Heiner Kock (Diederich Heßling), Foto: (c) Kerstin Schomburg

Heinrich Manns „Der Untertan“
– im Theater Lübeck durch Mirja Biel vom Sockel gestürzt

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Etwas früher als sonst wurde am Theater Lübeck die Saison eröffnet, gerade so, als wolle man einer neuen Welle von Einschränkungen zuvorkommen und wenigstens noch etwas von dem zeigen, was man in petto hat.

Es war Bewährtes, wieder eine Bearbeitung eines der prosaischen Werke aus der Mann-Dynastie. Diesmal aber keines von Thomas, sondern eines des ältesten der bedeutsamen Literaturgeschwister, eines von Heinrich Mann. Mirja Biel hatte sich bemüht, seinen vielleicht bekanntesten Roman „Der Untertan“ bühnenreif zu machen (Premiere+ am 15. August 2021), zumal es einen Anlass gab, sich an Heinrich Mann zu erinnern. Am 27. März hatte er seinen 150. Geburtstag.

Auch sein „Untertan“ ist inzwischen über einhundert Jahre alt, doch der Protagonist darin, Diederich Heßling, wirkt mehr denn je lebendig, lebendig wie das, was er verkörpert: einen leeren Patriotismus und gedankenlose Obrigkeitsverehrung, einen schalen Chauvinismus und eine antidemokratische Einstellung, alles gemischt mit bösartigem Simulantentum und rabiater Selbstüberschätzung, gepaart mit Frauenverachtung. Mit seinem Heßling gelang Heinrich Mann eine plastische Persiflage, zugleich eine satirische Analyse der damaligen Zeit, durchaus also wert, ihn an unserer Zeit zu messen.

Heiner Kock (Diederich Heßling), Michael Fuchs (Heinrich Mann), Foto: (c) Kerstin SchomburgHeiner Kock (Diederich Heßling), Michael Fuchs (Heinrich Mann), Foto: (c) Kerstin Schomburg

Butterweich und weinerlich schildert Heinrich Mann ihn, nur auf Impulse reagierend, die von außen kommen, dazu allem hörig, was ihm Macht verspricht. Erst ein gesellschaftlicher Aufstieg in Etappen und mit gehörigen Rückschlägen, die er in Vorteile zu verkehren weiß, lässt ihn härter werden. Kalt und machtbesessen, talentiert, Schwächen seiner Umwelt für sich auszunutzen und für die Intrige, weiß er, sich seine Umwelt gefügig zu machen. Ein dramenträchtiger Charakter ist er, den sich Mirja Biel vornahm. Sie sah ihn, durchaus akzeptabel, als ein grandioses Vorbild für lebende Opportunisten und fügte aus den biografischen Ansätzen in Heinrich Manns Roman mit unterschiedlichsten Verweisen auf das Heute einen lebendigen Theaterabend zusammen.

Heiner Kock (Diederich Heßling), Foto: (c) Kerstin SchomburgHeiner Kock (Diederich Heßling), Foto: (c) Kerstin SchomburgEin Konglomerat kam heraus, das im Zusammenhang wenig überzeugte, weniger noch als das, was man von ihr in Erinnerung hatte, Dostojewskijs „Der Spieler“, Ibsens „Ein Volksfeind“ oder der „Caligula“ von Albert Camus. In allen Inszenierungen sind es Figuren von überspannter Bösartigkeit, aber Figuren, für die Mirja Biel eine wirkungsvolle Bühnensprache fand, extrem und auf Schock bedacht.

