Jochanaans Kopf - vergoldet serviert
Schwerins „Salome“

Von

In Schwerin ist Richard Strauss‘ Salome in einer Inszenierung zu sehen (Premiere: 22. April 2016), die trotz ihrer hohen musikalischen Qualität erstaunlich kühl, erstaunlich distanziert wirkt. Wenig geblieben ist von Sinnlichkeit und psychologischem Irrsinn einer gleichermaßen ruchlosen und unschuldigen Kindfrau.

Der geometrische Spielraum, gestaltet von Alexandre Corazzola, ist eng und zugestellt. Symmetrisch verkleinern links und rechts breite, dunkle Treppenpodeste die Vorderbühne. In der Mitte führt ein sich nach hinten erhebender Keil durch eine schwarze Wand, die bereits im vorderen Drittel die Bühne verstellt. Nur wenn sich ein riesig rundes Loch öffnet, wird der Blick frei auf den Horizont, dessen Farbgestaltung sich den Stimmungen anpasst. Das Loch zitiert im Visuellen das häufigste Symbol im Libretto, den Mond, ermöglicht aber auch den Einblick in Innenräume mit glatten, hölzernen Wänden. Auch diese enthalten wieder Sichtsperren, einen breiten Tisch als quer stehendes Möbel. Zudem ist der Keil wie auch die Decke der inneren Räume mit einem optisch einengenden und zugleich täuschenden Muster bedeckt. Alles erzeugt bereits bei wenigen Akteuren auf der Bühne den Eindruck von Fülle. Scharfe Lichtkegel heben zudem die Protagonisten ins Licht, sodass nichts unentdeckt oder geheimnisvoll wirkt.

Kornelia Repschläger will in ihrer Inszenierung jede noch so kleine Assoziation an den Orient vermeiden, weder an den biblischen Jochanaan (Johannes der Täufer), noch an die historische Prinzessin Salome oder ihren Stiefvater, den König Herodes. Die Kostüme von Ralf Christmann helfen dabei. Salome ist kräftig tätowiert. Ihre Kleidung - oder angemessener: ihr Outfit - mischt Grufti-, Gothic- oder Gipsy-Elemente, unglücklich für die Erscheinung der Darstellerin. Weit wirkungsvoller ist dann ihr Marlene-Dietrich-Look, blond und im dunklen Anzug in der Tanzszene. Die Eltern, auch die Juden stecken in Gesellschaftskleidung, Herodias dabei mondän aufgetakelt in einem bodenlangen, grünen Kleid mit tief ausgeschnittener Korsage, Herodes in einem schmarten Smoking. Skurril wirkt Jochanaan in seinem derben, kragenlosen Anzug, dazu nur ein Flügel auf dem Rücken, ein halber Engel. Narraboth trägt Uniform, die Soldaten sind Wächter im Bodyguard-Stil.

Die Handlung beginnt schon vorher mit einer stummen Szene, in der Klein-Salome ihrer Zofe bockig zu schaffen macht. Dazu wird eine Kurzfassung des Geschehens von einer jungen Stimme vorgelesen. Soll damit angedeutet werden, dass sich die spätere Handlung nur als Vorstellung im Kopfe der Heranwachsenden ereignet, das neurotische Geschehen mit seinen erotischen Exzessen sich als kindliches Traumtheater abspielt? Noch einmal erscheint die Kleine am Schluss, überbringt den Kopf des Jochanaan auf einem Tablett, aber schön sauber und vergoldet ist er. Was kann sie schon von der Erkenntnis ihres herangereiften Alter Egos in der letzten großen Arie wissen: „… das Geheimnis der Liebe ist größer als das Geheimnis des Todes …“, ahnt sie, dass Herodes sie als Ungeheuer verdammt, obwohl sie den Kopf nicht einmal küsst? Auch anderes bleibt rätselhaft. Warum ist dieser Prophet ein halber Engel, dem Salome noch den einen Flügel abreißt. Will sie ihn damit zum Menschen degradieren, ihn ihrer irdischen Lust näher bringen, indem sie diesen Flügel liebevoll im Arm hält? Unfreiwillig komisch wirkt Salomes Leidenschaft für den Propheten, wenn sie verzückt von dessen Haar singt: „Die langen schwarzen Nächte, wenn der Mond sich verbirgt, wenn die Sterne bangen, sind nicht so schwarz wie dein Haar.“ Dabei liegt sie auf dem Schenkel des keuschen Objektes ihrer Begierde. Aber Jochanaan hat einen Glatzkopf, ein verwirrender Kontrast zu ihrem Gesang.

