkte das sichtbar emotional, als wäre alles neu, bei Älteren rief es qualvoll verblasst geglaubte Erinnerungen hervor.
Changjun Lee (2. SS-Mann), Viktor Aksentijević (1. SS-Mann), Wonjun Kim (3. SS-Mann)
Weinberg, der heute noch wenig bekannte Komponist, wurde 1919 in Warschau geboren. Nach dem deutschen Einmarsch entkam er, einziger seiner Familie, ins Moskauer Exil, wo er später Stalins Judenverfolgung knapp entging und bis 1996 überlebte. Ein Fixpunkt in seinem Leben war die intensive, beide belebende Freundschaft mit Dmitri Schostakowitsch, der auch dieses Bühnenwerk zu verdanken ist. Es wurde 1968 Weinbergs erstes von sieben, zugleich sein wichtigstes. Eine Inszenierung hat er nie gesehen, weil der russische Staat sie verbot. Erst 2010 wurde „Die Passagierin“ wiederentdeckt, seitdem aber mehrmals aufgeführt. In Lübeck hatte sie am 12. Oktober Premiere, sehr dicht inszeniert, künstlerisch begeisternd.
Im Juni hatten die Lübecker Philharmoniker bereits auf die Thematik hingearbeitet. Sie konfrontierten im Juni, in ihrem 8. Konzert, das Publikum mit Arnold Schönbergs „Ein Überlebender aus Warschau“ (1947). Selbst der Musikästhetiker Theodor W. Adorno, der den Holocaust für nicht komponierbar hielt, räumte ein, dass „so wahr nie Grauen in der Musik geklungen“ habe (Prismen, 1955). Dem Schönberg-Werk folgte eines seines Schülers Viktor Ullmann, „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“, entstanden 1944 in Theresienstadt, in dem „Musterlager“ der Nazis. Es sollte der Welt ein jüdisches Leben voller „Freizeitgestaltung“ vorgaukeln. Uraufführen konnte Ullmann seine Komposition noch, nur wenige Tage später, wurde er am 18. Oktober in Auschwitz-Birkenau in der Gaskammer ermordet. Heute sind es genau 80 Jahre her.
Ensemble, Marlene Lichtenberg (Lisa), Adrienn Miksch (Marta)
Dort, in Baracken, Magazinen oder Werkstätten des Vernichtungslagers, spielen der eine Teil der Opernszenen, die retrospektiven. Im Mittelpunkt steht dabei das Schicksal von Zofia Posmysz (1923 – 2022), die im Libretto Marta heißt. Real war sie eine polnische Widerstandskämpferin, Redakteurin und Autorin. 1942, noch 18-jährig, wurde sie inhaftiert. Im November 1944 evakuierte man sie in das Frauenlager Ravensbrück, bis sie Anfang Mai 1945 aus der „Hölle“, wie das KZ im Libretto heißt, befreit wurde. Dmitri Schostakowitsch hatte ihren plastischen Bericht gelesen, ihn Weinberg empfohlen. Er war tief beeindruckt und bat den in Moskau geborenen Librettisten Alexander Medwedjew, daraus die Handlung für ein Bühnenwerk zu gestalten.
Wie weh es tut, Mensch zu sein
Auch der zweite, zum anderen sehr kontrastive Handlungsstrang basiert auf einer biografischen Anekdote Zofia Posmyszs. In ihr spielt das zufällige „Wiedererkennen“ einer der Befehlsstimmen in Ausschwitz eine Rolle. Sie gehört Lisa, der anderen der zwei Protagonistinnen. Sie will „die Gespenster der Vergangenheit“ verscheuchen, aber der „Trost“ ihres Ehemanns Walter hilft nur wenig: „Wir Deutschen quälen uns gern mit Zweifeln, mit Schreckensfantasien und nebligen Geheimnissen.“
Marlene Lichtenberg (Lisa), Konstantinos Klironomos (Walter), Adrienn Miksch (Marta), Kapelle, Statisterie des Theater Lübeck
Medwedjew versetzte die Szenen auf einen von Deutschland nach Brasilien fahrenden Ozeandampfer, der ihm neben der zweiten Zeitebene auch das konträre Luxusmilieu lieferte. Äußerst geschickt sind diese Bereiche durch Motivketten oder Musikstücke verschmolzen, obwohl sie zeitlich anderthalb Dezennien auseinanderlagen. Die schlüssige Lübecker Inszenierung von Bernd Reiner Krieger vertiefte das zusätzlich, indem markante Gesichter von Darstellern hier wie da eingesetzt wurden, jeweils anders anmutend. Auch das Bühnenbild von Hans Kudlich verband auf engem Raum die Milieus, beides, die hellen, luftigen Außendecks oder das düstere Innere des Schiffes war dennoch durch die geschickte Beleuchtung (Falk Hampel) schnell verortbar.
