Ein spielerischer Kommentar zu Corona
Lübecks Taschenoper mit „Anfassen? Eine Abstandsoper“

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Eine merkwürdige Zeit ist’s und schon so lang andauernd, wohl besonders irritierend für die Kleinen, die Kinder in Tagesstätten oder Kindergärten. Sie müssen sehen, dass die Erwachsenen sich eigenartig verhalten, sich voneinander distanzieren.

Umarmen geht nicht, selbst die Hände zu schütteln ist tabu. Entgegengestreckte Innenflächen der Hände sind dafür zum Sinnbild geworden, auch zum Handlungsmotiv in der jüngsten Inszenierung der Taschenoper Lübeck, kurz TOL genannt.

Das Negative dieser Geste reflektieren wollte TOL und schuf dafür „Anfassen? Eine Abstandsoper“. Zwei Personen treten auf, Margrit und Tobias, die sich einfach nur mit ihrem Anfangsbuchstaben M und T ansprechen. M will Nähe. T bekundet mit dem gestreckten Arm unmissverständlich das, was ein Plattdeutscher so sagt: „Bliev mi von de Farv!“ Aber man hat ja ein Publikum, das man allerdings in der anfänglichen Dunkelheit erst finden muss. Und man will ihm etwas bieten. Musik soll helfen, sich nahe zu kommen. T findet ein Piano. M soll singen, traut sich aber nicht, das allein vor vielen zu tun. Aber es gibt die jungen Besucher, die unterstützen, erst beim Mitsummen, später beim Klatschen. Mit ihrer Hilfe läuft’s an, zumal T am Klavier dabei ist. So wird eine Melodie eingeübt, eine schöne, aber gar nicht so einfache, dafür ohne Text.

Sie stammt diesmal nicht aus einer Oper, wofür TOL sonst steht. Es ist das Anfangsthema aus einem Liederzyklus von Ludwig van Beethoven, 1814 komponiert. Das Werk hat seine Bedeutung in der Musikgeschichte. Mit seinen sechs Liedern in durchkomponierter Form wurde es für viele Komponisten zum Vorbild. „An die ferne Geliebte“ ist der Titel, worin Distanz schon einmal anklingt. Und auch ein Zweites passt in unsere Zeit. Die originalen Texte stammen nämlich von Alois Jeitteles. Er war Arzt und Lyriker und sandte sie an Beethoven als Dank dafür, dass der ihm Anerkennung gezollt hatte. Beethoven fand es bewundernswert, dass der junge Mediziner im tschechischen Brünn eine Seuche aufopferungsvoll bekämpft hatte. Man sieht: Medizinische und pflegerische Leistungen lohnen sich. Wir dürfen gespannt sein, ob sich in unserer Pandemie auch ein Beethoven findet.

All das erfuhren die kleinen Zuhörer nicht. Solche Hintergründe sind allenfalls etwas für die Eltern. Die Kleinen wurden dafür musikalisch mitgenommen. Julian Metzger hatte die Lieder eingerichtet, während Margrit Dürr, die Leiterin der TOL, ihnen neue Texte verpasste und sie mit einer quirligen Handlung verband. Sie hatte auch selbst den Gesangspart übernommen und in Tobias Hagge einen sicheren Partner im Singen und am Piano (Regie: Sascha Mink).

Mut brauchte M nicht nur zum Singen. Auch sich den drei zotteligen Figuren auf der Bühne zu nähern und deren unbekanntes Wesen zu erkunden, kostete Überwindung. Weiß war das eine, schwarz das andere und beige das dritte. Katia Diegmann hatte geschickt aus Thereminis, einem Musikinstrument, das unbekleidet irgendwie einem Kleiderständer mit Antenne ähnelt, drei Gestalten gemacht. Sie gaben auf merkwürdige Art verwunderliche Töne von sich und erlaubten, Nähe und Ferne optisch und akustisch darzustellen. Sie mischten sich ein, beteiligten sich hoch oder tief und äußerten sogar Unbehagen, alles auf geheimnisvolle Weise.

Wohl deshalb fand das Mitmachen auf der Bühne bei dieser Inszenierung erst im Nachhinein statt. Da wurden dann die drei Thereminis von den immer noch staunenden Kindern angeregt, ihre magischen Töne von sich zu geben. Es waren Töne, die nur durch ein Bewegen der Hände in der Luft sich änderten. Das faszinierte mächtig.

Trotz der anspruchsvollen Musik und des eher abstrakten Handlungskerns machte diese „Oper zum Thema Nähe und Distanz“, wie TOL sie verstanden wissen wollte, den Kindern mächtig Spaß.

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Lübecks Taschenoper mit „Anfassen? Eine Abstandsoper“ Lübecks Taschenoper mit „Anfassen? Eine Abstandsoper“ - Tobias Hagge und Margrit Dürr Lübecks Taschenoper mit „Anfassen? Eine Abstandsoper“ Lübecks Taschenoper mit „Anfassen? Eine Abstandsoper“ Lübecks Taschenoper mit „Anfassen? Eine Abstandsoper“

Fotos: (c) Olaf Malzahn

Arndt Voß
Aufgewachsen in Neumünster, in Lübeck seit 1959. Studium in Kiel und Hamburg (Musik- und Literaturwissenschaft). Ständige Mitarbeit an den Lübeckischen Blättern von 1974 bis 2014, Berichte und Kritiken darüber hinaus in einigen anderen Organen. Schwerpunktthemen: Musiktheater, Schauspiel, Konzerte.
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