Chor und Statisterie des Theater Lübeck, Foto: Olaf Malzahn

Giacomo Puccinis „La Bohème“
Ein Danse macabre fascinierender Art

Merkwürdig ist schon, dass in dieser Spielzeit alle drei der nördlichen Opernhäuser eine „Bohème“ inszenierten. Schwerin und Kiel eröffneten damit die Saison, Lübeck setzt sie ans Ende.

Auch eine vor 10 Jahren mag einigen Besuchern noch in Erinnerung sein. Immerhin vier der Darsteller spielten auch damals mit, einer sogar in gleicher Rolle. Ohne Zweifel packt diese Oper immer wieder. Das Publikum lockt die ungeheuer anziehende Musik, das wissen die Intendanten. Für die Regieführenden ist es das vielseitige Geschehen. Welcher der drei diesjährigen aber im Vergleich insgesamt die Palme zukommen sollte, sei nicht verraten. Lübeck hat zumindest gute Chancen wegen ihrer ungewöhnlichen Bühnenfassung.

Es scheint ein Erfolgsmodell zu werden: Lübeck hat in dieser Saison gleich zweimal erprobt, erfahrene Opernsängerinnen inszenieren zu lassen. Brigitte Fassbaenders sehr schlüssige „Elektra“ liegt gerade einmal drei Monate zurück, jetzt wurde (26. April 2024) die Sopranistin Angela Denoke für ihre Inszenierung von Giacomo Puccinis „La Bohème“ langanhaltend gefeiert. Was beide auszeichnete, war ein hohes musikalisches Niveau und daneben die in sich geschlossene Bühnenschau, die bei der „Bohème“ noch überraschen konnte.

Changjun Lee (Colline), Jacob Scharfman (Schaunard), Evmorfia Metaxaki (Mimì), Iurie Ciobanu (Rodolfo), Gerard Quinn (Marcello), Foto: Olaf MalzahnChangjun Lee (Colline), Jacob Scharfman (Schaunard), Evmorfia Metaxaki (Mimì), Iurie Ciobanu (Rodolfo), Gerard Quinn (Marcello), Foto: Olaf Malzahn

Nachdenken dürfte gleich das riesige Exemplar von einem Kamin verursachen, das Timo Dentler und Okarina Peter aufstellten. Sie beide waren schon mehrmals gemeinsam für Bühne und Kostüme in Angela Denokes Produktionen verantwortlich. Dieser Kamin nun beherrscht die Bühne und zitiert in seiner antikisierenden, aber kalten Pracht vieles, vor allem das Grundthema des Librettos, den Wunsch nach Wärme und Liebe. Er wird damit ein großartiges Symbol für das, was die Künstlerkommune auf der Bühne sucht. Zudem passt er in den ersten beiden Szenen großartig zu der Situation. Im ersten wird jedes Heizen in dem riesigen Feuerloch zum vergeblichen Tun, lässt sogar den Blick über schneebedeckte Dächer nicht vermissen.

Im zweiten, jetzt Drehpunkt im Quartier Latin, mutiert der Kamin zu einem Portal, um und unter dem sich die Besucher des Marktes sammeln. Nur spenden das turbulente Treiben und die divergente Öffentlichkeit keine Wärme. Für das folgende Bild, die Wirtshausszene an der Barrière d’Enfer, ist die Rückwand auf der Bühne nach vorn gedreht. Man blickt auf eine Ruine, deren Backsteinformat das Mittelalter zitiert. Ein Schelm, wer das historische Lübeck darin vermutet, womit die Bohème in der Hansestadt nachgewiesen wäre. Das vierte dann, eigentlich ganz in der Dachmansarde verankert, ist merkwürdigerweise auf zwei Orte verteilt und wird anfangs vor dem Vorhang gespielt. Dieser neutrale Hintergrund aber mag sich mit den charaktervollen Räumen der anderen Szenen nicht zu einer sinnvollen Einheit verbinden, nivelliert den Kontrast, den der Übermut des Künstlerkleeblatts zu dem folgenden Ernst der Todesszene haben soll. Erst wenn die Mansarde sich öffnet, ist der Zuschauer wieder im Geschehen.

Iurie Ciobanu (Rodolfo), Gerard Quinn (Marcello), Foto: Olaf MalzahnIurie Ciobanu (Rodolfo), Gerard Quinn (Marcello), Foto: Olaf Malzahn