Merkwürdig ist auch der Schleiertanz, auf dessen Gestaltung der Zuhörer bei jeder Inszenierung gespannt ist. Hier ist Herodes nicht einmal auf der Szene anwesend, obwohl Salome ja für ihn auftritt (Choreografie: Nicola Mascia). Stattdessen zelebriert sie ihren Tanz mit einer Schar von mehr oder weniger ansehnlichen Männern in Hosen mit Trägern über blankem Oberkörper. Das sieht nach sexueller Ausbeutung oder Gier, nach Nachtbar aus, einen Eindruck, den Richard Strauss absolut vermieden haben wollte. Das Laszive seiner Musik verlegt sich nach außen, verliert das Sinnliche.

Die Kraft der Inszenierung liegt in der Musik. Das Theater hatte für alle großen Partien Gäste engagiert, die die Aufführung hörenswert machten. Insbesondere Karen Leiber begeisterte, sang ohne merkbare Erschöpfung ihre große, fordernde Partie. Ihr kräftiger jugendlich-dramatischer Sopran war für die Titelpartie bestens geeignet, und auch spielerisch setzte sie alles ein. Warm und gefühlvoll konnte sie klingen, um Jochanaan zu beeindrucken, scharf und strahlend fest, wenn sie sich ihrer Umwelt gegenüber behauptete. Ihre beiden männlichen Widerparte, ihr lüsterner, zugleich ängstlicher Stiefvater und der eher einsträngige, seiner Sendung bewusste Jochanaan, kontrastierten stark. Dem König lieh der wendige Peter Svensson wirkungsvoll Gestalt und Stimme mit starkem, in der Höhe stählernem Heldentenor, im Spiel auch psychologisch feinsinnig nuancierend. Als Prophet war Mark Morouse mit seinem intensiven, geradlinigen Bariton stimmlich überzeugend und als Herodias Ruth-Maria Nicolay ihrem verhassten Ehemann eine bedrohlich kraftvolle Antagonistin, schneidend im Stimmklang und ausdrucksstark im mimischen Spiel.

Was diese Aufführung zudem auszeichnet sind die vielen guten Leistungen in den kleineren Partien. Auffallend gut waren darunter der Narraboth von Steffen Schantz und der Page von Sophia Maeno. Als Juden bildeten Christian Hees, Alexander Tremmel, Matthias Koziorowski, Raphael Pauß und Sebastian Kroggel ein markantes Quintett. Als Nazarener sangen Igor Storozhenko und Niccoló Paudler, als Soldaten Markus Vollberg und Sebastian Kroggel, als Cappadocier Jaewon Kim und als Sklave Daniela Sieveke. Erfreulich auch, was aus dem Orchestergraben zu hören war. Die Mecklenburgische Staatskapelle Schwerin spielte sehr engagiert, geleitet von ihrem GMD Daniel Huppert. Ihm gelang es stets, den rauschenden, vollen Klang aus dem Graben in Balance zur Bühne zu halten. Das Publikum zeigte sich begeistert und applaudierte lang anhaltend.

Nur drei weitere Aufführungen stehen noch an: am 30. April, am 8. und 27. Mai 2016. Weitere Termininfos: Salome

Fotos: Silke Winkler

Arndt Voß
Aufgewachsen in Neumünster, in Lübeck seit 1959. Studium in Kiel und Hamburg (Musik- und Literaturwissenschaft). Ständige Mitarbeit an den Lübeckischen Blättern von 1974 bis 2014, Berichte und Kritiken darüber hinaus in einigen anderen Organen. Schwerpunktthemen: Musiktheater, Schauspiel, Konzerte.
Weitere Artikel

Sie haben keine Berechtigung hier einen Kommentar zu schreiben.