Das blieb diesmal auf der Bühne des Großen Hauses weitgehend aus. Lag es daran, dass viele Versatzelemente ihrer früheren Inszenierungen bekannt waren, die Männer in Tutus oder in Pampers-ähnlichen Unterhosen? Auch dass sie Männer von Frauen spielen ließ oder Frauenrollen von Männern, vor allem, dass sie exzessiv die Lautstärke liebt. Aber an diesem Abend verweigerte sich der, der dies schreibt, mochte dem Aktionismus auf der Bühne nicht mit Spannung folgen. Vieles schien dem Verständnis oder der Situation nicht dienlich. Dazu gehört z. B. die Klavierszene, bei der Heßling das Thema aus einem Impromptus von Franz Schubert (op. 90, 1) auf das Klavier stochert, es nachzusingen sich anstrengt und dafür das Publikum wie in einer der vielen abgeschmackten TV-Paraden zum Beifall anstiftet, mal laut, mal leise. Das mag gerade noch angehen, weil etliche Zuschauer lustvoll mitmachten. Von wenig Stil zeugte dagegen die Anspielung auf den im Hause arbeitenden GMD und Pianisten.

Ein anderes Beispiel, das das leere Nebeneinander von aufdringlichen Effekten belegen kann, ist die völlig aus dem Rahmen fallende Szene aus Wagners „Parzival“. Das opulente Bühnenbild, auch der Einsatz von zwei Opernsängern (Virginia Felicitas Ferentschik und Simon Rudoff) ist an dem Abend singulär und steht in keinem Verhältnis zu dem Verständnisgewinn. Sollte im Saal wirklich niemand wissen, dass Wagners Opern einiges an nationalistischem Gedankengut bieten?

Vincenz Türpe (Napoleon Fischer), Henning Sembritzki (Regierungspräsident von Wulckow), Johannes Merz (Major Kunze), Heiner Kock (Diederich Heßling), Robert Brandt (Die Mutter), Virginia Felicitas Ferentschik (Lohengrin-Sängerin), Simon Rudoff (Lohengrin-Sänger), Foto: (c) Kerstin SchomburgVincenz Türpe (Napoleon Fischer), Henning Sembritzki (Regierungspräsident von Wulckow), Johannes Merz (Major Kunze), Heiner Kock (Diederich Heßling), Robert Brandt (Die Mutter), Virginia Felicitas Ferentschik (Lohengrin-Sängerin), Simon Rudoff (Lohengrin-Sänger), Foto: (c) Kerstin Schomburg

Die Inszenierung bemüht so ziemlich alles, was auf der Bühne möglich ist wie direktes und indirektes Spiel, das Heraustreten aus der Rolle, indem man den Zuschauer befragt oder sich selbst kommentiert, Projektionen von Texten, die dann noch abgelesen werden, oder von wackliger Wiedergabe von Aktionen in nicht einsehbaren Räumen. Slapstick gibt es. Eine Sequenz mit von Wulckows Hund ist zudem weidlich ausgenutzt, selbst das Programmheft muss sie mit dem Hinweis ergänzen, es sei „kein Hund zu Schaden gekommen“. Auch die Kasernenhofepisode wird plakativ ausgewalzt. Wie oft sah man solch aufgerissene Visage schon, die hier zu einer müden Schleifer-Szene passen sollte. Auch die studentische Kneipe mit dem Salamander als akademisches Trinkritual behauptet sich übermäßig stark, während auf anderes nur angespielt wird, wieder anderes sich rhetorisch wie eine Vorlesung anhört.

Michael Fuchs (Heinrich Mann), Foto: (c) Kerstin SchomburgMichael Fuchs (Heinrich Mann), Foto: (c) Kerstin SchomburgHeinrich Mann wurde nicht verschont. Er musste leibhaftig auftreten (Michael Fuchs). Schon beim Einlass steht er allein auf der Bühne. Um Worte ringt er, spricht sie sich vor, macht Skizzen, um sie dann laut klappernd mit der Schreibmaschine einem Blatt Papier anzudienen. Aber das ist kein Kammerspiel im engen Poetenzimmer. Der Zuschauer ist gleich zweimal dabei, real im Parkett oder auf den Rängen und seitenverkehrt auf einer Projektionsfläche von der Hinterbühne. Das verdoppelt den Bühnenraum, weitet ihn, aber auch den Horizont?