Für die Ausschwitz-Remineszenzen öffnete sich der innere Bühnenraum mit den KZ-Insassinnen. Die Nazis wollten sie entpersönlichen, zu Nummern machen. Aber das misslang. Weinbergs Musik machte sie erneut zu Charakteren (oder waren es die Worte, die sie sprachen?) Die Russin Katja (Natalia Willot) ist schon erwähnt. Zwei Polinnen bewältigen konträr die Situation, Bronka (Julia Grote) zieht für sich und die ganze Gruppe Kraft aus dem Gebet, klagte dennoch, wie weh es tue, Mensch zu sein, Krystina (Frederike Schulten) zweifelt an Gott, fragt Bronka: „Ist Gott erneut Mensch geworden … ermordet hier in Ausschwitz?“ Auch die jüdische Griechin Hannah (Delia Bacher), die trotz allem optimistisch bleibt, „weil wir Menschen sind, zum Leben geboren“ zeigt die Sinnlosigkeit dieser unmenschlichen wie präzisen Vernichtungsarbeit.
Chor und Ensemble des Theater Lübeck
Protagonistinnen
Beide Bereiche waren geprägt durch die zwei weiblichen Hauptfiguren, einerseits durch Marta, andererseits durch Lisa, ebenso einem realen Vorbild nachempfunden. Es war die KZ-Aufseherin Anneliese Franz, die Merlene Lichtenbergs mit ihrem Mezzo in allen Höhen und Tiefen stimmlich mit einer großen Spannung bewältigt, zudem durch ein sehr variables Spiel. Sie musste sich wandeln von der höllischen Meisterin zynischer Manipulationen zu der an ihren Erinnerungen verzweifelnden Frau. Marta, die Sopranistin Adrienn Miksch, gelang es, sich dem zu widersetzen. Sie stellte sich ihr mit ihrem sehr farbigen und bewundernswert feinen Spiel entgegen. Die Dialoge der beiden gaben zudem dem Libretto hohe Präsenz, so dass sie nicht parlandohaft zerflossen. Vor allem Martas zwei Solos, das Dankeslied zu ihrem 20. Geburtstag und das vokale Finale, wurden zum Höhepunkt der Musik. Weinbergs Partitur, einfühlsam von Takahiro Nagasaki, dem 1. Kapellmeister, ausgedeutet und von den Philharmonikern schnörkellos gespielt, hatte zudem nicht nur gewichtige Momente, sie erhielt eine steuernde, vorbereitende Funktion, die der Handlung grandios angepasst war und beides, Musik und Sprache, in hohem Maße verband.
Adrienn Miksch (Marta), Jacob Scharfman (Tadeusz)
Das Stück ist eigentlich ein Frauenstück mit nur wenigen SS-Schergen. So bekamen nur die beiden Hauptfiguren einen männlichen Partner. Marta traf im KZ zufällig ihren Verlobten wieder, den Jacob Scharfman mit seinem kraftvollen, weit gespannten Bariton sehr standhaft zeichnete. Er gestaltet den Tadeusz als einen Mann, der zu Marta passt. Er ist ebenso unbeugsam wie sie. Vor allem die Szene, in der er sich mit Bachs Chaconne widersetzt, ist von überwältigender Art und wandelt sich bei seiner Erschießung vor Martas Augen zu einer der härtesten Szenen. Lisa dagegen ist auf Hochzeitsreise. Die Rolle ihres Ehemanns Walter lag bei Konstantinos Klironomos, der sich mit einem hörenswerten Tenor als neues Ensemblemitglied vorstellte. Walter ist auf dem Wege, BRD-Botschafter in Brasilien zu werden. Nuanciert ist auch sein Spiel, das sich im Dialog mit Lisa, auch in Verharmlosung und in Wirklichkeitsverlust ständig wandeln muss.
Nicht zuletzt hatten im optischen Bereich die unaufdringlichen, doch charakteristischen Kostüme Ingrid Leibezeders und im musikalischen die stark fordernden markanten Chorauftritte an dem in vielerlei Hinsicht vielschichtigen und außergewöhnlichen Gesamterfolg großen Anteil. Es wurde ein Theatererlebnis mit Blick in die Geschichte und mit erschreckend vielseitigen Bezügen zur Gegenwart und einem stillen Auftrag: Besinnt euch!
Adrienn Miksch (Marta)
Deshalb soll Marta wie im Libretto das letzte Wort haben: „Ich hör’s noch: >Keine Vergebung – niemals.< … Ich werde euch nie und nimmer vergessen ...“
Fotos: (c) Jochen Quast