Zeitlich ist das Geschehen durch die fantasievollen, teils bunten Kostüme in fernerer Vergangenheit angesiedelt, wozu auch dieser Kamin wunderbar passt. Er erlaubt zu vermuten, dass die Künstlerclique einst bessere Quartiere hatte, was einzelnes wie des Philosophen Collins Mantel untermauert. Es bestätigt die Vermutung über das individuelle Alter der Gruppenmitglieder, die in der Lübecker Inszenierung zwar ein quicklebendiger, dennoch nicht einheitlich taufrischer Typenhaufen ist. So ist Rodolfo das Fehlen von Jugendfrische ins Gesicht gemalt, obwohl Iurie Ciobanus prachtvoller und wendiger Tenor, er ist der einzige Gast, immer wieder alle Höhen unangestrengt erklimmt. Das setzt einen eigenwilligen, doch sinnvollen Kontrast, weil diese Mimì einmal nicht von Anbeginn als Schwindsüchtige gezeichnet wird. Evmorfia Metaxaki darf dagegen eine lebendige, lebensfrohe Blumenstickerin sein, der erst ganz zum Schluss die Kräfte schwinden. Wie sie in dieser Inszenierung stirbt, ist grandios erdacht, kann jedoch nur einer Sängerin mit so schmeichelnd schönem Stimmklang und solch selbstbewusster Ausdruckskraft im Spiel abverlangt werden. Wie sie stirbt sei nicht verraten, womit die Empfehlung verbunden ist, das selbst zu erleben.

Iurie Ciobanu (Rodolfo), Evmorfia Metaxaki (Mimì), Foto: Olaf MalzahnIurie Ciobanu (Rodolfo), Evmorfia Metaxaki (Mimì), Foto: Olaf Malzahn

Lübeck besetzt ebenfalls das Gegenpaar sehr stimmig. Denn Musetta, der Natalia Willot eine ansehnliche Erscheinung und eine wunderbare Stimme gibt, ist hier nicht so verspielt, dass sie zur bloßen Schablone eines leichten Mädchens wird. Sie und der gesanglich in seiner Vielseitigkeit immer wieder überraschende Bariton Gerard Quinn bewahren dieses Paar vor allem Kokottenklamauk, weil er, der Maler Marcel, in dem Künstlerkreis mit Würde um seine alte Liebe ringt. Auch die beiden noch fehlenden Bohèms kann Lübeck charaktervoll besetzen. Den Schaunard, den Musiker, singt und spielt Jacob Scharfman mit seinem klaren und weit tragenden Bariton. Und Philosoph Colline bekommt durch Changjun Lee einen Bass von Gewicht, der dessen Mantelopfer zusätzlich adelt. Wäre noch einer zu nennen, dem Komik immer wieder gelingt, mit Würde zu mischen. Es ist Steffen Kubach, der Bariton, dem wohl deshalb gleich zwei Rollen anvertraut sind, die des Benoits und die des Alcindoro. Die Vermischung passt, wird er doch in der ersten Dachbodenszene wegen seines Fremdgehens gefoppt, worauf er sich in den Folgeszenen düpiert an Musetta versuchen kann. Drei Sänger aus dem Chor fügen sich qualitätvoll ein. Es sind Mark McConnell als Parpignol, Chul-Soo Kim als Sergeant bei der Zollwache und Yong-Ho Choi als Zöllner.

Steffen Kubach (Benoît alias Alcindoro), Iurie Ciobanu (Rodolfo), Evmorfia Metaxaki (Mimì), Jacob Scharfman (Schaunard), Changjun Lee (Colline), Natalia Willot (Musetta), Gerard Quinn (Marcello), Foto: Olaf MalzahnSteffen Kubach (Benoît alias Alcindoro), Iurie Ciobanu (Rodolfo), Evmorfia Metaxaki (Mimì), Jacob Scharfman (Schaunard), Changjun Lee (Colline), Natalia Willot (Musetta), Gerard Quinn (Marcello), Foto: Olaf Malzahn

Solche Massenszenen wie die zweite sind für kleinere Bühnen immer ein größeres Problem. Dafür fand Angela Deloke mit ihrem Team (Choreografie: Fabio Toraldo) in der Drehbühne einen sinnvollen Helfer. Sie kann alle gerade Agierenden in die Nähe der Rampe bringen, den Kinderchor Vocalino wie den der Musik- und Kunstschule oder den großen Theaterchor. Das wirkte lebendig, ohne die Gruppen statisch abzusetzen. Vor allem lässt es sie voll und rund klingen und unterstützt damit die Arbeit von deren Leitern (Theaterchor: Jan-Michael Krüger, Kinderchöre: Gudrun Schröder). Schließlich mussten sie nicht den ganzen Bühnenraum beschallen.

Alles wäre verlorene Liebesmühe, wenn das Orchester nicht gleichwertig wäre. Aber auch damit kann die Aufführung punkten, denn Stefan Vladar führte seine Philharmoniker sehr empfindsam, ließ den Stimmen Zeit und Luft zum Mitatmen. Spaß, Spannung und Trauer verbanden sich hörenswert.


Fotos: Olaf Malzahn

Arndt Voß
Aufgewachsen in Neumünster, in Lübeck seit 1959. Studium in Kiel und Hamburg (Musik- und Literaturwissenschaft). Ständige Mitarbeit an den Lübeckischen Blättern von 1974 bis 2014, Berichte und Kritiken darüber hinaus in einigen anderen Organen. Schwerpunktthemen: Musiktheater, Schauspiel, Konzerte.

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