Eine Frage sei noch zum Bühnenbild (Matthias Nebel) erlaubt, das in der Mitte einen Sockel präsentiert. Auf der Seite 21 des Programmheftes erfährt man, dass es eine Nachbildung eines Sockels ist, dessen Abbild eines Sklavenhalters von „Black Lives Matter“ eben von diesem Sockel gestürzt wurde. Die Pause erweitert die Denkmalsstürmereien um viele weitere Beweise. War das eine Anstiftung dazu, der seltsamen Lattenkonstruktionen mit dem Kruzifix ganz oben, die dem Sockel im Schlussbild dieser Aufführung aufgesetzt wurde, das gleiche Schicksal angedeihen zu lassen?

Rachel Behringer (Guste Daimchen), Heiner Kock (Dr. Diederich Heßling), Foto: (c) Kerstin SchomburgRachel Behringer (Guste Daimchen), Heiner Kock (Dr. Diederich Heßling), Foto: (c) Kerstin Schomburg

Die Kostüme (Hannah Petersen) dienen sich der Historie an. Dass Heiner Kock als Heßling in wie auch immer rollengemäßer Kleidung mehr Ausdruck gehabt hätte als in der Unterhose, möchte man annehmen, hatten doch Jan Bryl als gut gekleideter Staatsanwalt Dr. Judassohn, Johannes Merz in Uniform als Major Kunze, Henning Sembritzki als Regierungspräsident von Wulchow mit gelackten Stiefeln und Pluderhosen oder Vincenz Türpe als Napoleon Fischer in Arbeitertracht immerhin passende Kleidung, stärkten ihren Auftritt dadurch. Selbst Robert Brandt, der Damendarsteller vom Dienst, und Rachel Behringer in gleich drei Rollen, zunächst als Agnes Göppel, dann als Heßlings späterer Frau Guste Daimchen und zugleich als Justitia, waren ihrer Rolle förderlich gekleidet. Warum machte man es Heiner Kock so schwer, der sowieso gegen seine kraftvolle Männlichkeit anspielen musste?

Gründe für all die überzogene Darstellung mögen sein, dass die Inszenierung das Groteske und Hergeholte manch politischer Einstellung heute hervorheben wollte. Mag angehen, aber Heinrich Manns Original ist unterhaltsamer - und eindeutiger.

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Fotos: (c) Kerstin Schomburg

Arndt Voß
Aufgewachsen in Neumünster, in Lübeck seit 1959. Studium in Kiel und Hamburg (Musik- und Literaturwissenschaft). Ständige Mitarbeit an den Lübeckischen Blättern von 1974 bis 2014, Berichte und Kritiken darüber hinaus in einigen anderen Organen. Schwerpunktthemen: Musiktheater, Schauspiel, Konzerte.
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Kommentare  

# Der Untertan im Theater LübeckBettina Sick-Folchert (26.09.2021, 11:11)
Ich danke Herrn Voß für seine anregende Kritik, die ich allerdings nicht teile. Unterhaltsam war der Abend allemal, nicht eine Sekunde Langeweile. Ich bin durch alle Gefühlsfacetten gewandert: vom puren Amüsement über die Absurdität mancher Kostüme und Slapstickeinlagen, zur Freude an der Spielfreude des sehr körperlichen Spiels des großartigen Ensembles und dem Heraustreten aus den Figuren, bis hin zu beklemmender Angst, die das brutale, besoffene Männlichkeitsgehabe in mir immer wieder auslöste. Wie großartig die Idee, dass sich die Figuren vom Autor lösen, dass sie ihr eigenes Leben einfordern. Ein Autor wie Heinrich Mann kann sie beschreiben, aber ihr reales Leben nicht beeinflussen. Das ist eine grundsätzliche Anfrage an die Einflussmöglichkeiten der Kultur und auch an uns, das "gebildete" Theaterpublikum. Wie lassen sich Diederiche stoppen? Wenn sie doch wie der nackte Kaiser mitten unter uns herumlaufen und trotz aller stümpernder Unfähigkeit unaufhaltsam aufsteigen?
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