Gerard Quinn (Der Impresario), Steffen Kubach (Agata, Luigias Mutter)

Donizettis „Viva la Mamma“ in Lübeck
Gute Kost mit Brokkoli und Belcanto

Gaetano Donizettis „Viva la Mamma“ wurde im Großen Haus leicht und mit Lust zum Schrägen serviert (9. Oktober 2021). Das lag bei Donizettis Belcanto-Opus nahe, zu dem er nicht nur die Musik schuf, bei dem er auch am Libretto einen großen Anteil hatte - und sicher Spaß.

Er konnte zur Recherche einen Vorteil nutzen, den kaum ein anderer hat. Er brauchte nicht einmal das Theater zu verlassen, um sein Sujet zu finden, den „normalen“ Bühnentag. Dass so etwas überzeichnet wirkt, konnte er nicht verhindern, wollte er bei der Wahrheit bleiben. Denn genug Stoff fand er drinnen im hektischen Betrieb mit all dem Unwägbaren, das Allüren und Eitelkeiten brachten. Er sah alle damit belastet, angefangen bei der Führungselite aus Impresario, Komponist und Librettist, die sich ebenso uneins waren wie die Diven und Sänger mit ihren Dünkeln oder Schwächen.

Alles getoppt sah Donizetti 1831 schon, als seine Oper uraufgeführt wurde, durch das immer leidige Geldproblem. Alle wollten verdienen, Komponist und Texter, das weitläufige Personal und die Musiker, vor allem jedoch die Sänger, gestaffelt nach Eitelkeit, nach Protegés und Können, wobei die Reihenfolge nicht geändert werden sollte. Über allem aber stand der Impresario, heute als Intendant bekannt. Der betreibt das Institut im Vergleich zu seinen Kollegen damals mit kalkulierbaren Subventionen. Ob sie ausreichen ist hier nicht die Frage.

Andrea Stadel (Corilla Sartinecchi, die Primadonna), Steffen Kubach (Agata, Luigias Mutter)Andrea Stadel (Corilla Sartinecchi, die Primadonna), Steffen Kubach (Agata, Luigias Mutter)Der originale Titel „Le convenienze ed inconvenienze teatrali“, verdeutscht als „Sitten und Unsitten der Leute vom Theater“, ist leider zu lang. „Viva la Mamma“ ist kürzer, so geheimnisvoll wie banal, doch mit dem Vorteil, dass wenigstens die Hauptperson erwähnt ist: Agata, geschrieben wie die Kartoffelsorte, ist dagegen die zentrale Figur, ein Mann in Frauenkleidern. In Lübeck hat in dieser Partie Steffen Kubach seine mitreißend komödiantischen und feinsinnig durchgefeilten Auftritte. Bei schon eindrucksvoller Körpergröße hilft Kostümbildnerin Ilona Holdorf-Schimanke noch mit hochhackigen Stiefeln und einer üppigen Haarpracht nach. Das macht ihn endgültig unübersehbar, unüberhörbar macht er sich selbst.

Für seine Auftritte und vor allem für die der Primadonna Corilla Sartinecchi, gesungen von der im Buffo-Fach versierten, zugleich koloraturensicheren Andrea Stadel, hat Stefan Heinrichs ein imposantes Bühnenkonstrukt geschaffen. Schräg ragt es mit üppig rotem Vorhang von vorn nach hinten. Davor füllen mehrere Stuhlreihen mit ebenso roten Polstersitzen die Bühne. Links stehen riesige Spiegel, die den Raum verdoppeln. Diese Bühne half, die beiden Ebenen, eine für die Opern-, die andere für die Spielhandlung, optisch zu verdeutlichen. Dennoch wirkt alles eher zwielichtig, wie das schräge Podest auf der Bühne, auf dem die Primadonna mit endlosen Tontiraden und seelenloser Technik ihre Vormachtstellung zu behaupten sucht. Sie singt zudem auf dem Podest vor einem goldenen Klobecken, die Bürste als Mikrofon in der Hand. Ob das eine gelungene Anspielung auf Maurizio Cattelans Kunst- oder Donald Trumps Gebrauchswerk ist, sei dahingestellt, ebenso wie die auf den Chaplin-Film „Der große Diktator“.

Andrea Stadel (Corilla Sartinecchi, die Primadonna), Yoonki Baek (Guglielmo Antolstoinolonoff, der erste Tenor)Andrea Stadel (Corilla Sartinecchi, die Primadonna), Yoonki Baek (Guglielmo Antolstoinolonoff, der erste Tenor)

Anderes in Effi Méndez‘ Regie verleitet mehr zum Schmunzeln. Dazu gehören die Schimpfwort-Ergüsse in der Streitszene Corillas mit Mamma Agata oder deren Duett mit dem Impresario. Voll kalter Ironie sind auch die Auftritte der anderen Sänger. Herrlich eitel und überzeichnet stellt Yoonki Baek die Kehlenkunst des Tenors heraus, der natürlich Guglielmo heißen muss, italienisch für Wilhelm, hier ein Eroberer der Herzen. Sehens- wie hörenswert ist auch Erwin Belakowitsch, der als Stefano seiner Bühnenfrau Corilla für alles den roten Teppich ausrollt, während Johan H. Choi als stimmgewaltiger Regisseur und Komponist Vincenzo Biscroma zu retten sucht, was nur irgendwie zu retten ist. Darum bemüht sich auch sein Kollege, der Librettist Orazio Prospero (quirlig Beomseok Choi). Beide sind sehr begehrte Männer, weil sie ständig Änderungswünsche der Diven erfüllen müssen. Über allem soll der Impresario schweben, der aber selbst zu erdenschwer ist. Gerard Quinn rettet ihm Würde und Autorität.

Von der Regie unter Wert verkauft werden Evmorfia Metaxaki und Wioletta Hebrowska, die eine als Luigia Boschi, Tochter der alles beherrschenden Agata, die andere als Dorotea Caccini, die der Tradition folgend den Helden spielen muss. Kastraten gab es nicht mehr. Um den hellen Stimmklang zu retten, steckte man eine Altistin in eine Hose. Beider Rollen wurden viel im Hintergrund gehalten. Schade um ihre schönen Stimmen.

EnsembleEnsemble

Donizettis Belcanto-Oper ist in vielem zeitbedingt. Ihre Musik allerdings ist zeitlos zu genießen, vor allem, wenn sich wie hier Sänger und Orchester sensibel verbinden. Takahiro Nagasaki führt geschickt dahin, wird sogar verbal und optisch in die Szene eingebunden. Im Libretto sind gewiss manche von Donizettis feinsinnigen Anspielungen nicht zu verstehen. Wer kennt noch zu seinen Zeiten geläufige Sängernamen wie Boschi oder Caccini oder musikalische Begriffe wie Biscroma? Dafür hat die Regie andere Zusammenhänge gefunden, die zudem aktualisieren. So tauchen frühere oder der jetzige GMD auf, auch mit Spitznamen. Ein großer Spaß ist, wenn plötzlich ein alter Nonsens-Schlager eingebettet ist. „Mein Gorilla hat 'ne Villa im Zoo“ sang einst Hans Albers. Jetzt spielte das Affentier, nur am Initial verändert, auf Corilla an, die Diva.

Man spürt der Inszenierung an, dass sie vor allem ein heutiges Publikum erreichen will. Das ist gut so, weil sie nach kulturellen Entbehrungen wieder befreiend genießen und lachen lässt.

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