Lilly Gropper (Lilie), Susanne Höhne (Rose), Will Workman (Gänseblümchen), Heiner Kock (Gänseblümchen), Astrid Färber (Alice)

Tiefgründiges Musical im Theater Lübeck
Alice

Vorsicht vor einem Hasenloch! Die Welt ist bunt und schwupp-di-wupp fällt man tiefer - immer tiefer und versinkt unter der Erde, wo ungeahnte Dinge auf einen zukommen und man erfährt Dinge, von denen man bis dahin keine Ahnung hatte.

„Ich bin ein Mädchen“, versichert stets die erwachsene Alice, die noch immer nicht mit ihrer Kindheit abgeschlossen hat. Die Geschichte der Alice ist Charles Lutwidge Dodgson, besser bekannt als Lewis Carroll, bei einer Bootsfahrt 1862 eingefallen. Es ist die Geschichte der Alice Liddell, die zu der Zeit gerade zehn Jahre alt war. Ihr Vater, ein Dekan, unterrichtete am Oxforder College Christ Church Mathematik und Logik. Die Tochter bat ihn, die Geschichte aufzuschreiben.

Das Theater Lübeck war vom Thema gefangen und neugierig, was ein Fachmann auf dem Gebiet seltener Krankheiten an Kenntnis über die Menschen – in diesem Falle der kleinen Alice, in Erfahrung bringen kann. Das Theater stieß auf Professor Alexander Münchau, Neuropsychiater und Sprecher des Lübecker Zentrums für seltene Erkrankungen. Der Fachmann besuchte Proben des Stückes, war für alle Fragen offen und teilte dann sein Wissen den Leuten des Theater Lübeck mit.

Andreas Hutzel (Charles Dodgson), Astrid Färber (Alice)Andreas Hutzel (Charles Dodgson), Astrid Färber (Alice)

Es geht hier speziell um die Frage der Identität eines Menschen. Das ist natürlich ein weites Feld, weil dieses Thema jeweils individuell anzugehen ist. Die erwachsene Alice lebt immer noch in ihrer Kinderwelt und kann gar nicht oft genug beteuern, dass sie ein Mädchen sei.

Der stotternde Autor Dodgson/ Carroll, der Mädchen bevorzugte, erscheint fragwürdig. Alices Mutter verbot Carroll den Umgang mit ihren Töchtern. Außerdem war er Amateurfotograf, der gerne und bevorzugt Mädchen – verkleidet oder nackt – in schönen Posen fotografierte. Der Professor für Neuropsychiatrie spricht auch von der Leere, die jedes Kind nach unangenehm Erlebtem erfahren muss. Es sucht daher nach Begegnungen aus der Kindheit. Daher ist Alice auch dem verrückten Hutmacher, der Grinsekatze oder der Herzkönigin so zugetan, sie ist eben eine Mädchen.

Astrid Färber (Alice), Andreas Hutzel (Charles Dodgson)Astrid Färber (Alice), Andreas Hutzel (Charles Dodgson)

Aber was bedeutet es, ein Kind zu sein? Sind die Übergänge zwischen Erinnerung und Gegenwart nicht fließend? Alice hat viele Begleiter auf ihrem schwierigen Weg zum Sich-finden. Astrid Färber ist eine wunderbare Alice, die trotz allem ihre Kindlichkeit bewahrt hat und mit großen Augen sich der Situation hingibt oder sie ablehnt. Carroll begegnet ihr mit Bewunderung oder Abscheu, weil sie ihre Identität sucht.

Lilly Gropper verkörpert die unterschiedlichsten Rollen großartig; ebenso Susanne Höhne - "Schmeckt das Essen?", möchte man fragen. Wieder großartig Will Workmann und Heiner Kock. Henning Sembritzki hat die Grinsekatze verinnerlicht und begeistert als strickendes Schaf. Wieder einmal im Mittelpunkt Andreas Hutzel. Auch in der Rolle des Lewis Carroll als nimmermüder Fotograf mit unschönen Hintergedanken – immer im Bild.

Urs Benterbusch (Gitarre, Mandoline), Edgar Herzog (Saxophon, Klarinette, Piccoloflöte), Tobias Hain (Trompete, Flügelhorn), Martina Tegtmeyer (Akkordeon), Peter Imig (Kontrabass, Violine), Willy Daum (Klavier, Schlagzeug)Urs Benterbusch (Gitarre, Mandoline), Edgar Herzog (Saxophon, Klarinette, Piccoloflöte), Tobias Hain (Trompete, Flügelhorn), Martina Tegtmeyer (Akkordeon), Peter Imig (Kontrabass, Violine), Willy Daum (Klavier, Schlagzeug)

Choreografie Tiago Manquinho. Die sechs Leute der Band beeindruckten. Malte C. Lachmann inszenierte. Er hat das Glück, von tüchtigen Mitarbeitern umgeben zu sein. Luisa Wandschneider für die Bühne, unerhört einfallsreich Tanja Liebermann mit ihren Kostümen, die total aus der Rolle fallen. Ganz toll die Bühnenbildzeichnungen von Lasse Wandschneider. Willy Daum ist einmal mehr für die musikalische Leitung und Arrangements unverzichtbar.

Eine Vorstellung zum Lachen und Weinen, bei der man die Tiefgründigkeit des Stückes nicht außer Acht lassen darf.

Helga Rottmann
Helga Rottmann
Immer wieder musste der Großvater dem Kind "Kennst Du das Land, wo die Zitronen blüh'n" aus "Mignon" vorsingen. Das zielte auf ein Gesangsstudium. Dennoch der Wechsel zur schreibenden Zunft. 15 Jahre Kultur-Redakteurin bei einem Lübecker Blatt. Schreibt seit 2012 für "unser Lübeck". Schwerpunktthemen: Oper, Operette, Musical, SHMF.

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